News aus Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Zentralschweiz, Schaffhausen

«Die katholische Kirche ist als Weltkirche wie ein schwerer Tanker unterwegs»

min
14.02.2023
Vor 50 Jahren taten die Reformierten und Lutheraner auf dem Leuenberg BL einen grossen Schritt aufeinander zu. Die Lösung hiess «Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit». Wäre dieses Modell auch der Ansatz für die Einheit mit den Katholiken?

Eigentlich sollte das Treffen den Frieden unter den Protestanten bringen. 1529 hatte Landgraf Philipp von Hessen die FĂŒhrer der Reformation Luther, Zwingli, Melanchton und Oekolampad nach Marburg geladen. Ziel war, den offenen Streit ums Abendmahl beizulegen. Doch es misslang. Luther beharrte darauf, dass Christus «in, mit und unter» Brot und Wein gegenwĂ€rtig sei. Und fĂŒr Zwingli war klar, im Einsetzungswort «Dies ist mein Leib» heisst «ist» «bedeutet». Der Dissens zwischen dem Wittenberger und dem ZĂŒrcher blieb. VerĂ€rgert ritt Zwingli die tausend Kilometer zurĂŒck an die Limmat. Und die Reformierten und Lutheraner gingen beinahe 500 Jahre lang getrennte Wege.

1973 Ànderte sich dies. In der abgelegenen Baselbieter HeimstÀtte Leuenberg trafen sich Theologen aus beiden Lagern und einigten sich auf die Leuenberger Konkordie. Der Konflikt um das Abendmahl war beendet. Der Kompromiss, hiess «Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit».

Als der Dogmatiker Reinhold Bernhardt Vikar in Bad Schwalbach bei Wiesbaden war, konnte man sich dort an die protestantische Kirchenspaltung noch gut erinnern. FrĂŒher gab es eine reformierte und eine lutherische Gemeinde; jede hatte ihre eigene Kirche und ihre eigene Pfarrperson. Und man feierte das Abendmahl getrennt.

Unter Protestanten selbstverstÀndlich
Heute sei die protestantische Ökumene selbstverstĂ€ndlich, meint Reinhold Bernhardt, der an der Theologischen FakultĂ€t Basel doziert. Das hat es auch möglich gemacht, dass deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer, egal ob Lutheraner, Unierte oder Reformierte, von Schweizer Kanzeln predigen und umgekehrt. Die hiesige Kirchenlandschaft wĂŒrde ohne diese AuslĂ€nder nicht funktionieren.

Umgekehrt hatte die reformierte Theologie aus der Schweiz einen riesigen Einfluss auf die Deutsche Kirche. Das dokumentierte sich etwa in der Barmer Theologischen ErklÀrung, sagt Bernhardt. Diese bildete das theologische Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihr Hauptautor war Karl Barth. Der Basler Theologe prÀgte die deutsche Kirchengeschichte bis in die 60er-Jahre.

Die zweite HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts war die Zeit der ökumenischen AufbrĂŒche. Lutheraner und Reformierte einten sich, einige Freikirchen, wie die Methodisten, gehören nun zur «Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa» GEKE. Selbst Katholiken und Protestanten haben sich angenĂ€hert.

Knacknuss Bekenntnis und Taufe
Doch seit dem Anbruch des neuen Jahrtausends stockt die Ökumene. Im VerhĂ€ltnis zur römisch-katholischen Kirche bestehen die KnacknĂŒsse im VerstĂ€ndnis der Kirche, des Bischofs- und Priesteramtes, das Abendmahls und nicht zuletzt auch der ökumenischen Zielvorstellungen. Im VerhĂ€ltnis zu manchen Freikirchen – wie den Baptisten – geht es dagegen eher um die Frage der Taufe. «Diese Kirchen beharren darauf, dass der Taufe ein selbst verantwortetes Bekenntnis zu Jesus vorausgeht. Es dĂŒrfen also keine SĂ€uglinge, sondern nur Erwachsene getauft werden», stellt Reinhold Bernhardt fest. Das vertrage sich schlecht mit den offenen Kantonalkirchen, die auch Kinder taufen und auf die Bekenntnisfreiheit Wert legen. Bekenntnisfreiheit heisse aber auch fĂŒr sie nicht Bekenntnislosigkeit.

