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«Der Tod ist das letzte Missgeschick»

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01.01.2016
Mike Müller spielt in der gleichnamigen Fernsehserie den Bestatter. Hier spricht er über den Tod als letztes Scheitern, das Recht der Verstorbenen und den Wert von Ritualen.

Herr Müller, als Bestatter in der TV-Serie sind Sie Anwalt der Toten. Wie sieht eine gute Abdankung Ihrer Meinung nach aus?
Macht man die Abdankung für die Angehörigen, für die verstorbene Person oder für beide? Das kann schwierig werden, zum Beispiel wenn die Kinder Atheisten sind, die verstorbene Mutter aber gläubig war. Vermutlich hält man die Abdankung in diesem Fall im Sinne der verstorbenen Mutter, selbst wenn es einem widerstrebt. Ich finde das richtig, das Recht des Verstorbenen geht vor. Da denke ich wie der Bestatter.

Und die Hinterbliebenen?
Heute muss eine Abdankung vielen Ansprüchen genügen. Es besteht kein Konsens mehr darüber, wie eine Beerdigung sein sollte. Die alten Rituale haben sich überlebt. Sie wirken hohl, heuchlerisch und verlogen. Bei einer Abdankung sitzen Menschen mit komplett verschiedenen Erwartungen, Ansichten und Bedürfnissen in der Kirche. Das macht es für einen Pfarrer schwierig, einen guten Job zu machen. Ich habe noch keine gute Beerdigung mit einem Pfarrer erlebt.

Waren Sie noch nie an einer guten Beerdigung?
Doch, die haben wir selber gehalten, mein Vater, mein Bruder und ich. Sie passte zum Verstorbenen, den wir natürlich gut gekannt haben. Ein Pfarrer kann nicht alle Leute kennen, die er beerdigt. Er kann darum nicht wissen, was im Sinne der verstorbenen Person wäre.

Trotzdem spielt die Kirche bei Beerdigungen bis heute eine Rolle. Warum sieht man keine Pfarrer bei den Abdankungen im «Bestatter»?
Das hat vor allem dramaturgische Gründe. In den 58 Minuten, die für eine Folge zur Verfügung stehen, muss viel erzählt werden. Der Pfarrer spielt keine grosse Rolle. Wenn der Bestatter aber eine Beerdigung in der Kirche organisiert, tritt ein Pfarrer auf. Vielleicht ist es auch besser, wenn keine Pfarrer vorkommen. In den Serien, die ich kenne, kommen sie jeweils nicht gut weg. In der neuen Staffel des «Bestatters» wird übrigens eine Folge im Kloster spielen.

Zurück zu den Ritualen. Früher hat man die Toten zu Hause aufgebahrt und in einem Leichenzug auf den Friedhof gebracht. Wären solche Rituale nicht hilfreich, um sich Zeit für den Abschied zu nehmen?
Ich glaube, dass mit der Zeit neue Rituale entstehen. Wir sind uns Rituale gewohnt und brauchen sie. Das hat mit dem Christentum nichts zu tun. Rituale gab es schon immer. Obschon ich Atheist bin, finde ich es überheblich zu meinen, das sei alles Pipifax.

Heute werden die Verstorbenen oft schnell im Sarg abtransportiert. Müsste man den Tod nicht stärker ins Leben integrieren und weniger verdrängen?
Den Tod kann man nicht ins Leben integrieren. Das ist eine religiöse Vorstellung. Für mich als Atheist ist es simpel, nach dem Tod ist nichts. Aber der Grund, dass man die alten Rituale nicht mehr pflegt, beruht ja nicht auf einer atheistischen Haltung, sondern ist ein ökonomischer. Die Leute haben kaum mehr Zeit für die Beerdigung. In Zürich müssen die städtischen Bestatter die Verstorbenen aus Hotels mit dem Warenlift durch die Tiefgarage abtransportieren. Ich finde es nicht gut, dass man den Tod effizient und möglichst unsichtbar abhandelt wie Online-Shopping. Man will sich nicht damit abgeben. Das ist wie wenn ich über Schmerzen im Knie klage und alle mir gleich einen Arzt empfehlen. Niemand will das aushalten. Alles muss in unserer Gesellschaft lösbar sein. Doch der Tod ist nicht lösbar. Er ist das letzte Scheitern. Der Bestatter darf ironischerweise nichts falsch machen. Alles muss perfekt ablaufen, obschon der Tod das letzte, absolute Missgeschick ist, das einem passiert. Die Effizienz steht dem Tod hilflos gegenüber. Der Tod lässt sich nicht so einfach bändigen. Das finde ich spannend, wenn auch nicht schön.

