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Das ist eure Kirche

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17.02.2016
Ein Pfarrer mit einer Vision und eine Kapelle im Dornröschenschlaf stehen ganz am Anfang. Fünf Jahre später ist sie dank viel Eigeninitiative mit Leben gefüllt. Eine Erfolgsgeschichte könnte man meinen. Aber es passt nicht allen.

┬źDas scheint ein Bed├╝rfnis zu sein┬╗, sagte sich Hansruedi Vetsch, als er vor f├╝nf Jahren auf einer Velotour von Winterthur nach Frauenfeld an einem Atelier vorbeikommt, das einen ┬źRaum der Stille und Besinnung┬╗ vermietet. Ein buchst├Ąbliches Schl├╝sselerlebnis f├╝r den reformierten Pfarrer. Vetsch ist Stiftungsratspr├Ąsident der ├Âkumenischen Bruderklausen-Kapelle, einem kleinen, 50-j├Ąhrigen Gotteshaus, etwas ausserhalb von Frauenfeld. Seit Jahren war es verwaist, kaum ein Gottesdienst fand noch statt, das Innere war kahl und freudlos. Auf einmal sah Vetsch eine Bestimmung f├╝r den unbenutzten Kirchenraum. ┬źDass es Leute gibt, die einen christlichen Kraftort suchen, aber nie einen Schritt in eine traditionelle Kirche wagen, wusste ich schon lange.┬╗ Die Kapelle soll ein Ort f├╝r sie werden, fand Vetsch.

Schl├╝ssel verteilen
Heute, f├╝nf Jahre sp├Ąter, sitzt Hansruedi Vetsch auf einer beheizten Bank in der Bruderklausen-Kapelle. ┬źEin ├Ąlteres Ehepaar hat die Sitzheizung gespendet┬╗, sagt er. Mittlerweile gibt es am Freitagabend in der ungeheizten Kapelle ├Âkumenische Andachten. ┬źAuch im Winter┬╗, lacht Vetsch, ┬źdie Besucher haben Unterschriften gesammelt, dass sie das ganze Jahr stattfinden.┬╗ Er ist stolz, dass die Liturgie inzwischen mehrheitlich von Laien geleitet wird. ┬źPartizipation ist massgebend┬╗, ist Vetsch ├╝berzeugt.
Er berichtet, dass er den Schl├╝ssel zur Kapelle hat vervielf├Ąltigen lassen. Schon zwanzig hat er verteilt an Interessierte, die sie nutzen wollen. Die M├Ąnnergruppe, die sich hier trifft, aber auch die Kantisch├╝lerin, die hier Klavier ├╝bt. ┬źMan muss den Mut haben zu sagen: Das ist eure Kirche. Nutzt sie!┬╗ Das mache Eindruck, sagt Vetsch, weil in Kirchen sonst ja vieles abgeschlossen sei, und er meint das auch symbolisch.

├ťberrascht, wenn sich Kirche verschenkt
Die meisten Besucher kennt der Pfarrer jedoch nicht. Sie kommen hierher, um zu beten, Musik zu h├Âren, innezuhalten. Dass die Kapelle oft besucht wird, zeigen brennende Kerzen oder Eintr├Ąge im Gebetsbuch. ┬źDanke f├╝r den sch├Ânen Moment┬╗, steht da, oder ┬źegal, welche Religion, hier f├╝hle ich mich geborgen, auch als Muslim.┬╗ Blumenschmuck kommt ungefragt. ┬źWir haben gelernt, ihn dort zu lassen, wo er hingestellt wird. Wenn die Person wiederkommt, soll sie merken, dass sie willkommen ist┬╗, erkl├Ąrt Vetsch.
Seine Vision dr├╝ckt sich auch andernorts aus: ┬źAlles ist kostenlos. Ob man eine Kerze anz├╝nden oder Hochzeit feiern will hier.┬╗ Die Leute seien ├╝berrascht, verst├╝nden das zuerst nicht. Vetsch glaubt, dass ┬źeine Herzensbeziehung entsteht, wenn sich Kirche verschenkt.┬╗ Die Erfahrung gibt ihm Recht. Innert kurzer Zeit schreiben sich hundert Besucher in eine Freundesliste ein, nennen sie ┬źmeine┬╗ Kapelle. Jemand findet den Raum zu d├╝ster und zahlt den Neuanstrich, eine Firma ├╝berholt kostenlos die 50-j├Ąhrige Lichtanlage und ein Pensionierter schreinert Aussenb├Ąnke. ├ťber mangelnde Einnahmen muss sich Vetsch nicht beklagen, im Gegenteil. ┬źNicht selten liegen Hundertern├Âtli im Opferstock.┬╗

