Die Gefahr der einfachen Erklärung
Dass wir uns mit zu einfachen Erklärungen begnügen, ist eine der grossen Gefahren im Zusammenhang mit den Attentaten von Paris. Es liege am Islam, sagen mehr oder weniger direkt Kommentatoren, Politikerinnen und Politiker, Fachleute.
Diese Erklärung ist zu einfach. Sie nimmt die vielen Muslime nicht ernst, die sich entschieden von einer religiösen Legitimation solcher Gewalt distanzieren. Diese Erklärung ist zu einfach, aber auch, weil sie so tut, als habe das Christentum keine Gewaltgeschichte. Und vor allem vernachlässigt diese Erklärung alle politischen Umstände, die zu Hass, Gewalt, Folter, Mord und Krieg führen.
Die politischen Gründe tarnen sich religiös. Der «Islamische Staat» kämpft nicht um Gottes willen. Im Irak, in Syrien geht es nicht um Religion. So wenig wie es vor 30 Jahren in Irland um «katholisch» und «protestantisch» ging. Es geht um Macht und um politische Dominanz.
Die Anfechtung für Menschen redlichen Glaubens ist, dass Kirchen und Religionen sich immer wieder mit politischer Macht zusammentun. Und sich dann missbrauchen lassen zur Legitimation von Unrecht und Gewalt. Offensichtlich ist die Versuchung gross, zur Durchsetzung der «eigenen Wahrheit» mit politischer Macht zu paktieren. Die einfache Erklärung, dass «der Islam» an den Attentaten oder an den Kriegen im Irak, in Syrien oder Nigeria schuld sei, missbraucht die Religion für die Politik. Diese einfache Erklärung spart sich anstrengende politische Fragen, etwa die nach den Verhältnissen in den Banlieues von Paris: schlechte Bildungschancen, hohe Arbeitslosigkeit, Gettoisierung ganzer Bevölkerungsteile.
Politik darf Religion nicht als Schminke oder gar Tarnung in Anspruch nehmen. Religion darf aber auch nicht mit politischen Machtmitteln ihren Einfluss durchsetzen. An dieser Unterscheidung arbeiten wir in Europa seit noch nicht allzu langer Zeit. Und wir sind damit noch lange nicht fertig. Wir sollten Menschen anderer
Religionen dabei zur Mitarbeit einladen.
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