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Die Kirche bleibt im Dorf

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26.04.2019
Am Pfingstsonntag feiert die Kirchgemeinde Herblingen ihre 700-jährige Geschichte. Pfarrer Peter Vogelsanger erzählt, warum diese Geschichte etwas Besonderes ist.

Die Kirchgemeinde Herblingen wird samt Dorfkirche auf einer Urkunde aus dem Jahr 1319 zum ersten Mal erwĂ€hnt. Damals gehörte Herblingen zur Kirche Lohn, sĂ€mtliche Sonntagsandachten, Taufen und Bestattungen fanden in der Reiatgemeinde statt. 1649 teilte der Schaffhauser Rat die Herblinger der St. Johannskirche zu. Ab 1681 trugen sie Neugeborene in ein eigenes Taufbuch ein und hielten Abendmahl in der alten Dorfirche. 1750 begann der Bau einer neuen Kirche, die Pfarrer Alexander Baldunger im Jahr darauf ein- weihte. Die VorgĂ€ngerkirche steht heute noch und dient als privates Wohnhaus. «Es ist beeindruckend, dass schon vor so langer Zeit hier Menschen zusammenfanden, die zu ihrer christlichen Überzeugung standen und ihre Ideale beherzt lebten», sagt der Herblinger Gemeindepfarrer Peter Vogelsanger.

Dorf vor dem Stadttor

Herblingen stiess erst 1723 zur Eidgenossenschaft, 150 Jahre spĂ€ter als die Stadt Schaffhausen. Bis dahin gehörte die Landgemeinde zum Hause Habsburg. WĂ€hrend der Kriegszeiten belagerten Soldatentruppen das Herblingertal. «Die Bevölkerung musste die Soldaten aus eigenen Mitteln verpflegen», erzĂ€hlt Peter Vogelsanger. Durch die Vertreibung der Hugenotten, die PestzĂŒge und den DreissigjĂ€hrigen Krieg sassen riesige FlĂŒchtlingsströme vor der Stadt fest. «Herblingen hat eine so bewegte Geschichte, weil es geografisch vor dem Stadttor lag», sagt der Pfarrer und betont, dass die Geschichte Herblingens eben eine waschechte «Dorfgeschichte» sei.

Zwischen 1814 und 1850 verpasste die Schweiz die beginnende Industrialisierung. In der Folge fĂŒhrten Stagnation, Krise und soziale Not zu Massenauswanderungen. In Herblingen verkleinerte die grosse Auswanderungswelle unter anderem nach Brasilien das Dorf auf 351 Seelen. Erst im Jahr 1941 ĂŒberstieg die Einwohnerzahl die Tausendergrenze und im Jahr 1964 wurde Herblingen mit seinen damals rund 2000 Einwohnern zum Stadtquartier. Heute leben rund 5000 Menschen in Herblingen. «Wir ticken anders als der Rest von Schaffhausen», sagt der Gemeindepfarrer, «Herblingen ist ein modernes, lebendiges Wohnquartier mit Infrastruktur, ArbeitsplĂ€tzen und einem grossen Freizeitangebot, wir wollen kein Schlafquartier sein.» Trotzdem sei die Entwicklung des Quartiers fĂŒr die Kirchgemeinde nicht unproblematisch: «Aktuell haben wir wenig Kinder. Viele Familien siedelten sich in den 1980er-Jahren hier an, ihre Kinder sind heute erwachsen.» Vor 15 Jahren habe es noch Konfirmandenklassen mit 33 Kindern gegeben. «Heute gibt es hier Schulklassen ohne ein ein- ziges reformiertes Kind», so Vogelsanger.

Aktuell zĂ€hlt die Kirchgemeinde 1400 Mitglieder, der Anteil an Ă€lteren Personen ist hoch. «Wir sind eine der letzten unabhĂ€ngigen Gemeinden auf Stadtgebiet», sagt der Pfarrer. Dennoch wolle die Kirchgemeinde zukĂŒnftig vermehrt mit anderen Gemeinden zusammenarbeiten. «Der Kurs der letzten 50 Jahre wĂŒrde in die Zukunft gesehen in die Isolation fĂŒhren», schĂ€tzt der Pfarrer ein.

Einziger Taufwald

Trotzdem fĂŒhle sich die Kirchgemeinde gut gerĂŒstet fĂŒr den «Herblinger Drive der Moderne» und sei stolz auf die Besonderheit, den einzigen Taufwald in der Schweiz zu fĂŒhren, in dem Eltern fĂŒr ihre Kinder ein BĂ€umchen pflanzen können, das mit Namensplakette auf den TĂ€ufling hinweist.

Am Pfingstsonntag feiert die Kirchgemeinde ihre 700-jĂ€hrige Geschichte mit einem Festgottesdienst, ApĂ©ro riche, Anspra- chen, einem Kinderprogramm und einem historischen Stationenrundgang im ehemaligen Dorf mit StadtfĂŒhrer Peter Baumer.

 

Adriana Schneider

 

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