FĂŒr Rom gibt es nur eine Kirche
«Immer wieder wurde die Hoffnung geĂ€ussert, das Leuenberger Modell der ‘Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit’ könnte auch der SchlĂŒssel fĂŒr eine Einigung mit der katholischen Kirche sein», sagt Reinhold Bernhardt. «Doch das kommt fĂŒr den Vatikan nicht in Frage. FĂŒr Rom gibt es nur eine Kirche, und nicht verschiedene, die eine Gemeinschaft bilden.» Mit dieser Maximalforderung blockiere man aber den Weg zur Einheit.

Eine zentrale Rolle nehme dabei fĂŒr die Katholiken das Bischofsamt ein. Es hĂ€lt nach katholischem VerstĂ€ndnis die Kirche zusammen. Alle anderen geistlichen Ämter – vom Priester bis zum Papst – leiten sich von diesem Amt ab. Und davon hĂ€ngt wiederum das Abendmahl ab. «Wer die Weihe nicht empfangen hat, kann nach katholischem VerstĂ€ndnis keine Eucharistie zelebrieren», erklĂ€rt Bernhardt. Und umgekehrt stellt das katholische Bischofsamt die evangelische Überzeugung von der Gleichheit aller GlĂ€ubigen vor Gott in Frage. «Die beiden VerstĂ€ndnisse der Kirche sind kaum kompatibel», so Bernhardt. Ausserdem sei die katholische Kirche als Weltkirche wie ein schwerer Tanker unterwegs, der sich nicht einfach umlenken lasse, schon gar nicht von einer kleinen reformierten Kirche.

Kirchenvolk rĂŒckt zusammen
Heute rĂŒckt das Kirchenvolk ĂŒber die Konfessionsgrenzen hinweg immer nĂ€her zusammen, wĂ€hrend es auf der Ebene der Kirchenleitungen stockt. FĂŒr die Basis seien die Differenzen theologische Spitzfindigkeiten. Und mit der Vielfalt der Kirchen könne man ja ganz gut leben, rĂ€umt Reinhold Bernhardt ein. Man dĂŒrfe die Frage nach der Einheit der Kirche nicht zu hoch schrauben.

Schon unter den ersten Christen gab es eine Vielfalt von verschiedenen Gemeinden, die Vorstellung einer Kirche als Institution kam erst spÀter. Es gehe dabei auch um die Frage, ob die Kirche vor allem eine religiöse Institution ist oder nicht vielmehr eine geistliche Grösse, ergo die Gemeinschaft der Glaubenden, so Bernhardt. «In einer Kirche in einem geistlichen Sinn kann und darf es eine institutionelle Vielfalt geben. Die Einheit dieser Kirche muss nicht erst hergestellt werden, sie besteht in Christus schon.»

Tilmann Zuber, kirchenbote-online

Siehe auch: Das Ende des Abenmahlstreits

Unsere Empfehlungen

Mitglied sein oder nicht

Mitglied sein oder nicht

Die digitale Grossgruppen-konferenz der Reformierten Kirche des Kantons Luzern hat sich innert kurzer Zeit zu einem nationalen Event etabliert. Über 200 Teilnehmende aus allen Regionen und Bereichen nahmen teil und diskutierten über das Mitgliedsein.
Den Wandel meistern

Den Wandel meistern

Am 30. April stimmen die Mitglieder der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt über die Totalrevision der Kirchenverfassung ab. Für deren Annahme braucht es eine Zweidrittelmehrheit.