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Die illegale Pfarrerin

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27.01.2020
Die junge Theologin Greti Caprez-Roffler wurde Pfarrerin in einer Zeit, als Frauen auf der Kanzel verboten waren. Die Bündner Gemeinde Furna wagte diesen Schritt. Ein Skandal, der für Aufsehen sorgte. Ihre Biografie zeigt den steinigen Weg der Pfarrerinnen zur Gleichberechtigung in Kirche und Gesellschaft.

Als Christina Caprez vor sechs Jahren bei ihrer Tante den Stapel von Briefen und Tageb├╝chern ihrer Grossmutter vom Estrich holte, war ihr nicht bewusst, auf welch historischen Schatz sie gestossen war. ┬źWow┬╗, sagte sie, als sie das viele Material sah, doch die Tragweite und der Reichtum waren erst sp├Ąter erkennbar f├╝r sie.┬á

Akribisch sichtete die Soziologin und Journalistin die Unterlagen und gewann Einblick in das Leben einer Theologin, die ├╝ber die Landesgrenzen f├╝r Furore sorgte. Denn ihre Grossmutter Greti Caprez-Roffler war die erste Pfarrerin in einer Epoche, als M├Ąnner die Kanzeln beherrschten. Sie war eine illegale Pfarrerin, f├╝gt die Enkelin an, denn das reformierte Furna GR w├Ąhlte sie gegen alle Widerst├Ąnde und gegen die Kirchenverfassung zu ihrer Gemeindepfarrerin. Christina Caprez verarbeitete ihre Recherche zu einem viel beachteten Buch und einem Dokumentarfilm. Zurzeit h├Ąlt die Enkelin in der ganzen Deutschschweiz Lesungen ├╝ber das Leben ihrer aufm├╝pfigen Grossmutter.

Mit Recht, denn ihr Leben bietet Stoff f├╝r ein spannendes Drehbuch: 1906 in St. Ant├Ânien geboren, w├Ąchst Greti in einem gutb├╝rgerlichen Haushalt auf. Der Vater ist Pfarrer in Igis, Zizers und zuletzt in Felsberg. Er ist stolz auf seine intelligente Tochter, die das Gymnasium besucht und nach der Matura 1925 an die Universit├Ąt Z├╝rich geht. Dort studiert sie zun├Ąchst Altphilologie, sp├Ąter Theologie. In Graub├╝nden macht sich derweil der Vater daf├╝r stark, dass unverheiratete Frauen ein Pfarramt ├╝bernehmen k├Ânnen. Das sorgt f├╝r Aufsehen: In der Presse streiten sich Bef├╝rworter und Gegner ├╝ber die Frage, ob Frauen rein physisch den Anforderungen des Pfarramts gewachsen seien, w├Ąhrend der evangelische Grosse Rat die n├Âtige ├änderung der Kirchenverfassung auf die lange Bank schiebt. 1929 heiratet Greti Roffler den Ingenieur Gian Caprez und wandert mit ihm nach S├úo Paulo aus. Doch auch in Brasilien gibt Greti Caprez ihren Traum vom Pfarramt nicht auf.

Die Wirtschaftskrise und ein milit├Ąrischer Putsch zwingen sie und sp├Ąter ihren Mann zur R├╝ckkehr. Schwanger ├╝berquert sie alleine den Atlantik, schliesst in Z├╝rich das Theologiestudium ab und besteht kurz vor ihrer Niederkunft das Staatsexamen. In ihren Briefen an ihren geliebten Ehekameraden, wie sie ihren Mann nennt, tr├Ąumt sie davon, wie sie ihren Beruf aus├╝bt. ┬źZun├Ąchst gilt es, die M├Âglichkeit Frau und Mutter und Beruf zu vereinen, vorzuleben. Dass dazu vor allem ein ganz fabelhafter Mann geh├Ârt, daran wird nie gedacht, aber f├╝r mich bist du deswegen doch der tragende Grund, ich weiss es doch┬╗, schw├Ąrmt sie.

