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Woche der Religionen

«Religionen haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede»

von Tilmann Zuber
min
24.11.2023
Im November fand in der ganzen Schweiz die «Woche der Religionen» statt. Ziel der Veranstaltungen: das Verständnis zwischen den Glaubensgemeinschaften zu stärken. Ob das gelungen ist? Der Kirchenbote machte im islamischen Lernforum in Olten die Nagelprobe.

Vertreibung von Hunderttausenden Armeniern aus Bergkarabach oder der blutige Krieg zwischen Israelis und Pal├Ąstinensern im Nahen Osten: Auch wenn es um Politik und Macht geht, spielt die Religion in diesen Konflikten im Hintergrund eine grosse Rolle.

Dessen sind sich die rund dreissig Besucherinnen und Besucher bewusst, die Anfang November in den engen R├Ąumen des islamischen Lernforums in Olten sitzen. Einige mit Kopftuch, andere in orangefarbener M├Ânchskutte oder in Alltagskleidung. Im Rahmen der Woche der Religionen findet hier an der Jurastrasse eine Veranstaltung zum Thema ┬źEs ist Zeit, die Polarisierung zu ├╝berwinden┬╗ statt.

Extreme bestimmen den Diskurs

Die Teilnehmenden kommen aus den verschiedensten Kirchen und Religionsgemeinschaften rund um Olten. Allen gemeinsam ist an diesem Abend: Sie sitzen in Socken auf der langen Couch. Ihre Schuhe warten im Eingangsbereich. Gastgeber G├Âhkan Karabas, Vizepr├Ąsident der Stiftung Lernforum, und Mario H├╝bscher, katholischer Pfarrer in Olten, f├╝hren durch den Abend. ┬źHeute bestimmen die Extreme den gesellschaftlichen und religi├Âsen Diskurs┬╗, stellen die Besucher fest. Man demonstriere f├╝r die Ukraine, f├╝r Pal├Ąstina oder f├╝r Israel. Friedensm├Ąrsche hingegen, wie es sie fr├╝her gegeben habe, seien selten geworden. Auch die Medien h├Ątten einen grossen Anteil an der Polarisierung der Gesellschaft.

Die Stimmen des Friedens

In dieser Situation sei es wichtig, auf die Stimmen der Menschen zu h├Âren, die den Frieden unterst├╝tzen. Mario H├╝bscher stellt solche Stimmen vor. Zum Beispiel die Autorin Deborah Feldmann, die sich aus ihrem ultraorthodoxen j├╝dischen Umfeld befreite. Ein Teil ihrer Familie wurde im Konzentrationslager ermordet. Trotzdem sagt sie: ┬źIch lasse nicht zu, dass der Hass der Menschen mich zu einem Menschen macht, der andere hasst.┬╗ Oder Farid Ahmed, Opfer eines antiislamischen Anschlags, der sagt: ┬źWir wollen unsere Herzen frei halten von Hass, Depression, Wut und Verzweiflung,┬╗ Und schliesslich zitiert H├╝bscher eine J├╝din und eine Pal├Ąstinenserin, die sich f├╝r den Dialog zwischen den beiden Lagern einsetzen: ┬źWir wollen den Jugendlichen vermitteln, dass sie ein Recht auf ihre Gef├╝hle haben, aber kein Recht darauf, anderen Menschen damit zu schaden.┬╗

Interreligi├Âser Dialog ist auch eine staatliche Aufgabe

Im Kanton Solothurn ist der interreligi├Âse Dialog auch eine staatliche Aufgabe. Entsprechend f├Ârdert ihn der Kanton. Er unterst├╝tzt sowohl die Organisation des ┬źRunden Tisches der Religionen┬╗ wie auch die ┬źWoche der Religionen┬╗. Ziel ist es, das gegenseitige Verst├Ąndnis zu f├Ârdern. Der Runde Tisch der Religionen besteht im Kanton Solothurn seit 2008. Vertreten sind die Religionsgemeinschaften Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, Alevitentum, Sikh und BahaÔÇÖi.

Wer sich abschottet und sich nur unter Gleichgesinnten bewegt, schränkt sein Leben ein.

Was bringt der interreligi├Âse Dialog? ┬źEinerseits verlangt Gott von uns, dass wir offen sind f├╝r andere Religionen┬╗, sagt G├Âhkan Karabas. Das sei auch aus weltlicher Sicht wichtig f├╝r das Zusammenleben. ┬źWer sich abschottet und sich nur unter Gleichgesinnten bewegt, schr├Ąnkt sein Leben ein. Gerade in einer globalisierten Welt.┬╗ Im Austausch stellt Karabas fest, dass die Religionen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. ┬źAllen geht es um Frieden. Wer im Namen seines Glaubens Krieg f├╝hrt oder gegen andere hetzt, missversteht die Heiligen Schriften ÔÇô bewusst oder unbewusst.┬╗

Sascha Thiel, reformierter Pfarrer aus Dulliken, nimmt dieses Jahr zum ersten Mal am ┬źRunden Tisch┬╗ der Religionen teil. Er bedauert, dass ┬źdieser Dialog bei der reformierten Kirchenbasis und bei den Beh├Ârden nicht angekommen ist und nur einzelne Reformierte die Veranstaltung besuchen┬╗. Im Moment sei man in Olten stark mit dem Projekt ┬źZukunftskirche┬╗ besch├Ąftigt. Dabei werde ├╝bersehen, dass die Reformierten, wenn sie als Kirche eine Zukunft haben wollen, mit allen Sozialpartnern und Religionsgemeinschaften zusammenarbeiten m├╝ssten.

Inzwischen tauschen sich die Teilnehmenden ├╝ber das Friedenspotenzial ihrer Religionen aus. Zitate aus der Bibel und dem Koran werden ausgetauscht und sie stellen erfreut fest, wie ├Ąhnlich manche Aussagen sind. F├╝r ihn sei ein solcher Dialog ein Ort Gottes, fasst Mario H├╝bscher den Abend zusammen.

 

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