Dem Leben nahe – bis zuletzt
Sie sitzt am Bett. Sagt wenig. Hört zu. Irgendwann spricht sie leiser, fast flüsternd. «Ich habe den Eindruck, dass die Sinne der Sterbenden dann noch einmal geschärft sind», sagt Conny Zurfluh. Es sind solche Momente, die ihre Arbeit prägen. Seit über 20 Jahren begleitet sie als Pflegefachfrau Menschen, auch auf ihrem letzten Weg. Sie kennt die Abläufe, die Zeichen, die Veränderungen. Und doch bleibt jede Situation neu. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, seine eigene Art, zu gehen.
Conny Zurfluh leitet seit ein paar Jahren «Letzte Hilfe»-Kurse für die Reformierte Kirche Kanton Luzern. Dort spricht sie über das, worüber viele nicht sprechen: über Sterben, Abschied und das, was bleibt. Ein Teilnehmer sagte einmal nach einem Kurstag: «Wir haben den ganzen Tag über den Tod gesprochen – und dank dem hat er seinen Schrecken verloren.» Zurfluh lächelt, wenn sie davon erzählt. Genau darum gehe es. Nicht darum, alles zu wissen, sondern darum, sich zu trauen.
Nicht alles ist planbar
«Man muss Menschen mögen», sagt sie. Zurfluh wirkt offen, direkt und unkompliziert. «Echt, hilfsbereit», so beschreiben sie Menschen, die sie gut kennen. Sie selbst spricht von Werten, die sie früh mitbekommen hat: Ehrlichkeit, Einsatz, Verlässlichkeit. Sätze wie «Ohne Fleiss kein Preis» sind geblieben. Gleichzeitig hat sie gelernt, dass nicht alles planbar ist. Gerade in der Begleitung von Menschen, die sterben, braucht es etwas anderes als Kontrolle. Es braucht Aufmerksamkeit, Präsenz und die Bereitschaft, sich auf Situationen einzulassen, die sich nicht einordnen lassen.
Schon früh war für sie klar, dass sie mit Menschen arbeiten möchte. Dass sie den Pflegeberuf ergriffen hat, war nicht zwingend geplant. Ursprünglich wollte sie Physiotherapeutin werden, hat sich dann aber für die Ausbildung zur Pflegefachfrau entschieden. «Heute bin ich froh», sagt sie. «Ich habe das Gefühl, ich bin richtig geführt worden.» Der erste Kontakt mit Sterbenden hat sie geprägt. Ebenso die Rückmeldung eines Angehörigen, der ihr schrieb, es brauche mehr Menschen wie sie. «Das hat mich sehr berührt.»
Eigene Verletzlichkeit
Bis heute ist die Pflege für sie mehr als ein Beruf. «Es ist eine Lebensschule.» Täglich sei sie in Beziehung mit Menschen, erhalte unmittelbares Feedback und wachse daran. Sie spricht oft vom Team. «Ich bin ein grosser Teamplayer.» Gerade in herausfordernden Situationen sei es entscheidend, nicht allein zu bleiben, sich auszutauschen, gemeinsam zu tragen, einander zu stützen.
Es sind die kleinen Schritte, die für sie zählen. Momente, in denen etwas gelingt, in denen Menschen begleitet werden können, ohne dass es viele Worte braucht. «Wenn jemand in Ruhe gehen kann, sind das sehr schöne Momente.» In den «Letzte Hilfe»-Kursen begegnet sie Menschen, die unsicher sind. Menschen, die spüren, dass sie etwas tun möchten, aber nicht wissen, wie. Viele sagen am Ende:
Das hätte ich früher wissen wollen.
Sterben habe viel mit eigener Verletzlichkeit zu tun, sagt sie. Gerade deshalb sei es wichtig, nicht auszuweichen. «Man begegnet sterbenden Menschen nicht anders – einfach menschlich, achtsam, ehrlich.» Dabei gehe es oft weniger um grosse Gesten als um kleine Zeichen: da sein, zuhören, die Hand halten, Fragen stellen und aushalten, wenn es still wird. Ein Beispiel hat sich ihr besonders eingeprägt. Eine Kollegin, schwer krank, verabschiedete sich bewusst von ihren Angehörigen und Freunden, am Telefon oder persönlich. «Das Abschiednehmen war für sie das Schwierigste», sagt Zurfluh. Gleichzeitig zeigt es, wie wichtig es ist, diesen Moment nicht zu meiden.
Sie sucht das Echte
Zurfluh sagt: «Wir haben den Umgang mit dem Sterben ein Stück weit verlernt.» Früher sei es selbstverständlicher gewesen, dass man zu Besuch ging, miteinander sprach, im Dorf Anteil nahm. Heute werde vieles vermieden aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Angst, etwas falsch zu machen. Sie versucht, dieser Unsicherheit etwas entgegenzusetzen. Keine grossen Konzepte, sondern eine klare Haltung: «Echtheit, Ehrlichkeit und Zeit.»
Die Arbeit hat ihren Blick auf das Leben verändert. Sie freut sich an Kleinigkeiten, an Gesprächen, an der Natur. «Ich kann mich extrem an kleinen Dingen freuen», sagt sie. Ein Licht, ein Gespräch, ein Moment draussen, Dinge, die sonst schnell übersehen werden. Zeit mit Menschen sei für sie kostbarer geworden, bewusster gewählt. «Es gibt so viel Unechtes um uns herum», sagt sie. «Ich suche das Echte.» Auch Spiritualität hat für sie einen Platz jenseits fester Formen. «Ich glaube, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die wir nicht erklären müssen.» In der Begleitung erlebt sie immer wieder, dass Sterbende von Begegnungen erzählen – von Eltern, Geschwistern, Menschen, die ihnen vorausgegangen sind. «Viele kommen in eine Ruhe», sagt sie. «Sie wissen, dass sie den Weg nicht allein gehen.»
Schwierig bleiben Situationen, die sich nicht auflösen lassen. Wenn jemand gehen möchte, aber noch etwas ungeklärt ist, oft innerhalb der Familie. «Das auszuhalten, ist nicht einfach.» Auch nach 20 Jahren nicht. Dann spricht sie darüber: mit dem Team, mit Menschen, denen sie vertraut. «Ich behalte es nicht für mich.» Was sie antreibt, ist die Überzeugung, dass sich etwas verändern kann. Dass Menschen lernen, hinzuschauen, hinzuhören, da zu sein.
Dem Leben nahe – bis zuletzt