Der Monotheismus ist doch nicht das Übel aller Dinge
Der Seminarraum war trotz Mittagszeit vollbesetzt mit Studierenden obwohl keine Credits in Sicht , Dozenten und Dozentinnen und sonstigen Neugierigen. Das grosse Interesse lag nicht am Gratis-Sandwich, sondern am brennenden Thema «Religiöser Wahrheitsanspruch: Sind Intoleranz und Gewalt vorprogrammiert?», das von den drei Theologen Bekim Alimi, Christina aus der Au und Christian Hofreiter diskutiert wurde.
Als die Moderatorin Barbara Becker von der ETH punkt 12.15 Uhr mit einer Vorstellungsrunde begann, trudelten noch Spätankömmlinge in den Raum. Sie liess sich nicht stören und zitierte den Reformator Jan Hus, der einmal sagte, man solle die Wahrheit bis zum Tod verteidigen.
«Wäre das nicht eine Legitimation für Gewaltausübung, um den Wahrheitsanspruch der eigenen Religion zu verteidigen?», fragte Becker. Imam Bekim Alimi beantwortete das weder mit Ja noch Nein, sondern damit, dass man zuerst die Wahrheit definieren müsse, um überhaupt vom Gleichen reden zu können. Aus der Au und Hofreiter stimmten zu. Aus der Au brachte noch Kierkegaard ins Spiel: «Kierkegaard sagte einmal, wenn jemand mit Gewalt die eigene Wahrheit vertritt, macht er sein Gegenüber zum Mörder. Aus Provokation.»
Dinge wissen, ohne sie zu beweisen
«Aber was heisst Wahrheit? Wie findet man Wahrheiten? Was für Wahrheiten gibt es?», fragte Becker weiter. «Es gibt wissenschaftliche Wahrheiten, die auf Methoden, Empirie und Vergleichbarkeit beruhen», erklärte Hofreiter, «deshalb scheint die religiöse Wahrheit für viele lediglich Glauben ohne Wissen, da Beweise fehlen. Aber auch in der Wissenschaft, gibt es Dinge, die wir wissen und nicht beweisen können.»
«Das Wissen ohne Beweise erinnert mich an Muhammad al Ghazzali, der immer an Gott glaubte, wie jeder andere es ebenfalls tat», fügte Alimi hinzu, «er zweifelte irgendwann aber 17 Tage lang an ihm. Bis wieder Glauben einkehrte, sogar stärker als zuvor. Dann gab es für ihn nur noch die eine Wahrheit: Es gibt Gott.»
Dämonisierung des Islam
Diese Antwort brachte Becker in eine andere Richtung, die niemanden zu überraschen schien: zum Monotheismus. «Führt er zwingend zu Gewalt? Denn betrachten wir die Menschheitsgeschichte mit all den Religionskriegen ...» Der Imam widersprach dieser Annahme rasch und überlegt. «Der Koran ist Gottes Wort. Gott untersagt das Töten. Dafür gibt der Koran klare Richtlinien an. Lebten Muslime nach ihnen, gäbe es keine Kriege. Es gibt jedoch zu viele falsch ausgelegte Koranstellen, berichtet wird im Westen fälschlicherweise fast nur aus Saudi-Arabien, und nicht etwa von zivilisierten muslimischen Orten.»
Diese Dämonisierung des Islams ist heute so präsent, dass Muslime sich oft wehren müssen. Dies schien bei Alimi nicht der Fall zu sein. Falsch interpretierte Koranstellen seien im Islam als zehnfache Sünde definiert, erklärte er. Um den Koran zu verstehen, müsse er nach gewissen Regeln interpretiert werden. Dazu seien nicht viele fähig und vor allem befugt.
Die eine Wahrheit
«Gibt es also die eine objektive Wahrheit?», fragte Becker die Theologen. Alimi und Hofreiter waren sich da einig: Ja, es gebe sie. «Es gibt Wahrheiten, die sind wahr, ohne sie anzweifeln zu können. Ein Neugeborenes muss nicht wissen, dass es atmen muss», so Alimi. Hofreiter stimmte ihm aus der anderen Sicht zu dem Ende der Atmung: «Der Tod jedes Einzelnen ist gewiss. Aber jeder Mensch hat eine eigene Wahrheit, was danach kommt. Es können sich in diesem Punkt alle täuschen. Aber nicht alle können recht haben.» Aus der Au war anderer Meinung. Nach ihr gebe es keine absolute, sondern nur subjektive Wahrheiten.
Schon nach penibel genau 45 Minuten schloss die Moderatorin das Podium. Eine Viertelstunde länger hätten wohl alle auf das ersehnte Sandwich warten mögen. Doch das Podium schien trotz Kürze etwas geweckt zu haben: das Interesse am Koran. Oder zumindest an einer vorurteilsfreien Begegnung mit dem Islam.
Bekim Alimi ist Imam der Moschee in Wil, Religionslehrer in den Schulen der Stadt Wil und Vizepräsident des DIGO (Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein).
Christian Hofreiter ist «Research Fellow» am Oxford Centre for Christian Apologetics und Direktor des Zacharias Instituts für Wissenschaft, Kultur und Glaube in Wien.
Christina Aus der Au ist Privatdozentin für systematische Theologie in Basel.
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Zum Bild: Tolerierten sich gegenseitig trotz unterschiedlicher Religionen: Bekim Alimi, Christina Aus der Au und Christian Hofreiter (v.l.n.r.).
Foto: Christlicher Hochschulverein VBG Zürich
Francesca Trento / ref.ch / 22. Oktober 2015
Der Monotheismus ist doch nicht das Übel aller Dinge