Furna beruft sie als Pfarrerin

Nach der R├╝ckkehr aus Brasilien zieht die kleine Familie nach Pontresina. Greti Caprez k├Ąmpft mit Artikeln in der B├╝ndner Presse f├╝r die Zulassung der Frauen zum Pfarramt. Ihre Hoffnungen scheinen berechtigt, hatte doch die Z├╝rcher Kirche die beiden Theologinnen Rosa Gutknecht und Elise Pfister ordiniert. Doch weiter kamen die Theologinnen nicht. Der Z├╝rcher Regierungsrat verweigerte ihnen die Zulassung zum ├Âffentlichen Amt.┬á

Im abgelegenen Graub├╝nden tickten die Uhren anders: Als das kleine Bergdorf Furna keinen Pfarrer fand, wagte es den Schritt und w├Ąhlte mit Greti Caprez-Roffler eine junge Frau zur Gemeindepfarrerin. 1931 zog die 25-J├Ąhrige mit dem Baby und ihrem Hab und Gut auf Pferdewagen nach Furna. Ihr Mann blieb als Ingenieur in Z├╝rich, sporadisch besuchte er sie an den Wochenenden. Hier im 200-Seelendorf bl├╝hte die junge Pfarrerin auf. Sie zeigte den M├Ądchen, wie sie in Hosen statt R├Âcken besser Ski fahren konnten, sprach mit den M├╝ttern ├╝ber Sexualit├Ąt und Verh├╝tung und machte mit ihrem Kind, das sie auf dem R├╝cken trug, Hausbesuche.┬á

Der Gemeinde gefiel die neue Pfarrerin mit ihrer direkten und herzlichen Art, w├Ąhrend konservative Pfarrherren ├╝ber diesen Skandal wetterten. Unten in Chur handelte der B├╝ndner Kirchenrat sofort und sperrte der Gemeinde den Zugang zum Kirchenverm├Âgen. Man wollte die aufm├╝pfigen Bergler in die Schranken weisen und der Pfarrerin den Lohn streichen. Drei Jahre lang hielten Greti Caprez-Roffler und Furna durch, doch dann musste die erste Pfarrerin Europas aufgeben.

Sp├Ąter konnte sich Greti Caprez-Roffler an der Seite ihres Gatten, der inzwischen Theologie studiert hatte, im b├╝ndnerischen Rheinwald einbringen. Doch mit der Zeit gab sich die Mutter von sechs Kindern immer weniger k├Ąmpferisch. ┬źEs scheint, als habe sie der Kampf gegen die bestehenden Verh├Ąltnisse aufgerieben┬╗, sagt Christina Caprez. 1963 erf├Ąhrt ihre Grossmutter ein St├╝ck Gerechtigkeit. Sie wird ordiniert und kann 1966 offiziellm in Graub├╝nden ein Gemeindepfarramt antreten. Nach 35 Jahren.

Zugang zum Pfarramt verweigert

Seit der Reformation war die Rolle der Frau in der Kirche jene der Pfarrfrau, die in den Kirchgemeinden als stille Helferin, Mutter und R├╝ckhalt ihres Gatten wirkte. Als sich die Theologischen Fakult├Ąten Anfang des 20. Jahrhunderts auch f├╝r Studentinnen ├Âffneten, konnten die Theologinnen als Pfarr- oder Gemeindehelferin im Schatten ihrer m├Ąnnlichen Kollegen arbeiten. Der Weg ins Pfarramt war ihnen jedoch verwehrt. Erst seit 1956 k├Ânnen unverheiratete Frauen in einzelnen Kantonen ein Pfarramt ├╝bernehmen. Die Pflicht zum Z├Âlibat wurde in den 1970er-Jahren abgeschafft.┬á

Selbst wenn Pfarrhelferinnen oftmals die gleichen Aufgaben wie ihre m├Ąnnlichen Kollegen ├╝bernahmen, stolperten sie immer wieder ├╝ber ihr Geschlecht. So wie Dora Roesler-Riggenberg, die in den 1930er-Jahren in Bern Theologie studierte. Die Konkordatskommission weigerte sich, sie zu ordinieren. So musste sie als Gemeindehelferin arbeiten, die weder taufen noch Abendmahl verteilen konnte. Die Bezeichnung ┬źGemeindehelfer┬╗ st├Ârte Dora Roesler-Riggenberg bis zu ihrem Tod: ┬źDiesen Titel erhielt man nach dem Abschluss der sozialen Schule in Z├╝rich.┬╗ Sie aber verstand sich als Theologin.

