«Der Mensch erträgt viel»
Paul Riniker, herzliche Gratulation zum Publikumspreis an den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Haben Sie das erwartet?
Ich habe es gehofft. Schon 2011 erhielt ich mit « Sommervögel» den Publikumspreis. Als ich an der Vorführung die Reaktionen der Leute erlebte, dachte ich, der Film könnte es schaffen.
Reagierten die Zuschauer aufgrund des Themas Sterbehilfe?
Nein. Die Leute waren von der Geschichte ergriffen. Viele kamen auf mich zu und dankten.
Das Besondere an diesen Film ist, dass der Hauptdarsteller Jörg Schneider während der Dreharbeiten an Leberkrebs erkrankte.
Jörg Schneider hat dies erst nach den Dreharbeiten erfahren. Seit Jahren leidet er an Prostatakrebs. Dass er jedoch Ableger in der Leber hatte, erfuhr er erst nach den Dreharbeiten. Er wollte noch dreissig oder vierzig Aufführungen seines Theaterstückes spielen. Das musste er absagen.
Ist es nicht seltsam, dass in einem Film über das Sterben die Realität die Fiktion einholt?
Ja. Ich wünschte mir das nicht. Ich finde es traurig. Aber ich muss es akzeptieren.
Verändern sich in dieser Situation die Dialoge?
Ich hätte den Film nicht anders gedreht, selbst wenn ich es schon gewusst hätte.
Versteht sich Ihr Film als Beitrag zur Diskussion über Sterbehilfe?
«Usfahrt Oerlike» ist kein Plädoyer für die Sterbehilfe. Es soll anregen, über das Thema nachzudenken, wobei ich keine Position vertrete. In dem Film spielt Heidi Maria Glössner eine Seniorin, welche die Sterbehilfe vehement ablehnt. Im Leben ist sie eine totale Befürworterin. Jörg Schneider ist im Leben eher skeptisch gegenüber der Sterbehilfe. In seiner Rolle verkörpert er genau das Gegenteil. Das gehört zum Schauspielerberuf.
Ihr Film ist ein Plädoyer für die Kostbarkeit des Lebens.
Ja. Und für die Kostbarkeit der Freundschaft. «Usfahrt Oerlike» erzählt die Geschichte von der Freundschaft zweier alter Männer. Gerade in der Figur von Mathias Gnädinger steckt viel Lebensfreude.
In der Schweiz ist die Sterbehilfe ein grosses Thema.
Sterbehilfe ist kein Tabu mehr. Den meisten Schweizern geht es gut. Trotzdem befassen wir uns stark mit unserem Ableben. Ich finde es faszinierend, dass Glück und Wohlstand wenig miteinander zu tun haben. Imre Kertesz «Roman eines Schicksallosen», in dem ein Bub im Konzentrationslager aufwächst, hat mir diesbezüglich die Augen geöffnet: In unserem Leben gehen wir stets von unserer Normalität aus. Jemand, der im Elend und in Armut gross wurde, bewertet alles anders, als wenn er in Wohlstand und Freiheit aufgewachsen wäre. Ein Stück Brot ist für jemanden, der Hunger leidet, viel mehr wert als für uns ein neues Auto. Letztlich ist Wohlbefinden nicht direkt von materiellen Umständen abhängig. Trotz Wohlstand kann man den Lebenssinn verlieren.
Das passiert der Figur in «Usfahrt Oerlike».
Als ich die Arbeit am Film schon lange begonnen hatte, tauchte der seltsame Begriff vom «wohlüberlegten Bilanzsuizid im hohen Alter» auf. Ob das richtig ist, ist fraglich.
In der Dritten Welt ist Bilanzsuizid kaum ein Thema?
Dort sterben die Menschen früher. Dank unserer Ernährung und der Medizin werden wir viel älter. Das kann auch zum Problem werden: Das Alter ist mit Beeinträchtigungen und Gebrechen verbunden. An einem gewissen Punkt fragt man sich, macht es Sinn, wenn man zehn Jahre länger lebt, ohne dass man etwas davon hat. Ich leide an einer Erbkrankheit und habe seit dreissig Jahren Schmerzen in meinen Gelenken. Ich kann damit gut leben und die Schmerzen eindämmen. Der Mensch erträgt viel. Doch vielleicht kommt der Moment, wo ich nicht mehr kann und mag.
