Abstimmung 1:12-Initivative: Lohndiktat oder gerechtfertigte Obergrenze?
PRO
Gemeinschaft oder «the winner takes it all»?
Heiliger Bimbam. Im Jahre 2009 hat Brady Dougan, Chef der Crédit Suisse, 1820-mal mehr verdient als der Mitarbeiter mit dem tiefsten Lohn in seiner Bank. Die schlechtbezahlteste Angestellte hätte beinahe seit der Geburt von Jesus durch alle Zeitalter bis zum heutigen Tag ununterbrochen arbeiten müssen, um gleichviel verdient zu haben, wie Dougan in einem einzigen Jahr. Ein solches Lohnverhältnis bewegt sich jenseits jedes gesunden Verstandes. Wir sind uns einig: Dem Menschen sind Grenzen gesetzt. 5-mal besser, 6-mal effizienter oder 7-mal leistungsfähiger zu sein als ein anderer, ist bereits schwierig zu legitimieren. Bei einem Verdienst, der 100-, 200- oder 1000-mal höher ist als ein anderer, dann scheint jegliche Relation zum Rest der Gesellschaft verloren. Wenn es erstrebenswert erscheint, Millionen zu verdienen, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen, in einer Welt, in der ein Viertel der Menschen unter der Armutsgrenze lebt, dann befinden wir uns in einem Zustand der masslosen Gier. Notabene eine der sieben Anleitungen, den Himmel zu verfehlen. Dass exorbitante Löhne und Boni eine Perversion unseres Systems sind, das bezweifelt heute kaum noch jemand. Der Streitpunkt ist vielmehr, was unternimmt eine Gesellschaft als Ganzes gegen diese Übertreibung Einzelner?
Als Christen sind wir unseren Mitmenschen und dem Evangelium verpflichtet. Unsere Mitmenschen sind zu Recht irritiert, wenn wir als Botschafter von Jesus Christus diejenigen verteidigen, die Profiteure eines Systems sind, dass auf Ausbeutung und Gier basiert. Das Wirtschaftssystem sollte allen Menschen dienen, damit alle gemeinsam in Würde leben können. In den real herrschenden Verhältnissen steht nicht der Mensch, sondern stehen genau gegenteilig wirtschaftliche Interessen auf Kosten anderer im Mittelpunkt
Und das Evangelium? Jesus hat klare Worte, wenn es um Reichtum geht: In Kapitel 6 des Markusevangeliums ruft er dazu auf, nicht dem Mammon zu dienen. Dem lässt er handfeste Taten folgen und vertreibt vor dem Passahfest die Händler und Banker aus dem Tempel (Kapitel 11). Damit zeigt er sich als politischen Propheten, der sich mutig gegen eine profitorientierte und gemeinschaftsverachtende Mentalität eingesetzt hat.
Wie eine Gruppe Feuerwehrleute, die ratlos um ein loderndes Flammenmeer stehen, warten wir darauf, dass jemand das Problem der Lohn- und Boni-Exzesse löst oder schlimmer noch, wir verschliessen unsere Augen vor dem Feuer. Dabei liegt es auf der Hand: Ein gesellschaftliches Problem lässt sich nicht mit der Fernbedienung vom Sofa aus lösen.
Simeon Marty
KONTRA
Hinterhältiger Angriff auf Leute mit geringer Ausbildung
Die Annahme dieser Initiative würde nicht nur die höchsten Löhne senken, sondern zugleich einen proportionalen Mindestlohn einführen. Zum lehrreichen Vergleich: In Frankreich gilt seit Jahrzehnten ein gesetzlicher Mindestlohn: Salaire minimum interprofessionnel de croissance, im Volk als SMIC (früher SMIG) bekannt. Er beträgt dieses Jahr 1430 monatlich bei 151 Arbeitsstunden. Das ergibt ein Jahreseinkommen von brutto 18 600 . Rund 12 % der Beschäftigten in Frankreich beziehen dieses Salär. Trotz einigen Ausnahmeregelungen sind sich die meisten Ökonomen einig, dass der SMIC die hohe Arbeitslosigkeit mitverursacht.
Aufschlussreich ist das Verhältnis zwischen unten und oben auf der Lohnskala. Ein Beispiel: Die teilstaatliche France Télécom entlöhnt ihren CEO Stéphane Richard mit dem 80-fachen Betrag des SMIC. Richard wäre bei der allfälligen Einführung des Maximalsteuersatzes auch mit 900 000 zufrieden. Das ergäbe zum SMICein Verhältnis von immer noch 1:48. Das mittlere Einkommen der Topmanager in den 40 grössten französischen Unternehmen (CAC 40) beläuft sich auf 2,3 Mio . Das Verhältnis dieses Durchschnittswerts zum Mindestlohn beträgt somit 1:120. Hierzulande sind die Besoldungspyramiden flacher. Betrachtet man einen Managerlohn von jährlich 750 000 Franken, was der Konzernchef der staatlichen Ruag verdient, so müsste gemäss Initiative das tiefste Einkommen dieses Rüstungs- und Technologiekonzern 62 500 Franken betragen. Derart überhöhte Mindestlöhne würden dazu führen, dass Tausende von Erwerbslosen, die arbeiten wollen, den Sprung in die Arbeitswelt nicht mehr schaffen.
Wie konnte den Fauteuil-Gewerkschaftern mit den sauberen Händchen entgehen, dass das Verhältnis von 1:12 zahlreiche Arbeitsuchende aus dem Arbeitsmarkt vertreiben und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen enorm erschweren würde? Einem Krisenmanager wie Oswald Grübel bei der UBS 2,2 Mio Franken zuzugestehen, war wohl unvermeidlich, und immerhin erfüllte er seine Aufgabe. Soll ein UBS-Raumpfleger mit 180 000 Franken beginnen? Der Staatsbetrieb Swissair bezahlte seinem übrigens völlig erfolglosen Krisenmanager Mario Corti 12 Millionen. Rechne! Das Verhältnis von 1:12 schafft überhöhte Mindestlöhne. Und weil zu den gering Qualifizierten viele Ausländer gehören, riecht die 1:12-Initiative auch penetrant nach Fremdenfeindlichkeit. Ihre Annahme wäre für den sozialen Frieden verheerend und für die Schweiz eine Schande. Deshalb ist jede Nein-Stimme wichtig.
Peter Ruch
Simeon Marty
Abstimmung 1:12-Initivative: Lohndiktat oder gerechtfertigte Obergrenze?