Baselland, Basel-Stadt, Luzern, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, Uri, Zug

«Die Kirche hat einen politischen Auftrag»

min
10.04.2018
Soll die sich die Kirche bei Fragen der Migrationspolitik öffentlich zu Wort melden? Darf sie eine Parole ausgeben bei der «No Billag»-Abstimmung? Ja, sagt Simon Hofstetter vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Das heisse aber nicht, dass sie zu allem Stellung nehmen soll.

Die Schaffhauser Kirche hat sich k├╝rzlich an einer Aussprachesynode mit der Frage nach dem politischen Engagement der Kirche auseinandergesetzt. Simon Hofstetter, Beauftragter f├╝r Recht und Gesellschaft beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK, hat an der Tagung referiert. F├╝r ihn hat die Kirche klar den Auftrag, sich politisch zu ├Ąussern. Das kann im Sinn einer ├Âffentlichen Meinungsbildung sein. Aber auch durch klare Voten. Im Vordergrund steht der Diskurs als reformiertes Grundprinzip.

Herr Hofstetter, sind Sie ein politischer Mensch?
Ja, von Kindesbeinen an. Politische Themen sind bei uns am K├╝chentisch verhandelt worden, weil beide Eltern in der Gemeindepolitik aktiv waren. Als Student habe ich in Parteisekretariaten gejobbt. Auch heute schl├Ągt mein Herz noch ein St├╝ck weit politisch.

Wo f├Ąngt f├╝r Sie Politik an?
Nun, alles was die Gestaltung des gemeinsamen Lebens betrifft ist Politik. Im altgriechischen Verst├Ąndnis bedeutete Politik das ├Âffentliche Verhandeln der gemeinsamen Dinge. Das heisst aber nicht, dass man zu allem Stellung nehmen soll. In der Bibel steht: ┬źSchweigen hat seine Zeit und Reden hat seine Zeit┬╗. Auf die Politik bezogen lautet die Frage: Zu welchen Themen m├╝ssen wir als Kirche Stellung nehmen und wo k├Ânnen wir getrost sagen, wir haben andere Priorit├Ąten.

Zu welchen Themen sollen Kirchen denn konkret Stellung nehmen?
Als Christen gehen wir davon aus, dass die Welt eine Sch├Âpfung Gottes ist, zu der wir Sorge tragen wollen. Und in diese Fragen sollten wir uns einbringen. Ich denke dabei an Fragen der Bioethik, der Ethik am Lebensanfang und am Lebensende, an wirtschaftsethische Fragen und sozialpolitische Themen. Bei Fragen der Migrationspolitik ist die Diakonie der Kirche stark engagiert und l├Ąsst sich traditionellerweise verlauten.

Wer ist in diesem Zusammenhang Kirche? Wir als Einzelne oder ein Gremium?
Grunds├Ątzlich ist es die Aufgabe jedes Christen, zur Gestaltung des Gemeinwesens Stellung zu beziehen. Der christliche Glaube hofft ja nicht weltfern auf Erl├Âsung. Er ist im Gegenteil ganz stark am Hier und Jetzt orientiert und zielt darauf ab, gerechte Verh├Ąltnisse zu schaffen, die sich in den Strukturen unserer Welt zeigen sollen.
Wer daf├╝r zust├Ąndig ist, ist von Konfession zu Konfession verschieden geregelt. Die Katholiken haben es relativ einfach, bei ihnen gibt es eine klare Hierarchie, die die Zust├Ąndigkeit vorgibt.
Das reformierte Prinzip hingegen ist die ┬źgemeinsame Diskursgemeinschaft┬╗. Es gibt demnach keine Stelle, die f├╝r sich die Hoheit gepachtet hat und vorgeben kann, was Meinung ist. ┬źSynhodos┬╗ ist das griechische Wort f├╝r ┬źgemeinsam auf dem Weg sein┬╗. Das bedeutet, dass wir miteinander diskutieren und um Argumente ringen, aber auch auf das Evangelium h├Âren m├╝ssen, um eine gemeinsame Position zu finden.

So wie es die Schaffhauser Kirche in der Aussprachesynode tut. Wie sieht das bei anderen Kirchen aus?
Viele Kirchen haben ihren Modus gefunden und in ihren Kirchenordnungen die Zust├Ąndigkeiten f├╝r politische Stellungnahmen festgehalten. Aber an vielen Orten ringt man immer wieder darum, welches die richtige Form ist, um Stellung zu nehmen.

Wie sieht die praktische Umsetzung aus?
Bei Grundsatzfragen beh├Ąlt sich die Synode das Recht vor, aktiv zu sein, also Positionen zu lancieren, Resolutionen in Gang zu bringen, zu unterst├╝tzen oder zu verwerfen. Man kann aber nicht immer nur die Synode walten lassen bei ├Âffentlichen Stellungnahmen, daf├╝r tagt sie zu selten. Manche Kantonalkirchen geben deshalb dem Kirchenrat den Auftrag, die reformierte Stimme durch Stellungnahmen in ├Âffentliche Debatten einzubringen.
Eine besondere reformierte Tradition ist zudem, dass die Pfarrpersonen ein gewichtiges Wort sprechen. Die Kanzel soll nicht einfach ein Warmluftverk├╝ndigungsort sein, sondern es soll in der Verk├╝ndigung auch immer darum gehen, was wir aufgrund des Evangeliums zur Gestaltung unserer Welt zu sagen haben.

