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Pfarrerin Jrene Bianchi über den Winterblues

«Der Glaube kann tragen – auch wenn man ihn nicht spürt»

von Carole Bolliger
min
28.01.2026
Wenn die weihnächtlichen Lichterketten verschwinden und der Alltag wieder stiller wird, beginnt für viele eine schwierige Zeit. Pfarrerin Jrene Bianchi spricht über Winterblues, Einsamkeit und über kleine Dinge, die durch graue Tage tragen.

Die Weihnachtszeit mit Lichtern und Gemeinschaft ist vorbei. Und genau dann folgt für viele Menschen eine erneute Leere. «Anfang Jahr hat man zwar das Gefühl, es geht lichtmässig langsam wieder aufwärts – aber körperlich sind viele noch erschöpft, erkältet oder müde», sagt Jrene Bianchi, Pfarrerin in Hünenberg.

Bedürfnis nach Ruhe ist gross

Besonders schwierig sei diese Zeit für Menschen, die allein leben. Wenn Besuche vorbei sind und der Alltag wieder stiller wird, verstärke sich bei manchen das Gefühl von Einsamkeit. Bianchi beobachtet das auch in ihrer Gemeinde. Angebote wie Klangschalenmeditationen oder stille Abende würden in der kalten Jahreszeit stärker besucht. «Das Bedürfnis nach Ruhe, Wärme und Halt ist gross.»

Was hilft in dieser Zeit? Für Bianchi ist es klar der Glaube. Allerdings nicht als Pflicht oder Durchhalteparole, sondern als Quelle von Wärme und Trost. «Eine Kerze anzünden, ganz bewusst. Ein Gedicht lesen. Oder einen biblischen Text, der einem guttut.» Sie spricht von kleinen Ritualen, die den Alltag strukturieren und Licht in den Tag bringen. Auch Musik spielt für sie eine zentrale Rolle: Singen, gemeinsam oder allein, Taizé-Lieder oder Worship – «das trägt Menschen seit Jahrzehnten».

Winterblues oder Erschöpfung?

Wichtig sei jedoch auch, zwischen einem normalen Winterblues und einer tieferen Erschöpfung zu unterscheiden. «Beim Winterblues merkt man meist, dass es zwischendurch wieder aufwärtsgeht», erklärt Bianchi. Wenn diese Phasen aber ausblieben und das Dunkel anhalte, sei es wichtig, genauer hinzuschauen und Hilfe zu suchen. «Das muss nicht gleich eine Pfarrperson sein. Eine gute Freundin oder ein Freund kann genauso helfen.»

Wenn selbst das schwerfällt, gibt es Alternativen. «Telefonieren wird unterschätzt», sagt Jrene Bianchi. Auch anonyme Angebote wie Telefon- oder Internetseelsorge könnten helfen – gerade dann, wenn man sich selbst kaum erträgt und niemandem von Angesicht zu Angesicht begegnen möchte. «Manchmal fühlt man sich so müde, so grau, dass man sich selbst nicht anschauen mag.» In solchen Momenten hilft ihr dieser Satz: Gott hat mich so geschaffen, wie ich bin. Gott liebt mich so, wie ich bin – auch an den scheusslichen Tagen.

Der Glaube könne gerade dann tragen, wenn man ihn kaum spüre. «Man ist nicht allein unterwegs», sagt die 58-Jährige. Gott sei geblieben, selbst im Leiden. Dass man diese Nähe nicht immer empfinde, sei menschlich. «Wenn es mir schlecht geht, merke ich oft Gottes Liebe nicht. Ich bin zu sehr in meinen Ängsten und Zweifeln gefangen.» Doch die Erfahrung lehre: Diese Zeit gehe vorbei. «Und irgendwann spürt man wieder, dass Gott da ist.»

Kleine Dinge können helfen

Was hingegen wenig hilft, sind gut gemeinte Durchhalteparolen: «Du musst positiv denken» – das könne sehr belastend sein, sagt Bianchi. Wer ohnehin kämpfe, fühle sich dadurch oft noch ohnmächtiger. Wichtiger sei echtes Dasein, echtes Zuhören – und die Erlaubnis, sagen zu dürfen: «Es geht mir schlecht.» Kirchliche Angebote können in dieser Zeit entlasten, ist Bianchi überzeugt – Gespräche, stille Räume, gemeinsame Rituale. «Die Kirche hat die Aufgabe, Orte zu schaffen, die ins Herz gehen – mit Licht, Gemeinschaft und Wärme.»

«Du bist geliebt, so wie du bist»

Jrene Bianchis persönlicher Rat für die dunklen Monate ist einfach und zugleich tief: «Du bist geliebt, so wie du bist. Auch wenn du es im Moment nicht spürst.» Und kleine Dinge können helfen: ein Kerzenlicht. Ein Lied. Ein Waldspaziergang. Ein Kaffee mit einem Menschen, der das Herz berührt. Ein kurzer Austausch mit einer Nachbarin oder einem Nachbarn. Oder eine Umarmung.

«Eine Umarmung kann helfen, wenn man sich einsam fühlt. Und wenn grad kein Mensch da ist, kann auch ein Baum dienen», sagt Pfarrerin Jrene Bianchi mit einem Augenzwinkern. Und wichtig findet sie, nicht ganz zu verschwinden. «Ein kleiner, kurzer Kontakt kann viel Licht und Hoffnung bringen», sagt die Hünenberger Pfarrerin.

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