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David Plüss: Plädoyer für mehr Abendmahl

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01.01.2016
Das Abendmahl ist kein fester Bestandteil des reformierten Gottesdienstes, zumindest nicht in der Deutschschweiz. Wir Reformierten gehen «z Predig» und ab und zu zum Abendmahl. Anders in den reformierten Gottesdiensten Frankreichs, der Westschweiz und Deutschlands, wo das Abendmahl teils wöchentlich gefeiert wird.

Was ist richtig? Wie oft soll Abendmahl gefeiert werden? Ist nur ein Abendmahlsgottesdienst ein richtiger Gottesdienst, wie dies für unsere lutherischen, katholischen und anglikanischen Schwesterkirchen mehrheitlich der Fall ist?
Fest steht: Die Appetitlosigkeit in Sachen Abendmahl ist bei uns Reformierten verbreitet. Diese hat unterschiedliche Gründe. Viele Kirchgängerinnen stören sich an der deprimierenden Karfreitagsstimmung gewisser Abendmahlsliturgien. Andere kritisieren die liturgisch in Szene gesetzte Opfertheologie oder sind irritiert durch ungelenke Feiern, bei denen den Akteuren auf der liturgischen Bühne sichtlich unwohl ist.

Feier mit ehrwürdiger Tradition
Jedenfalls wird das Abendmahl in reformierten Kirchen selten gefeiert. Zu selten, finden viele. Allerdings hat die seltene Feier eine lange und ehrwürdige Tradition. Seit der Reformation bis vor dreissig Jahren wurde bei uns vier Mal im Jahr gefeiert: zu den grossen Kirchenfesten und einmal in der festlosen Zeit, vorzugsweise an Erntedank oder am Bettag.
Dabei hat die seltene Feier des Abendmahls nicht mit einer Geringschätzung desselben zu tun, im Gegenteil: Das Abendmahl wurde sehr ernst genommen. So sehr, dass die Feier einer gründlichen Vorbereitung und Selbstprüfung der Gläubigen bedurfte und bei der Durchführung da­rauf geachtet wurde, dass alle Gruppen der Gemeinde am Abendmahl teilnehmen konnten.
Erst in den 1980er Jahren kam Bewegung in die Angelegenheit. Anlass war das sogenannte Lima-Papier «Taufe, Abendmahl und Amt», welches ein breite Diskussion um die Stellung und die Häufigkeit des Abendmahls in Kirchgemeinden, Synoden und Arbeitskreisen anregte. Man verständigte sich auf zwei Punkte: Das Abendmahl soll als Teil der Liturgie und nicht als Anhang derselben (nach einer Entlassung mit Segen) gefeiert werden. Zudem sei es häufiger zu feiern: mindestens monatlich, besser noch wöchentlich. Der Gottesdienst gleiche einer Ellipse mit zwei Brennpunkten: der Predigt und dem Abendmahl. Nur mit diesen beiden Brennpunkten sei er vollständig.
Die meisten Kirchen haben sich auf einen monatlichen Zyklus verständigt. Zudem soll in erreichbarer Distanz jeden Sonntag ein Abendmahlsgottesdienst besucht werden können. Ein wöchentlicher Zyklus hat sich aber, wenn ich es richtig sehe, nicht oder noch nicht durchgesetzt. Folgendes spricht dafür, das Abendmahl regelmässig zu feiern.

Wir brauchen Rituale
Der Glaube sucht und kultiviert symbolische Formen, um sich auszudrücken. Dazu gehören das Gebet, der Segen, die Taufe, aber auch das Abendmahl. Hier inszenieren wir das Abschiedsmahl Jesu, erinnern uns an sein Leiden, bekennen seine Auferstehung, feiern ihn als Gegenwärtigen und spielen uns hinein ins Reich der Himmel. In dieser Vieldeutigkeit stand das Abendmahl schon immer im Zentrum christlichen Feierns.
Religion wächst von aussen nach innen, von der Gestalt zum Gehalt. Auch wir Reformierten benötigen wiederkehrende und vertraute Formen, durch die wir unseren Glauben kultivieren und mitteilen können. Dogmatische Inhalte allein sind nur die halbe Miete. Auch wir brauchen Symbole und Rituale.
Damit aber das Abendmahl zu einer authentischen und beheimatenden Form unseres Glaubens werden kann, müssen wir uns damit vertraut machen und es immer wieder feiern. Zudem sollten in den einzelnen Gemeinden Abendmahlsliturgien gemeinsam entwickelt und über eine gewisse Zeit konstant gehalten werden. Liturgische Vielfalt kann als gut reformiert gelten. Aber vieles spricht dafür, an einem Gottesdienstort, in einer Gemeinde nicht unterschiedliche Abendmahlsliturgien zu verwenden, sondern sich auf eine einzige zu verständigen.
Ob wir damit der eucharistischen Appetitlosigkeit der Reformierten wehren können, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass wir im Abendmahl eine Urszene unseres Glaubens zur Darstellung bringen. Damit es als solches erfahren werden kann, hängt allerdings davon ab, ob wir es durch häufige Praxis geübt und uns angeeignet haben.
David Plüss ist Professor für Homiletik, Liturgik und religiöse Kommunikation an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

David Plüss, Theologieprofessor

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