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«Die Kirche sollte sich in die Gesellschaft einbringen.»

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29.11.2016
500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag in Wittenberg haben die Kantonalkirchen erneut Thesen formuliert. Diese stellen Jesus Christus ins Zentrum, nicht zur Freude aller, wie ein Podium mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft in Bern zeigte. Sie forderten eine Kirche, die sich in die Gesellschaft einbringt.

2017 feiern die evangelischen Kirchen das ReformationsjubilĂ€um: Vor 500 Jahren schlug der deutsche Reformator Martin Luther seine 95 Thesen an die KirchentĂŒre der Wittenberger Schlosskirche. Luthers Schriften verĂ€nderten die europĂ€ische Gesellschaft und spalteten die Kirchen.

Zum JubilĂ€um rief der Schweizer Evangelische Kirchenbund SEK dazu auf, neue Thesen zu formulieren. Grundlage bildete die BroschĂŒre «Mit 40 Themen auf dem Weg». Im letzten Jahr verfassten die Kantonalkirchen und andere Gremien ihre Thesen, die nun erstmals in gesammelter Form schriftlich vorliegen.

SpiritualitÀt im Zentrum
Formal sind die eingegangenen BeitrĂ€ge völlig verschieden: Sie reichen von ausfĂŒhrlichen theologischen Abhandlungen, eingereicht von der Basler MĂŒnstergemeinde, ĂŒber Kurzformeln aus dem Aargau bis hin zum Gedicht aus der Feder des Zuger Kirchenrats.

Inhaltlich stellen die meisten Kantonalkirchen in ihren ersten Thesen Gott und die Bibel ins Zentrum. «Gott redet unablÀssig, aber wir hören ihm oft nicht zu», gesteht die Thurgauer Landeskirche. Und die Solothurner beginnen damit, dass «an Gott zu glauben heisst, mit seinem Wirken zu rechnen».

Lediglich drei Kantonalkirchen fallen aus dem Rahmen: Der Synodalrat der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn erklĂ€rt als Erstes, «dass der Glaube eine persönliche Sache ist. Im Glauben kann uns niemand vertreten, weder die Kirche noch eine andere Gemeinschaft.» Die BĂŒndner betonen die Volkskirche: Die Reformierte Kirche soll sich vermehrt «im Sinne Comanders als Basiskirche positionieren». Die Kirche soll «von den Leuten getragen werden und zu den Leuten gehen». Und die ZĂŒrcher Kirche leitet ihren Beitrag mit der Feststellung ein, dass «die Macht des Geldes zu begrenzen ist».

Wo bleibt die reformierte Stimme?
An einer Podiumsdiskussion, die im Vorfeld der letzten SEK-Abgeordnetenversammlung stattfand, Àusserten sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kirche zu diesen Thesen. Laurent Schlumberger, PrÀsident der Vereinigung Protestantischer Kirchen Frankreichs, zeigte sich erfreut, dass die Kirchen die SpiritualitÀt ins Zentrum stellten. Meist seien die Leute erstaunt, wenn die Reformierten so dezidiert von Christus sprechen. Er forderte, dass die Kirchen noch stÀrker Widerstand leisten gegen die «Heiligung des eigenen Egos in der Gesellschaft».

An diesem protestantischen Widerstand rieben sich die Politiker und der Wirtschaftsvertreter. Statt Widerstand verlangten sie von der reformierten Kirche, sich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Gerade dieser Aspekt fehle in den Thesen.

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes fĂŒr Kultur, verwies auf die Globalisierung, Migration, Digitalisierung, Individualisierung und Überalterung. Hier vermisse sie den Diskurs mit einer reformierten Kirche, die nicht nur Widerstand leisten, sondern sich in die Gesellschaft einbringen sollte.

Der baselstĂ€dtische RegierungsprĂ€sident Guy Morin stimmte ihr zu. Der Staat mĂŒsse sich zunehmend mit religiösen Fragen auseinandersetzen. Die Entwicklung der öffentlichen Debatte zu Minaretten, zum HĂ€ndeschĂŒtteln in der Schule und Verteilen des Korans gefalle ihm nicht. Ihm fehle da die Stimme der Kirche. «Ich finde es eigenartig, wie wenig Fragen sich die Reformierten zum VerhĂ€ltnis von Kirchen und Staat stellen», so Morin.

Werte in die Gesellschaft tragen
Die Thesen seien ihm fremd, er sehe keine AnknĂŒpfungspunkte zu seiner Welt, erklĂ€rte Rudolf Wehrli, VerwaltungsratsprĂ€sident des Chemieunternehmens Clariant. Die Wirtschaft habe der Reformation und AufklĂ€rung vieles zu verdanken. Die Protestanten hĂ€tten viele Werte geprĂ€gt. Umso bedauerlicher sei, so der Wirtschaftsvertreter, dass die Reformierten dazu keinen Beitrag mehr leisteten. Heute blieben in der Unternehmenskultur Treu und Glaube, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit auf der Strecke. DafĂŒr herrsche eine «groteske Verrechtlichung», weil keiner mehr dem anderen traue. Dazu hĂ€tte die reformierte Kirche doch einiges zu sagen, meinte Wehrli.

Kirche soll sich nicht instrumentalisieren lassen
«Es ist nicht die Rolle der Kirche, Werte anzubieten», konterte Laurent Schlumberger, «sondern Jesus Christus zu bezeugen.» Man dĂŒrfe die Werte nicht verheiligen. Auch Christine Aus der Au wehrte sich dagegen, dass sich die Kirche von der Wirtschaft instrumentalisieren lasse. «Ist es die Aufgabe der Kirche, die Menschen zu anstĂ€ndigen, Steuer zahlenden und wohltĂ€tigen Mitgliedern zu erziehen?», fragte die PrĂ€sidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Die Kirche leiste der Gesellschaft immer ein StĂŒck weit Widerstand. Das habe mit ihrer Herkunft zu tun, und damit «dass Gott zu den Armen komme».

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 29. November 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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