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Der lange Weg zum Pfarramt

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20.11.2020
Die Baslerin Elisabeth Böhme-Iselin ist eine Pionierin. Sie war die erste Pfarrerin des Baselbiets. Dafür brauchte es 1966 eine Gesetzesänderung. In ihrem 100. Lebensjahr verstarb Elisabeth Böhme am 8. November. Der Kirchenbote besuchte sie im Februar 2019.

Das Zimmer im Basler Alterszentrum Gellerthof verspr√ľht mit den vielen B√ľchern eine Atmosph√§re der Belesenheit. Die bald 98-j√§hrige Elisabeth B√∂hme empf√§ngt mich am Schreibtisch sitzend mit einem L√§cheln.

Elisabeth Böhmes Leben war und ist geprägt vom Pfarrberuf. Sie war mit zwei Pfarrern verheiratet und als studierte Theologin während drei Jahrzehnten selbst als Pfarrhelferin und Pfarrerin tätig. Zweimal ist Elisabeth Böhme verwitwet. Ihr erster Mann Gottfried Gretler starb nach kurzer Ehe im Jahr 1951 an Tuberkulose. Das zweite Mal heiratete sie mit 68 Jahren den gleichaltrigen Ulrich Böhme, der nach zwanzigjähriger Ehe verstarb.

Interesse f√ľr alte Sprachen
Schon fr√ľh interessiert sich Elisabeth B√∂hme, damals heisst sie noch Iselin, f√ľr Geschichte, alte Sprachen und deutsche Literatur. ¬ęWichtig war mir der Konfirmandenunterricht bei Herrn Pfarrer Eduard Thurneysen, der mich stark zu eigenem Bibelstudium anregte¬Ľ, erkl√§rt sie. Allm√§hlich kristallisiert sich bei ihr der Wunsch heraus, Theologie zu studieren. Viele -raten ihr davon ab, weil die Berufsaussichten schlecht sind.

Nicht so ihre Eltern. ¬ęMein Vater unterst√ľtzte mich in meinem Vorhaben, Theologin zu werden. Er war der Meinung, dass Menschen, die ein klares Ziel haben, auch eine Berufsanstellung finden.¬Ľ Die Eltern raten ihr zudem, das Studium in Genf zu beginnen, um ihr Franz√∂sisch zu vervollkommnen. Bevor sie sich 1940 an der Theologischen Fakult√§t in Genf immatrikuliert, schaltet sie ein halbes Jahr praktische Ausbildung dazwischen, um, wie sie sagt, ¬ęden Haushalt zu verstehen¬Ľ. Das Semester in Genf sei f√ľr sie aber auch theologisch bedeutsam gewesen. ¬ęUnter den wenigen Theologiestudenten pflegte man einen engen Umgang. In Genf hatte ich den ersten Kontakt mit Christen aus anderen L√§ndern¬Ľ, f√ľhrt Elisabeth B√∂hme aus.¬†

Das Ausland war wegen des Krieges verschlossen
1941 kehrt sie f√ľr vier Semester an die Universit√§t Basel zur√ľck. Danach folgen zwei Semester in Z√ľrich. Den Abschluss macht sie in Basel. ¬ęDas Ausland war aufgrund des Krieges zu jener Zeit ja leider verschlossen¬Ľ, erg√§nzt B√∂hme mit einer gewissen Wehmut. ¬ęDas Studium interessierte mich sehr. Ich konnte es nie verstehen, wenn ich Kameraden sah, die das Studium nur als notwendige Durchgangsstation zur praktischen Arbeit sahen und es deshalb so kurz als m√∂glich absolvierten.¬Ľ¬†

Im Studium trifft B√∂hme die theologischen Gr√∂ssen des 20. Jahrhunderts. Viel Anregung bietet ihr in Z√ľrich der Umgang mit Professor Emil Brunner und dessen Familie. In Basel fesselt sie der kleine Kreis der sogenannten Soziet√§t bei Professor Karl Barth. Nach dem Studium folgt das Praktikum bei Pfarrer Peter Thurneysen in Obfelden. 1946 wird Elisabeth B√∂hne von der Basler Kirche ordiniert.¬†

Nach der Heirat 1947 unterst√ľtzt sie ihren Mann Gottfried Gretler bei seiner Arbeit als Jugendpfarrer des CVJM, sp√§ter als Leiter des Ferienheims Landegg bei Rorschach und als Gemeindepfarrer in Thayngen. Damals planen die beiden alles gemeinsam, oft vertritt sie ihren Mann bei den Predigten und der Seelsorge.¬†

Nach dem fr√ľhen Tod ihres Mannes kehrt Elisabeth B√∂hme 1951 nach Riehen zur√ľck. Damals entstehen die Witwentagungen. Selbst Witwe mit theologischem Hintergrund engagiert sie sich intensiv in dieser Arbeit. 1952 liest sie eine Stellenanzeige, in der ein Pfarrhelfer f√ľr Liestal gesucht wird. Sie erkundigt sich, ob daf√ľr vielleicht auch eine Frau infrage komme und erh√§lt √ľber einen Kollegen vom Liestaler Stadtpr√§sidenten die Antwort, dass dieser sich das gut vorstellen k√∂nne.

Dahinter vermutet Elisabeth B√∂hme gewisse Berechnung: ¬ęAls Pfarrhelfer schielten die M√§nner nat√ľrlich immer auf eine richtige Pfarrstelle. Da ich damals als Frau nicht Pfarrerin werden konnte, spekulierte man darauf, dass ich l√§ngere Zeit an dieser Stelle bleiben werde.¬Ľ So ist es auch. Elisabeth B√∂hme bleibt √ľber 14 Jahre lang Pfarrhelferin in Liestal. Auf die Frage, ob sie sich nie von den M√§nnern herabgesetzt f√ľhlte, antwortet sie: ¬ę√úberhaupt nicht. In Liestal hatte ich zwei wunderbare Kollegen.¬Ľ

Weg frei f√ľr die Pfarrerin
Im Herbst 1965 kommt der Kirchenrechtsexperte der Universit√§t Basel, Professor Johann Georg Fuchs, zum Schluss, dass nach geltendem Kirchengesetz das volle weibliche Pfarramt m√∂glich sei. Daraufhin beschliesst der Baselbieter Kirchenrat, das Pfarramt auch f√ľr Frauen einzuf√ľhren. Allerdings mit der Einschr√§nkung, dass eine Pfarrerin nur dann gew√§hlt werden kann, wenn mindestens schon ein Pfarrer in der Kirchgemeinde amtet.¬†

Nach diesem Beschluss wird Elisabeth B√∂hme 1966 offiziell als Liestaler Pfarrerin gew√§hlt. ¬ęBesonders gefreut hat mich, dass ich ein gutes Wahlresultat erhielt¬Ľ, res√ľmiert sie. ¬ęDie Leute hatten offenbar von mir noch nicht genug.¬Ľ Elisabeth B√∂hme arbeitete bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1982 weitere eineinhalb Jahrzehnte in Liestal, nun als richtige Pfarrerin.¬†

Toni Sch√ľrmann, kirchenbote-online

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