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Gastbeitrag

Der Dialog zwischen den Religionen ist wertvoll

von Amira Hafner-Al Jabaji
min
01.11.2023
Bunt und vielfältig ist die religiöse Landschaft in der Schweiz. Umso mehr braucht das Zusammenleben Interesse füreinander, Austausch und viel Geduld.

Wer, wie ich, seit langem im interreligi√∂sen Dialog engagiert ist, kennt die Frage: Was bringt‚Äôs? Was bringt‚Äôs, wenn Menschen unterschiedlicher Religionen miteinander diskutieren, sich √ľber theologische Themen austauschen oder ge¬≠mein¬≠sam beten? Diese Skepsis begegnet mir immer wieder, und ich kann sie nachvollziehen. Meist erreicht man mit interreligi√∂sen Veranstaltungen tats√§chlich nur die Leute, die ohnehin schon offen sind f√ľr den Austausch.

Dialog braucht Vertrauen

Was bringt‚Äôs?, fragen sich auch die Verantwortlichen interreligi√∂ser Anl√§sse, wenn sie wiederholt die Erfahrung machen, dass es zwar nett ist, ein Gespr√§ch mit Tee und Imbiss zu organisieren, sich kennenzulernen, es aber danach nicht weitergeht: Es kommt zu keiner Gegeneinladung. Auf das erste Mal folgt kein zweites Mal. Man bleibt sich Antworten schuldig, traut sich nicht, heikle Fragen zu stellen, will keine Fehler machen. Denn √ľber Differenzen nachzudenken, dabei auch Erwartungen, Verletzungen und Irritationen offenzulegen, bedarf einer gewissen Vertrautheit, Wertsch√§tzung und des Gef√ľhls von Sicherheit.

All dies stellt sich nicht bei der ersten Begegnung ein. Gelingender ¬≠Dialog braucht Zeit. Er ist erst trag- und ausbauf√§hig, wenn man einen l√§ngeren, bisweilen auch konflikttr√§chtigen Weg gemeinsam zur√ľckgelegt hat. Wenn man zusammen etwas erreicht oder erstritten hat. Wenn sich alle Dialogpartner gleichermassen artikulieren und verst√§ndlich machen k√∂nnen. Und dabei Erfahrungen, Sichtweisen und Befindlichkeiten ungesch√∂nt auf den Tisch legen k√∂nnen, ohne einen Affront zu riskieren.

Erst mit der Zeit zeigt sich, wie sinnstiftend der Dialog ist.

Kein unmittelbarer Nutzen

Was bringt‚Äôs?, fragen heute vor allem auch Menschen, die das Religi√∂se als eine √ľberkommene Reminiszenz alter Zeiten sehen. Aber auch diejenigen, die ihre Religion als Identit√§tsmerkmal betrachten. F√ľr beide ist wenig plausibel, was der Austausch √ľber die Religionsgrenzen hinweg bringen soll. Welche positive Wirkung das gemeinsame Nachdenken √ľber Figuren in der Bibel oder im Koran f√ľr die Akzeptanz verschiedener Weltanschauungen oder f√ľr die Interessen der eigenen Community haben k√∂nnte. Schade, denn mit dieser Haltung, die vor allem nach dem unmittelbaren Nutzen fragt, vertut man sich leicht den Einstieg in ein unbekanntes Abenteuer, bei dem sich erst mit der Zeit zeigt, wie sinnstiftend, nutz- und gewinnbringend es ist.

In drei Jahrzehnten interreligi√∂sem Dialog habe ich unermesslich viel gelernt und erlebt. Welcher Gewinn dabei f√ľr die Allgemeinheit erwachsen ist, l√§sst sich nicht beziffern. Doch heute weiss ich, Beziehungspflege an sich ist gesellschaftlich bedeutsam.

Nähe zur eigenen Religion

Der interreligi√∂se Dialog erm√∂glicht Bildung und Wissenstransfer, lehrt Empathie, Solidarit√§t und Perspektivenwechsel, bietet gemeinsame Erfahrungen und Erinnerungen, schafft Kontakte und Vernetzung, f√∂rdert Auftrittskompetenzen und vieles mehr. Und nicht zuletzt hat mir der Austausch mit Menschen √ľber die Religionsgrenzen hinweg nicht nur andere Religionen in differenzierter ¬≠Weise n√§hergebracht, sondern auch meine eigene. Das bringt‚Äôs!

 

Amira Hafner-Al Jabaji

Amira Hafner-Al Jabaji ist muslimische Islamwissenschaftlerin, Publizistin und Präsidentin des Inter­reli­giösen Think-Tank.

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