In der Praxis sah es jedoch anders aus: Als Dora Roesler-Riggenberg 1940 nach Biberist wechselte, meinte Pfarrer Steuri, wenn sie nicht alle Aufgaben ├╝bernehme, sei sie ihm keine Hilfe. Steuri forderte sie auf, zu taufen, zu beerdigen und mit der Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Ein Jahr sp├Ąter wechselte sie nach Olten. ┬źDa komme jetzt eine, die habe Haare auf den Z├Ąhnen┬╗, warnte der pietistische Pfarrer die Sch├╝ler. Doch als sie als ┬źkleine, d├╝nne Frau┬╗, so Dora
Roesler-Ringgenberg ├╝ber sich selbst, das erste Mal das Schulzimmer betrat, verflog die anf├Ąngliche Furcht rasch. Unterricht zu erteilen, war Roeslers Leidenschaft. ┬źWunderbar waren die Kleinen, die waren so herzig┬╗, schw├Ąrmte sie.┬á

Die Gemeinde und die Kirchenbeh├Ârden akzeptierten sie sofort und standen hinter ihr. Durch ihre Arbeit verschaffte sie sich Respekt. Viel Zeit zum Gr├╝beln blieb der Gemeindehelferin nicht: T├Ąglich erteilte sie Unterricht. Samstags schrieb sie bis sp├Ąt in die Nacht die Predigt. Und sonntags stand sie in der Fr├╝h auf, um in Wangen, H├Ągendorf, Dulliken, Trimbach und Winznau zu predigen. Manchmal fand der Gottesdienst auch auf einem der Jurah├Ąnge in einem Bauernhof statt. Das bedeutete stundenlanges Hinauf- und Hinabsteigen. Kam sie nach der Predigt nach Hause, fiel sie todm├╝de ins Bett.

Der Makel Frau zu sein blieb

Auch wenn Dora Roesler-Ringgenberg alle pfarramtlichen Aufgaben versah, blieb ihr die Ordination, die sie f├╝r das Pfarramt brauchte, nach wie vor verwehrt. In Olten sah man dies anders. ┬źFr├Ąulein Ringgenberg┬╗ habe studiert wie die anderen Pfarrer und sie arbeite wie diese. Deshalb wolle man sie ordinieren, sobald Solothurn eine Kantonalkirche sei. Doch der Makel als Frau blieb an Dora Roesler-Ringgenberg haften. Als sie nach Dulliken wechselte, gab es Proteste. Die Gemeinde wollte keine Frau, w├Ąhrend in den umliegenden Ortschaften Pfarrherren wirkten. Der Kirchenrat blieb hart, sie beorderten Roesler-Ringgenberg nach Dulliken.

Christina Caprez bewundert ihre Grossmutter f├╝r ihre Beharrlichkeit, mit der sie sich f├╝r die Gleichberechtigung einsetzte. Die Erfahrung, dass sie nicht gleich wie ihre m├Ąnnlichen Kollegen behandelt wurde, machte Greti Caprez-Roffler erst zur Feministin. Als sie mit ihren Anliegen bei den Beh├Ârden, den Medien und der ├ľffentlichkeit auf Widerstand stiess, realisierte sie, wie sexistisch die Gesellschaft war. ┬źFrauen werden nicht als┬á Feministinnen geboren, sondern sie werden dazu, wenn sie erleben, dass sie nicht gleichberechtigt sind.┬╗ Ihre Grossmutter sei eine Pionierin gewesen, die das volle Leben anstrebte. Sie beanspruchte f├╝r sich, berufst├Ątig und Mutter zu sein sowie eine leidenschaftliche und sexuell erf├╝llte Beziehung f├╝hren zu k├Ânnen. ┬źF├╝r die damalige Zeit war dies unerh├Ârt┬╗, sagt Christina Caprez. Und auch heute k├Ąmpfen die meisten Frauen damit, dies verwirklichen zu k├Ânnen. Das Grundproblem Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, sei noch lange nicht gel├Âst, sagt Christina Caprez ÔÇô weder f├╝r Frauen noch f├╝r M├Ąnner.┬á

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 27.1.2020                               

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