Der Königsweg des Andreas Pauli
Wir sitzen in einem Café beim Bahnhof Aarau. Züge fahren ein, Passagiere steigen aus, und die Reise geht weiter. Der Treffpunkt steht symbolisch für das Leben von Andreas Pauli, das an unzähligen Stationen stattfand. Darüber hat der 68-jährige Pfarrer ein Buch geschrieben. Es heisst «Der Königsweg nach Sukur», und wenn man ihn danach fragt, kommt er ins Erzählen wie einer, dessen Leben nur so von Abenteuer strotzt. Mit seinem Buch reist Pauli für Lesungen durch die Deutschschweiz, gerade letzthin nach Welschenrohr, wo er von 2001 bis 2007 als Pfarrer wirkte. Es war ein herrlicher Auftritt, erinnert sich der Pensionierte, ein Heimkommen zu Freunden. Die Chorgemeinschaft Dünnerntal sang «Die Nacht» von Schubert.
Angefangen hat Paulis Buchprojekt in Costa Rica, während eines Sabbaticals. Kein Plan, kein Auftrag, nur ein Park und ein Mann, der Episoden seines Lebens aufzuschreiben begann, weil es ihm guttat. Später lernte er Ronny Spiegelberg kennen, einen Freund mit einem kleinen Hobbyverlag. Aus dem Gespräch wurde ein Buch, aus dem Buch eine Vernissage in Birrwil. «So einfach kann Schicksal aussehen, im Nachhinein betrachtet», sagt Pauli.
Den Titel hat sich der Pfarrer gut überlegt. Der Königsweg, sagt Pauli, sei jener Weg, der einem zugedacht ist, der zu einem passt. Man merkt es, wenn man ihn geht, und es sei ein Glück, ihn zu erkennen. Bei ihm war es die Theologie, obwohl er auch Musikkritiken schrieb und Taxi fuhr, ehe er sich festlegte. Wer von Anfang an wisse, dass er Theologie studieren werde, sei schon auf seinem Königsweg.
Der Preis der Freiheit
Seiner hat ihn weit weggeführt. Nach der ersten Pfarrstelle in Malters im Luzernischen zog es die Familie Pauli im Jahr 1991 nach Nigeria im Auftrag der Basler Mission. Fünf Jahre unterrichtet er dort angehende Evangelisten, lebt ohne Telefon, ohne Agenda, mit gelegentlichen Stromausfällen. Mutig nennt er das, vielleicht auch fahrlässig, auf jeden Fall unverfroren. Und er hatte Glück, dass seine Frau seine Abenteuerlust teilte. Heute könnte er nicht mehr zurück nach Nigeria. Die Welt sei gefährlicher geworden, man komme an viele Orte nicht mehr ungehindert hin, wo man einst frei hinreiste.
Berührungsängste hatte Pauli nie. Nichts Menschliches sei ihm fremd, das Abenteuer habe ihn gereizt, und seine Frau Barbara sei immer dabei gewesen. Ein Leben als Theologe, sagt er, habe er sich nie so spannend vorgestellt. Am meisten geblieben ist ihm die Gastfreundschaft der Nigerianer, diese Selbstverständlichkeit, mit der man auf der Strasse stehen blieb und redete. Eine halbe Stunde allein dauerte deshalb der kurze Weg vom Wohnhaus zur Schule.
Die Kinder wuchsen frei unter anderen Kindern auf. Auch Pauli fühlte sich frei – verliebte sich in eine junge Einheimische, seine Frau tat es ihm gleich. Ihre Ehe schlitterte in die Krise.
Der junge Pfarrer traf in den 1990er-Jahren in Nordnigeria auf eine Spiritualität zwischen pfingstlicher Begeisterung, Ahnenkult und tolerantem Islam. «Die Nigerianer stellten sich dem Alltag und freuten sich am Leben», sagt Andreas Pauli. Dass es in der Schweiz unfreundliche Menschen gibt, kann er bis heute kaum fassen. Die Schweizer, findet er, leiden unter ihrer eigenen Mürrischkeit. Genau darin liege die Chance der Kirche: gastfreundlich sein, nicht mürrisch, ein Ort sein, an den man gerne geht, weil es schön ist. Diese Botschaft hat Pauli aus Nigeria mitgenommen.
Die Rückkehr in die Schweiz, 1996, war für die Kinder schwieriger als für die Eltern. In Nigeria war es ihnen gutgegangen, das Hin und Her forderte seinen Preis, aber sie konnten damit umgehen. Beide Kinder wollten in Nigeria bleiben, in der Schweiz bekamen sie Schwierigkeiten, sich einzuleben.
Auch Paulis Ehe kam nach der Rückkehr nicht zur Ruhe. Eine Weile lebten sie getrennt, sie in Basel, er in Welschenrohr, wo ihn Barbara gerne besuchte. Sieben Jahre habe es gebraucht, bis sie in Etappen wieder zueinanderfanden, nachher sei es besser gewesen als zuvor. Geholfen habe ihnen dabei, sagt Andreas Pauli, was er in Nigeria gelernt hatte: Dort leben Frauen aus beruflichen Gründen oft anderswo als ihre Männer. Dieses andere Ehemodell half ihnen, das eigene zu verstehen.
Endlich richtig wohnen
Rupperswil kam später als gemeinsamer Ort. Barbara hatte sich gewünscht, endlich einmal richtig zu wohnen, und so kauften sie die Wohnung in der alten Spinnerei, um zu bleiben. Doch das Glück hielt nicht lange. Barbara Pauli kam beim Wandern ums Leben, sie stolperte und fiel einen Abhang hinunter – ausgerechnet in Adelboden, wo die Familie bis heute ein Haus besitzt, das «Weidhüsli». Nach 33 Jahren Ehe stand Andreas Pauli abermals vor dem Scherbenhaufen.
Das «Weidhüsli» hat er behalten. Barbara ist oben auf einer Alp beerdigt, eine kleine Wanderung führt hinauf, und die Erinnerung, sagt er knapp, sei sehr schön. Er selber, der nie Höhenangst kannte, tut sich seither schwer mit Abhängen.
Hinter Gittern
Eine andere Station in Paulis Leben war die Strafanstalt Lenzburg. Er war dort Gefängnisseelsorger. Die 13 Jahre waren voller guter Begegnungen und schlimmer Geschichten, erzählt er, belastend und befreiend zugleich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stelle sich hinter Gittern anders als draussen, dort, wo man alles verloren hat, Beziehungen, Freiheit und oftmals die Zukunft. Eine gute Frage sei die Frage nach dem Sinn des Lebens, findet er, eine, der sich jeder stellen müsse. Genau das mache das Leben schön und wertvoll.
Wenn Andreas Pauli heute durch seine Erinnerungen reist, sucht er die Orte wieder auf, an denen er gelebt hat, eine Art Leserreise durch das eigene Leben. Sein Fazit ist nüchtern wie ein Schlussvers: Es seien die Freude und die Neugier gewesen, die ihn angetrieben hätten. Was der Sinn des Lebens sei, lässt er offen. Aber wo sein Königsweg lag, das weiss er genau.
Andreas Pauli, «Der Königsweg nach Sukur», Spiegelberg.
Lesungen: 5. September, 19.15 Uhr, Kultur im Zelt, Beinwil am See; 17. November, ab 11.30 Uhr, Zämmä ässeä 60+», Restaurant Schlossberg, Schlossberg 49, Signau
Der Königsweg des Andreas Pauli