Guetzli und Hundenapf
Damit die Leute ├╝berhaupt auf die Kapelle aufmerksam wurden, hat sich Pfarrer Vetsch einiges einfallen lassen. Mit seinem Sohn hat er an einem Film-Wettbewerb einer Elektronikfirma teilgenommen und prompt gewonnen. Drehort: die Bruderklausen-Kapelle. Die Werbung erscheint zur besten Sendezeit im Fernsehen, auf RTL, Pro Sieben und vor der Tagesschau auf SRF. Auf Youtube wird der Film 8000-mal aufgerufen.
Auch einen ┬źGeocache┬╗ versteckt Vetsch bei der Kapelle. Die elektronische Schatzsuche zieht Familien an. Vetsch z├Âgert nicht lange, deponiert Guetzli in der Kirche und einen Hundenapf davor. Die Leute staunen. ├ťber 600 Eintr├Ąge im Geocache-Logbuch zeugen davon.
┬źUp with People┬╗, eine nichtreligi├Âse Jugendorganisation, st├Âsst auf die Kapelle. Zwanzig junge Erwachsene r├Ąumen die B├Ąnke raus und putzen. WennÔÇÖs mal laufe, m├╝sse man nicht mehr viel machen, ist Vetschs Erfahrung. ┬źEs ergibt sich einfach und wir reagieren, wenn wir ein Bed├╝rfnis erkennen.┬╗

Gr├Âsste Skepsis in den eigenen Reihen
Nicht alle begr├╝ssen die Neuausrichtung und den Zulauf. Lieber eine kahle, leere Kapelle als so viel Betrieb, ist anf├Ąnglich auch im Stiftungsrat der Tenor. Die Bef├╝rchtungen sind gross, es k├Ânnte mal etwas demoliert oder gestohlen werden. ┬źIn all diesen Jahren ist noch nie etwas kaputt gegangen┬╗, sagt Vetsch und begegnet dem Widerstand pragmatisch. ┬źAn jedem Wochentag pilgert jemand anderes zur Kapelle und schaut nach dem Rechten.┬╗
Einigen missf├Ąllt aber auch die theologische und ekklesiologische Ungebundenheit. Wo man denn hinkomme, wenn man Kirche machen k├Ânne, wie es gerade passe. ┬źJa, das ist eine theologische Frage┬╗, sagt Vetsch, ┬źaber wenn man sich auf die Menschen eingelassen hat, gibt es kein Zur├╝ck mehr. Ich kann nur staunen, wie sich die Menschen nun selbst in der Kapelle engagieren.┬╗
Auch er habe seine Ansichten ge├Ąndert. Fr├╝her sei er dagegen gewesen, dass ausserhalb des Gottesdienstes getauft werde. ┬źHeute bin ich ├╝berzeugt, dass wir ├╝berall taufen k├Ânnen, wo Menschen darum bitten.┬╗ Er habe hier eindr├╝ckliche Taufen mit Menschen erlebt, die nie in einer Kirche taufen w├╝rden. Und Vetsch denkt schon einen Schritt weiter: ┬źIm Moment f├╝hren hier noch Pfarrpersonen die Kasualien durch. Aber ich weiss nicht, wie lange noch.┬╗

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von ┬źreformiert.┬╗, ┬źInterkantonaler Kirchenbote┬╗ und ┬źref.ch┬╗.
Raphael Kummer / ref.ch / 16. Februar 2016

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