Die Kunst, grosse Fragen zu zeichnen
Sein Schreibtisch steht im hinteren Eck der Ateliergemeinschaft, die den Comic «Strapazin» herausgibt – umgeben von Dinosaurierfiguren und kleinen Fabelwesen. Im Regal reihen sich akribisch seine roten und schwarzen Notizbücher, in denen er all seine Ideen festhält.
Seine Kunst, sagt Lawrence Grimm beim Atelierbesuch nahe dem Zürcher Letzigrund, kreise oft um die grossen Fragen: «Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn? Was kommt nach dem Tod?»
Zeichnung: Lawrence Grimm
Das Rauschen des Universums
Grimm zeichnet, als wolle er das Rauschen des Universums und des Göttlichen einfangen. Im letzten Jahr veröffentlichte er im «Kirchenboten» jeden Monat den Cartoon «Grosse Worte». Nun widmet er sich mit seiner Strichkunst auf der letzten Seite des «Kirchenboten» den existenziellen Fragen.
Zeichnung: Lawrence Grimm
Lawrence Grimm, in Pfaffhausen im Zürcherischen geboren, ist in mehreren Kulturen zu Hause. Seine Mutter stammt aus Australien, sein Vater aus Dortmund. Er besitzt den Schweizer, den deutschen und den australischen Pass. Diese kulturelle Vielfalt prägte ihn. Er wuchs mit englischen Kinderbüchern auf, die er als skurril und von dunklem Humor durchzogen beschreibt. Gleichzeitig tauchte er in die Welt von Grimms Märchen ein – voller dunkler Wälder, Feen und Drachen. Er liebte die Bücher von Dr. Seuss, spielte Theater und erfand neue Szenen.
Zeichnung: Lawrence Grimm
Sein Weg führte ihn zunächst zum Film. An der Zürcher Hochschule der Künste studierte er Film und Video. Mit seinem Abschlussfilm «Pas de deux» war er 2004 Finalist der «Studenten-Oscar» in Beverly Hills in der Kategorie «Bester ausländischer Studentenfilm». Das Studium sei das Beste gewesen, was er tun konnte, sagt Grimm. Es lehrte ihn, Dialoge zu vereinfachen und jedes Bild präzise zu komponieren. «Ich liebe die Dramaturgie über alles.»
Die Kunst des Minimalismus
Doch schliesslich zog es ihn von der grossen Leinwand zu den kleinen Zeichnungen. Auf Papier entwirft er ganze Universen. Seine Kunst lebt vom Minimalismus. Grimm arbeitet vor allem mit Tusche und feinen Linien. Mit wenigen Strichen deutet er ganze Welten an. Statt ausgearbeiteter Kompositionen bevorzugt er fragmentarische Szenen, die Raum für Fantasie lassen. Leerräume sind ein Markenzeichen seines Stils – sie schaffen Platz für Atem, Stille und eigene Gedanken.
Zeichnung: Lawrence Grimm
Grimm nennt seine Kunst eine Destillation. Er reduziert komplexe Inhalte auf einfache Formen. «Es ist wie eine mathematische Aufgabe: Wie viel braucht es, um die Botschaft zu übermitteln?» Er liebt diese Knobelei, das Ringen um Ausdruck und Klarheit.
Die Chance des Zweifelns
Der 47-Jährige gehört zu den wenigen Zeichnern, die begreifen, dass man die Wahrheit nicht greifen kann, wenn man sie zu genau umreisst. Seine Linien sind dünn wie Atemzüge – reduziert, klar, entschlossen. Doch sie bleiben offen genug, um Zweifel, Ängste, Sehnsüchte und eigene Erinnerungen hineinzulassen.
Zeichnung: Lawrence Grimm
Vor drei Jahren fragte ihn der Redaktor Christian Schenk, ob er Cartoons für die kirchliche Mitarbeiterzeitung «Notabene» zeichnen wolle. Grimm sagte zu, obwohl er weiss, dass die Kirche in Künstlerkreisen oft skeptisch betrachtet wird. Für ihn war es eine Chance, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen. Der ehemalige Katholik findet die Vorstellung eines Gottes faszinierend und tröstlich. «In God's hand» – in der Hand Gottes – strahle Geborgenheit und Schutz aus, sagt er. Doch auch der Zweifel sei für ihn ein wesentlicher Teil des Glaubens.
Zeichnung: Lawrence Grimm
Alle Zeichnungen von Lawrence Grimm aus der Serie «Grosse Worte» im Kirchenboten (2025)










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