Worauf gr├╝ndet diese Tradition?
Der Reformator Huldrych Zwingli forderte ein spezifisches ┬źW├Ąchteramt der Kirche┬╗. Er forderte die Pfarrer auf, den Finger kompromisslos auf wunde Stellen zu legen und sich durch nichts und niemanden davon abhalten zu lassen, die Stimme zu erheben. Seit dem 17. Jahrhundert waren die Pfarrpersonen allerdings explizit von jedem politischen Leben ausgeschlossen. M├Âglicherweise war das ein reformatorischer Reflex, weil man sah, dass sich die Pfarrer sehr stark von der Kanzel herab ├Ąusserten und im zwinglianischen Sinn Stellung bezogen. Noch in der alten Bundesverfassung, die erst 1999 abgel├Âst wurde, stand, dass Geistliche nicht Mitglied im National- oder St├Ąnderat sein durften. Erst seit 20 Jahren sind sie im Bundesparlament wieder zugelassen.

Inwiefern stehen christliche Parteien f├╝r die Kirche?
Wir haben verschiedenste Parteien, die sich das Etikett ┬źchristlich┬╗ auf die Fahne schreiben. Da ist die CVP, die aus katholisch konservativen Kantonen stammt, die EVP, die aus dem reformierten, freikirchlichen Umfeld kommt, die EDU, die sich als evangelische Partei versteht, aber aus dem reformiert konservativen Kontext heraus entstanden ist. Diese Parteien decken ihre Herkunftsorte und Milieus ab, sind aber nicht zu verstehen als politischer Arm der reformierten Kirchen.

Hat die Kirche als Institution ├╝berhaupt einen politischen Auftrag?
Ganz klar Ja. Wenn unser Auftrag lautet, das Evangelium in der ganzen Welt zu verk├╝nden, dann kann das nicht zu einem Stillschweigen oder Wegducken vor heiklen gesellschaftlichen Fragen f├╝hren. Dann gilt es auch politisch zu sein. Ich gehe davon aus, dass wir im theologischen Sinn einen Sendungsauftrag in die ganze Welt haben. Da m├╝ssen wir auch in geeigneter Form Stellung nehmen k├Ânnen.

Viele kirchliche Exponenten scheuen sich allerdings davor, mit einer politischen Meinung an die ├ľffentlichkeit zu treten.
Ich denke, hinter dieser Zur├╝ckhaltung steckt oft die Angst, in eine parteipolitische Ecke gestellt zu werden. Auch viele Kirchgemeinden weigern sich, einfach schwarz oder weiss zu malen, und breiten stattdessen Argumente aus reformierter Sicht aus. Der Kirchenbund bietet zum Beispiel jeweils zehn Fragen und Antworten zu einem Themenkomplex. Viele Kirchgemeinden geben Orientierungshilfen wie Informationsveranstaltungen und Podiumsgespr├Ąche. Sie gehen davon aus, dass ihre Mitglieder m├╝ndig und in der Lage sind, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Ist das nicht sehr zur├╝ckhaltend?
Finde ich nicht. Dieses Vorgehen stellt keine Zur├╝ckhaltung dar, sondern sagt einfach, dass die Welt zu komplex ist, um sie auf ┬źJa┬╗ oder ┬źNein┬╗ zu reduzieren. Es gibt Stimmen und evangelische Sichtweisen, die man ausbreiten kann. Das halte ich f├╝r einen sehr versierten Umgang, um sich dem Parteipolitischen zu entziehen und trotzdem Stellung nehmen zu k├Ânnen.

D├╝rfen Kirchgemeinden auch Parolen herausgeben?
Ja, das ist dann die k├╝rzest m├Âgliche Form einer Stellungnahme. ┬áDer B├╝ndner Kirchenrat hat das zum Beispiel bei der ┬źNo Billag┬╗-Initiative so gemacht. Jede Kirche kann aber selber entscheiden, wie zugespitzt oder wie offen sie in ihren Stellungnahmen sein will. ┬áDas kommt darauf an, wie stark man sich exponieren will.

Wird das sehr unterschiedlich gehandhabt?
Ja, wir haben Kirchen, die sich nie verlauten lassen. Andere haben sich beispielsweise auf dem H├Âhepunkt der Fl├╝chtlingskrise allen vorangestellt und gesagt, wir wollen einen offeneren Umgang mit Migrationsproblemen. Sie waren an grossen ├Âffentlichen Demonstrationen die Hauptredner. ├ľffentlicher kann man nicht Position beziehen. Diese Kirchen haben gesagt: Das ist ein Thema, das uns aus unserem Verst├Ąndnis f├╝r den Glauben, den wir in der Gesellschaft vertreten, nicht kalt lassen kann. Wir m├╝ssen unsere Stimme erheben.

Adriana Schneider, kirchenbote-online, 10. April 2018

Unsere Empfehlungen

Die Moral erobert die Politik

Die Moral erobert die Politik

Die Klimadebatte sei moralisch und religiös aufgeladen. Dies führe zu Unversöhnlichkeit, sagt der Publizist Felix E. Müller. Statt vom Weltuntergang zu reden, müsse die Politik den pragma­tischen Kompromiss suchen.