Die Krippe von Le Chambon-sur-Lignon
«Es ist sehr wichtig, dass sich jeder Betrachter unter den Krippenfiguren wiedererkennt. So wie wir dem Christuskind Gaben bringen, beschenkt es uns mit seiner Liebe.» Dies sagte 1989 der 76-jährige Maler und Illustrator Hans Beutler, der als junger Mann während des Zweiten Weltkrieges im Dorf Le Chambon-sur-Lignon in den französischen Cevennen fünf Kinderheime des schweizerischen Roten Kreuzes leitete.
Krippen erzählen die Geschichte von Verfolgung und Flucht, die in das Weihnachtswunder münden. Diese Geschichte erlebte Hans Beutler tausendfach zwischen 1942 und 1945. Neben französischen, spanischen, englischen und belgischen Kriegswaisen nahm er in seinen Heimen auch jüdische Kinder auf, die auf der Flucht vor den deutschen Besatzern waren. Es sei eine furchtbare Zeit mit einer riesigen Verantwortung gewesen, erzählte Beutler später: «Wir mussten Kinder verstecken und die Namen fälschen. Man musste da allein durch, konnte mit niemandem teilen.»
«Die Figürchen ins Herz geschlossen»
In diesen dunklen Jahren schenkte das französische Rote Kreuz dem Heim eine provenzalische Krippe mit 147 farbigen Figürchen aus Ton. Es war das einzige «Spielzeug», das die Kinder hatten. «Meine Kinder, ob jüdisch, katholisch oder protestantisch, haben diese Figürchen ebenso wie ich schnell ins Herz geschlossen», erinnerte sich Hans Beutler. Die provenzalischen Weihnachtskrippen zeigen neben den traditionellen Figuren die Menschen aus dem Dorf vom Gemüseträger über die Wäscherin bis zum Räuberhauptmann. Inspiriert von den Figuren hörten und spielten die Kinder die Weihnachtsgeschichte nach. Sie fühlten sich in der Gemeinschaft aufgehoben und vergassen für eine kurze Zeit die Entbehrungen und die Angst.
Offene Türen für die Flüchtlinge
Die Dorfbewohner von Le Chambon-sur-Lignon verband die Erfahrung von Verfolgung und Flucht seit 300 Jahren. Denn ihre Vorfahren waren Hugenotten: «Diese Leute wussten, was es heisst, Flüchtling zu sein. Alle Türen des Dorfes standen deshalb den Flüchtlingen offen», berichtete Hans Beutler. Im Verlauf des Krieges versteckten Beutler und die Einwohner von Le Chambon-sur-Lignon über 5000 verfolgte jüdische Kinder und Erwachsene und retteten sie so vor der Deportation und dem Tod. Den Mut der Dorfbewohner erlebte Hans Beutler als etwas Grossartiges: «Sie haben alle die Hölle riskiert, weil sie diese nicht fürchteten.»
Viele der ehemaligen Heimkinder schenkten ihrem Retter, nachdem sie in ihre Heimat zurückgekehrt waren, zum Dank und als Erinnerung Weihnachtskrippen aus aller Welt. So kamen 150 Krippen aus 30 Ländern zusammen: darunter eine eindrückliche Darstellung aus Polen, die Maria und Josef auf der Flucht zeigt, aber auch Krippen aus Tschechien, Israel, Dänemark, Spanien und natürlich aus der Provence.
Hans Beutler starb 1994. Der Einsatz des Schweizer Schindler ist heute weitgehend vergessen. Sein Erbe jedoch lebt in einem kleinen Dorfmuseum weiter und zeugt von seinem aussergewöhnlichen humanitären Einsatz. Noch zu seinen Lebzeiten stiftete er seine Schätze, darunter auch Kinderbücher und Spielzeuge, der Gemeinde Bubendorf im Kanton Baselland.
Zum 100. Geburtstag von Hans Beutler zeigt das Krippen- und Spielzeugmuseum Bubendorf zurzeit eine Ausstellung mit Krippen, Werken und Originaldokumenten aus Hans Beutlers Leben.
Karin Müller
Links:
www.museum-bubendorf.ch
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