«Der Krieg ist eine Befreiungsoperation»
Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf die derzeitigen Ereignisse und den Krieg im Iran?
Ich spüre eine grosse Erleichterung. Ich schätze, dass rund 80 Prozent der iranischen Bevölkerung das Regime beseitigen möchte und den Angriff der USA und Israels daher als eine Befreiungsoperation wahrnehmen. Die Bevölkerung ist seit 47 Jahren in der Geiselhaft von Fundamentalisten und in einer Diktatur gefangen. Was sich die allermeisten sehnlichst wünschen, ist Freiheit und Demokratie.
Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass das islamische Regime gestürzt werden kann?
Ich bin zuversichtlich, dass es bald gelingen kann. Am ersten Tag des Angriffs wurde mit der Tötung Ali Chameneis sogleich der Kopf der Schlange abgeschlagen. Dass das so schnell gelingt, damit haben wohl nur die wenigsten gerechnet. Allerdings sind das Regime und seine Anhänger zu allem bereit. Sie gehen brutal gegen die eigene Bevölkerung vor, wie wir es ja unlängst gesehen haben.
Bahram Moosivand kam vor 25 Jahren als politischer Flüchtling aus Teheran in die Schweiz. Damals entzog sich der Theater- und Filmregisseur einer drohenden Festnahme. Eine regimekritische Inszenierung aus seiner Studentenzeit liess ihn ins Visier des iranischen Geheimdienstes geraten. Nach seiner Ankunft in der Schweiz arbeitete er zunächst weiter als Filmemacher. Inzwischen hat der 56-Jährige beruflich umgesattelt und ist in Basel als IT-Fachmann tätig. Seit seiner Flucht ist er nie mehr in seine Heimat zurückgekehrt, steht aber in regem Kontakt mit Freunden und Familie.
Chamenei war nicht nur der mächtigste Mann im Staat, sondern auch der geistliche Führer. Wie stark ist die durch das Regime vorgegebene, strenge Auslegung des schiitischen Islam in der Bevölkerung noch verankert?
Gehen Sie auf die sozialen Netzwerke und schauen Sie sich die Millionen von Posts an. Vor allem die Jungen der Generation Z haben mit Religion nicht viel bis nichts am Hut. Der Iran ist ein abgewirtschaftetes Land. Das Regime schaut nur noch zu sich selbst und behält die wichtigsten Ressourcen für sich, während der Grossteil der Iranerinnen und Iranern leidet. Die Probleme sind unglaublich tiefgreifend und vielfältig. Religion ganz allgemein und der Islam im Speziellen spielen bei den meisten Menschen in meinem Land keine grosse Rolle mehr in ihrem Alltag. Ich schätze, dass maximal zehn Prozent der Bevölkerung zum theokratischen Regime hält. Aber das sind dann eben immer noch rund 8, 9 Millionen Menschen. Dazu gehören die Funktionseliten und diejenigen, die ihre Hände an den Waffen haben. Damit konnten sie die anderen rund 80 Millionen bisher in Schach halten.
Das Regime hat während der Proteste im Januar sowie nun seit dem Angriff der USA und Israels die Kommunikationswege gekappt. Wie erhalten Sie Neuigkeiten von Ihren Verwandten und Freunden aus dem Iran?
Es ist eine Ein-Weg-Kommunikation. Sprich ich kann meine Leute vor Ort nicht erreichen, sie tun es. Erst vor kurzem hat meine Schwester über komplizierte technische Umwege angerufen. In der Zeit zwischen den Protestniederschlagungen und dem Beginn des Krieges konnte man normal Kontakt zueinander aufnehmen.
Wie gross ist die Sorge um Verwandte und Freunde?
Während der vergangenen Proteste war sie natürlich sehr gross. Da habe ich zwei Wochen lang nichts von ihnen gehört. Danach erzählte mir mein Bruder von den Ereignissen. Auch er war mit seiner Frau und den zwei Kindern demonstrieren. Dann brach plötzlich das Chaos aus. Die Sicherheitskräfte fuhren mit grossen Maschinengewehren auf Pick-Up-Trucks herum und schossen in die Menge. Das erinnert an Bilder und den Radikalismus des IS. Meine Verwandten rannten um ihr Leben und hatten Glück, gesund herauszukommen. Andere hatten weniger Glück. Es starben auch zahlreiche Kinder bei der Niederschlagung. Viele Bürgerinnen und Bürger konnten sich kaum vorstellen, dass das Regime derart skrupellos und rücksichtslos vorgehen würde. Beim derzeitigen Angriff von aussen ist die Sorge weniger gross. Die USA und Israel bombardieren mit grosser Präzision und nur Einrichtungen von Militär, Polizei, Revolutionsgarden und anderen regimenahen und staatlichen Einrichtungen. Ich habe allerdings Angst, dass das Regime erneut gegen die eigene Bevölkerung vorgeht.
Was berichten Ihre Bekannten und Verwandten derzeit aus Teheran? Wie ist die Stimmung?
Sie erzählt von den Einschlägen der Raketen. Wie bereits gesagt geschieht dies mit grosser Präzision. Es werden keine zivilen Einrichtungen angegriffen. Meine Bekannten und Verwandten sagen einhellig: Das muss sein. Sie sind froh darüber und sehen Licht am Ende des Tunnels. Die Leute gehen natürlich nicht raus. Aber sie schauen von den Dächern zu, wie die Raketen einschlagen und jubeln, wenn wieder ein Gebäude des staatlichen Terrorapparats getroffen wurde. Daher befremdet mich zuweilen die internationale Berichterstattung, auch die in der Schweiz.
Das müssen Sie erklären.
Ich finde, sie ist in Bezug zu den derzeitigen Ereignissen nicht ausgewogen. Vor allem in Europa hat man sich medial gegen die USA und die Trump-Administration eingeschossen. Nun ist sie zu stark an immer wiederkehrende Trump-Kritik gebunden. Dabei begrüssen ganz viele Iranerinnen und Iraner das berechtigte Vorgehen der Amerikaner und Israelis gegen das Mullah-Regime.
Was machen Sie, wenn es zu einem Wandel in Ihrem Heimatland kommt und Sie wieder gefahrlos einreisen können? Würden Sie in den Iran zurückkehren wollen, um dabei zu helfen, ein neues Land aufzubauen?
Ich bin inzwischen Schweizer Bürger. Meine Tochter wurde hier geboren und geht in die Schule. Nach 25 Jahren in der Schweiz fühle ich mich zuhause, habe mein soziales Umfeld und bin vollends integriert. Es ist ein riesiges Privileg, in einer solch gut funktionierenden Demokratie zu leben. Es ist nicht alles perfekt, aber doch ziemlich nahe dran. Natürlich vermisse ich meine Familie und Freunde im Iran. Ich würde sie unglaublich gern bald wieder sehen. Aber das wird wohl im Rahmen von Urlauben im alten Zuhause geschehen und nicht bei einer definitiven Rückkehr.
«Der Krieg ist eine Befreiungsoperation»