Ein Filmkritiker schrieb, «Usfahrt Oerlike» handle davon, wie es ist, wenn man nicht mehr so alt ist, wie man sich fühlt, sondern so alt, wie man ist.
Eigentlich leben wir mit dem subjektiven Gefühl, wir seien noch zwanzig Jahre alt. Erschreckend ist für mich zu merken, dass ich bald 70 bin. Das Auseinanderklaffen vom subjektiven und objektiven Alter ist etwas Merkwürdiges. Aber wenn ich in meiner inneren Jugendlichkeit etwas erleben kann, etwa flirte, als wäre ich noch zwanzig und schlank und rank, dann ist es egal, ob ich alt bin und am Stock gehe. Man kann das Alter ab und zu überlisten.
Was macht das Leben aus?
Freundschaft und Liebe. Es gibt so vieles, das einem Freude bereitet: Ich esse und trinke gerne. Ich lache und heule auch gerne. Meine Töchter bereiten mir Freude. Die eine hat gerade ein Kind bekommen. Es ist schön, die Enkelin zu sehen und sie zu herzen. Das ist Lebensfreude. Die Frage, was das Leben ist, ist zu gross, um sie zu beantworten. Sie müsste eher lauten, was ist der Sinn des Lebens?
Was würden Sie darauf antworten?
Ein Sinn des Lebens ist, sich selber zu erkennen. Ich habe sechs Jahre eine Psychoanalyse gemacht. Sie hat mich einen Haufen Geld gekostet und mich nicht geheilt. Aber mich reut kein Rappen, den ich ausgegeben habe. Denn ich habe erkannt, woher ich komme und was mich geprägt hat. Ich habe mich erkannt. Ein religiöser Mensch würde dem sagen, Gott erkennen. Gott spiegelt sich in einem.
Sich selbst zu erkennen, bedeutet auch, sich zu versöhnen.
Die Versöhnung ist zentral. Sich so anzunehmen, wie man ist, macht das Leben aus. Ansonsten verbittert man, hinterfragt sich ständig, zweifelt an sich und ist mit sich unzufrieden.
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Ich weiss es nicht. Ich bin Agnostiker. Ich nehme es nicht an. Ich bin stockkatholisch aufgewachsen. Irgendwann kann man nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis und die Unfehlbarkeit des Papstes glauben und wirft das Ganze über Bord. Bei den Reformierten klingt es recht vernünftig. Und der moralische Druck ist nicht so gross. In meiner Jugend sind die Reformierten liberal aufgewachsen, aber trotzdem mit einem zwinglianischen «Groove».
Gerade für Künstler ist die katholische Kirche ein reicher Schatz.
Als Kind war ich Ministrant. In den Ferien im Tessin läutete ich jeden Morgen um halb sechs die Glocken und ministrierte bei der lateinischen Messe. In der Kirche waren nur sieben Klosterfrauen, der Priester und ich. Ich erlebte dies als etwas sehr Schönes. Ich hatte das Gefühl, so viel zu erleben, während die anderen noch schliefen.
Heute sind Sie nicht Priester, sondern Regisseur.
Ja. Aber so etwas prägt einen.
Zum Schluss: Zu Beginn des Films wird ein Hund eingeschläfert. Am Ende stirbt der Hundebesitzer. Werden sich die beiden wieder sehen?
Ich weiss es nicht. Es wäre ihnen zu wünschen. Ich bin mir nicht sicher, ob nach christlicher Lehre Tiere in den Himmel kommen. Aus der Bibel lässt sich dies meines Wissens nicht beantworten.
Zum Bild: Jörg Schneider und Matthias Gnädinger in «Usfahrt Oerlike». Der Film erzählt die Geschichte eines Witwers, der müde geworden ist und sich in der Welt immer weniger zurechtfindet. Ein berührender Film über das Sterben und die Kostbarkeit der Freundschaft und des Augenblicks. | frenetic films
Interview: Tilmann Zuber
Regisseur Paul Riniker.
«Der Mensch erträgt viel»