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Reidoldswil

Das Bibelfliesen-Museum im Pfarrhaus

von Noemi Harnickell
min
27.08.2026
Die Reigoldswiler Pfarrerin Dorothee Löhr macht ihr Zuhause zum Museum für Bibelfliesen. Die Schenkung der Merian-Stiftung an die Kirchgemeinde bringt europäische Kultur-geschichte ins Baselbiet und öffnet neue religionspädagogische Möglichkeiten.

Ein Drache reisst die Welt in den Untergang. Ein Walfisch schluckt den schreienden Jona. Hinter einer knienden Frau hängt ein Mann am Galgen. Diese Szenen gibt’s seit ein paar Wochen im Pfarrhaus Reigoldswil zu sehen.

Dorothee Löhr ist hier seit Februar 2025 Pfarrerin. Seit Juni dieses Jahres ist sie ausserdem Kuratorin eines aussergewöhnlichen Museums: An den Wänden ihrer Wohnküche im Pfarrhaus reihen sich Fliesen mit filigranen, manganbraunen Zeichnungen. Sie zeigen nur einen Ausschnitt einer insgesamt 460-teiligen Sammlung historischer Bibelfliesen, die seit einigen Wochen im Besitz der Kirchgemeinde Reigoldswil-Titterten ist. Die Fliesen sowie 14 gusseiserne Ofenplatten mit biblischen Motiven sind eine Schenkung der Christoph-Merian-Stiftung.

Der Pfarrer und Merian-Nachfahre Christoph Ramstein hatte die Fliesen über Jahrzehnte gesammelt und suchte nach einem geeigneten Ort, um sie auszustellen. Wegen Platz- und Ressourcenmangel konnten allerdings weder das Historische Museum Basel noch das Heimatmuseum Reigoldswil die Sammlung aufnehmen, erzählt Löhr. Sie selbst befasst sich seit Jahren mit den Fliesen und ist auf dem Gebiet inzwischen eine richtige Expertin. Kurzerhand verwandelte sie ihr eigenes Zuhause sowie die Kirche Reigoldswil in ein Bibelfliesen- und Ofenplatten-Museum und bietet Führungen und Workshops an.

 

«Kirchenbote» Leserführung

Am Mittwoch, 16. September, 14 Uhr, führt Dorothee Löhr durch die Ausstellung im Bibelfliesen-Museum. Kosten: 12 Franken. Anmeldung bis 13. September an: sekretariat@kirchenbote.ch

 

Bilder erzählen Geschichten

Bis heute zieren die Fliesen aus dem 17. und 18. Jahrhundert Kamine und Küchenwände in den Niederlanden und Norddeutschland. Die Fliesen wurden im Rahmen einer vorindustriellen Massenproduktion in den Niederlanden angefertigt und avancierten rasch zum Exportschlager. In ganz Europa schmückt das bekannte Delfter Blau seither nicht nur einfache Bauernhäuser, sondern auch Schlösser und Paläste.

Neben bib­lischen Motiven bilden sie auch Schiffe oder ­asiatische Muster ab, allerdings gehörten die Bibelgeschichten zu den beliebtesten Zeichnungen. Anhand der Fliesen konnten Eltern etwa ihren Kindern die dazugehörigen Bibelgeschichten erzählen. «Man erkennt die Geschichten nur, wenn man sie schon mal gelesen hat», meint Dorothee Löhr. Sie blättert in der alten Merian-Bibel, die sie nach ihrem Amtseintritt geschenkt bekommen hat. Das Buch stammt aus dem 17. Jahrhundert und enthält die Kupferstiche des Basler Verlegers und Bibelillustrators Matthäus Merian (1593–1650). Seine Illustrationen sind die Grundlage für die Motive auf den Bibelfliesen.

 

| Foto: Katja Schmidlin

| Foto: Katja Schmidlin

 

Von der Fliesenleserin zur Fliesenlegerin

Dorothee Löhr setzte sich vor zwölf Jahren zum ersten Mal intensiv mit den Fliesen und ihrer Geschichte auseinander, als sie in ihrer früheren Kirchgemeinde in Mannheim eine Wanderausstellung zu dem Thema buchte. Sie vertiefte sich nicht nur inhaltlich, sondern verwandelte auch die Kirche in eine Werkstatt zum Fliesenmalen.

Löhr liess ein Memory-Spiel mit 24 Motiven aus der Schenkung drucken. Das Spiel funktioniert nicht nur als normales Memory, sondern lässt sich zum Beispiel auch als Rätsel nutzen: Wer hat die Geschichten auf den Motiven am schnellsten in Altes und Neues Testament sortiert? «Das Memory ist wie ein Bibelkurs», sagt Löhr. «Am Ende kennen die Schüler wenigstens diese 24 Geschichten.» Ausserdem könne mit dem Memory jede und jeder selbst zum Fliesenleger werden und sie in ganz verschiedenen Mustern aneinanderreihen.

Kinder seien Geschichtensammler, beobachtet Löhr. Wenn sie sich erst mit einer Geschichte beschäftigt haben, wollen sie diese auch nach­lesen. «In diesen gemalten Geschichten liegt ein enormes religionspädagogisches Potenzial. Die Kinder sind ganz stolz, wenn sie zu Bibelaus­legern werden!»

Ein Geschenk – und eine Aufgabe

Pfarrhaus und Kirche erhalten demnächst den offiziellen Museumsstatus. Während das Herzstück der Sammlung, die Fliesen, im Pfarrhaus zu sehen sind, sind die Ofenplatten in der Kirche ausgestellt. Dorothee Löhr freut sich, mit der Ausstellung ihre Rolle im Pfarramt auszuweiten. Sie sei nun Pfarrerin, Lehrerin und Museumskuratorin. Damit geht für Löhr ein grosser Wunsch in Erfüllung: Seit ihrem Einzug will sie den Raum auch für andere Menschen öffnen. Die christ­liche Gastfreundschaft, findet sie, müsse besonders im Pfarrhaus gewahrt werden.

Ihr Lieblingsmotiv zeigt die Pharaonentochter, die den kleinen Moses im Körbchen am Nilufer findet. «Ich komme mir oft selber vor wie diese Pharaonentochter, die ein Geschenk kriegt, das auch eine Aufgabe ist.»

 

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