Sie sind Atheist, plädieren aber für das Recht der Verstorbenen. Ist das nicht ein Widerspruch? Warum soll man auf die Toten Rücksicht nehmen?
Man sollte den Toten die letzte Ehre erweisen. Bei einer Abdankung geht es nicht nur darum, Abschied zu nehmen. Die verstorbene Person ist der Grund, warum man sich noch einmal trifft. Wenn man das missachtet, wird es schnell heuchlerisch. Es ist falsch, wenn zum Beispiel der Pfarrer über eine verstorbene Person erzählt, sie sei eine Verehrerin der Maria gewesen, obwohl alle, die sie kennen, wissen, dass das nicht stimmt. Damit nimmt er den Toten für seine Zwecke in Anspruch. Pfarrer und Hinterbliebene sollten sich an der Abdankung in den Dienst der Verstorbenen stellen.

Sie arbeiteten in Ihrer Jugend als Totengräber. Hat der Umgang mit den Toten Ihr Verhältnis zu Leben und Tod verändert?
Die Arbeit mit einem Toten ist immer sehr speziell. Ich kenne niemanden, den das kalt lässt. Es war eine sehr unmittelbare Erfahrung. Man gräbt ein grosses Loch, vier Kubikmeter. Es gibt keine anderen Löcher, keine Baugruben, die aussehen wie Gräber. Ein Grab erzeugt eine gewisse Emotionalität. Einige der Verstorbenen und Trauernden habe ich gekannt, das war ja in meinem Dorf. Ich glaube nicht, dass diese Erfahrung den Tod für mich normaler gemacht hat. Er bleibt immer eine Ausnahmesituation. Der Tod steht so krass im Gegensatz zum Leben. Darum kann man den Tod auch nicht ins Leben einbauen. Ich möchte nicht jeden Tag an den Tod denken. Ich freue mich über die Vitalität, das ist mir viel wichtiger.

Der Tod fordert den Menschen heraus. Bei Shakespeare fragt Hamlet nach dem Sein oder Nichtsein. Was bestimmt das Sein des Menschen?
Die Vitalität. Vitalität verstehe ich aus meinem Beruf als Schauspieler heraus. Spielen ist etwas sehr Vitales. Ich spielte selber den Horatio und die Totengräberszene aus dem Hamlet. Horatio überlebt und hat das letzte Wort. Er sagt, dass die Geschichte weitergeht. Aber natürlich nicht in einer anderen Welt. Sie geht hier weiter. Mich interessiert die Vitalität, nicht nur bei den Menschen, auch bei den Tieren. Der Tod stört die Hinterbliebenen in ihrer Vitalität. Sterben bedeutet immer Schmerz. Zudem wird den Lebenden bewusst, dass auch sie sterben werden.

Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?
Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich bin jetzt 52 Jahre alt, vielleicht sollte ich mir das allmählich überlegen. Nicht zuletzt, damit es nicht die Angehörigen entscheiden müssen. Aber ich mache mir nicht viele Gedanken über den eigenen Tod.




«Der Bestatter»
Mike Müller ist Schauspieler und Autor. Er spielte in den letzten Jahren vor ­allem im Casinotheater Winterthur und im Theater am Neumarkt. Am Fernsehen ist er jeweils am Sonntagabend in «Giacobbo/Müller» zu sehen.
Am 6. Januar startet um 20.05 Uhr auf SRF 1 die dritte Staffel der Serie «Der Bestatter» mit Mike Müller in der Hauptrolle. Er löst als Bestatter und ehemaliger Polizeikommissar Luc Conrad sechs neue Kriminalfälle.


Zum Bild: Auf dem Weg zum Tatort: Bestatter Luc Conrad (Mike Müller) und sein Assistent Fabio (Reto Stalder). |SRF/Hlavacek

Interview: Karin Müller

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