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Emanuel Ammon

Der Mann mit der Kamera

von Carole Bolliger
min
26.02.2026
Die Kamera wurde ihm in die Wiege gelegt, das Talent fürs Fotografieren auch. Mehr als eine halbe Million Bilder hat Emanuel Ammon aufgenommen – auf der ganzen Welt. Und noch immer sitzt er täglich im Atelier und ordnet, sichtet, archiviert. 

Im Atelier ist es ruhig. Regale, Schachteln, Ordner, Bücher, Kameras, Objektive, Drohnen, Festplatten. Emanuel Ammon sitzt am Computer und arbeitet sich durch sein Archiv. Über 500‘000 Bilder hat er in seinem Leben aufgenommen. Reportagen, Porträts, beiläufige Momente. Er ordnet, sichtet, legt ab. Das gehört dazu. «Mich gibt es nicht ohne Kamera», sagt er.

Fotograf zu werden, war für ihn nie eine Frage. Sein Vater war Fotograf. Es gibt Bilder von ihm als Kleinkind mit einer Kamera in der Hand. Trotzdem rieten ihm alle ab. «Du verhungerst», sagten sie. Auch der Vater. Ein Berufsberater testete ihn. Am Ende blieb nur ein Resultat: Fotograf. Danach war die Diskussion beendet. Auch mit dem Vater.

Ammon wollte von Anfang an Reportagen machen. Menschen. Situationen. Geschichten. Er machte die Lehre, ging zuerst zum Film, arbeitete als Kameramann auf 16 mm. Kurz. Dann kam die Fotografie zurück. Und mit ihr der Einstieg beim «Luzerner Tagblatt». Sechs Jahre. Danach Magazine, Zeitungen, grosse Reportagen. «Tages-Anzeiger«, «Schweizer Familie«, Aufträge in der ganzen Schweiz und der ganzen Welt. Er war bei Reichen und bei Armen. In Villen und auf der Strasse. An Festen und an Orten, an denen wenig gefeiert wird. «Alle kämpfen um ihre Mitte», sagt er. Unabhängig davon, wie viel sie haben.

 

Emanuel Ammon: ein leidenschaftlicher Fotograf, den man nur ganz selten ohne Kamera in der Hand sieht.  | Foto: Christoph Ammon

Emanuel Ammon: ein leidenschaftlicher Fotograf, den man nur ganz selten ohne Kamera in der Hand sieht.  | Foto: Christoph Ammon

 

Kirche als liebster Auftraggeber

Reportage bedeutet für ihn Nähe. Und Distanz. Hingehen. Miterleben. Wieder gehen. Er fotografierte Schlachtfeste, Prozessionen, Pilgerwege. War in Südamerika, in Indien, in der Wüste. Am Burning Man. Am Rand des Jugoslawienkriegs. Er gewann internationale Preise. Einer davon für ein Bild eines Holi-Festes in Spanien, aufgenommen mit verpackter Kamera, mitten im farbigen Wasser, aus Tausenden Einsendungen ausgewählt.

Heute arbeitet Emanuel Ammon ruhiger. Ausgewählter. Seit einigen Jahren fotografiert er regelmässig für den «Kirchenboten» und für die Reformierte Kirche Kanton Luzern. «Nicht der grösste Auftrag», sagt er, «aber einer meiner Lieblingsaufträge.» Weil es um Menschen geht. Um ruhige Anlässe. Um Abschiede. Um Emotionen, die sich nicht aufdrängen. «Ich brauche keine Action für ein gutes Bild», sagt der 75-Jährige. «Ich hole das Bild auch aus einfachen Situationen.»

Durch diese Arbeit ist er wieder in die Reformierte Kirche eingetreten. Als junger Mann trat er aus. Der Bezug fehlte. Später beschäftigte er sich intensiv mit Religionen, meditierte, hatte einen Guru, fotografierte katholische Gottesdienste, Bischöfe, Rituale. «Religion war immer da», sagt er, «nur nicht institutionell.» Der Wiedereintritt kam unspektakulär. «Ich kann nicht für die Kirche arbeiten und draussen bleiben.» Also trat er wieder ein. Um mitzutragen. Mehr nicht.

 

Fotogalerie – einige Werke von Emanuel Ammon:

 

300 Lieblingsbilder

Grenzen kennt er. Aufträge, die er ablehnte, gab es immer wieder. Alkoholwerbung, Bilder, die Menschen blossstellen. Situationen, die sich für ihn nicht stimmig anfühlten. «Ich hatte einfach keine Lust», sagt er. Ein gutes Bild, findet Ammon, erzählt eine Geschichte. Es soll den Betrachter kurz stoppen. Zum Hinschauen zwingen. Vielleicht auch dazu führen, dass man den Text liest. Von seinen Hunderttausenden Bildern bleiben für ihn etwa 300, die zählen. Sie liegen in einem separaten Ordner. Eins davon: ein Mann, der auf der Strasse mit einem Eisbären an der Leine spaziert. Ammon war unterwegs zu einem anderen Auftrag. Klar, dass er diese skurrile und wohl einzigartige Szene einfangen musste. Mit der Kamera.

Neben der Fotografie arbeitet er an Büchern. Über Luzern Nord. Über die Viscosistadt. Über die Luzerner Fasnacht. Über Pfadi, ein Thema aus seiner Jugend. Archive interessieren ihn. Geschichte. Das Weitergeben. Für seine Enkel. Oder für jemanden später. Was ihm Halt gibt, lässt sich schwer festmachen: Familie, Bewegung, Fotografieren, Laufen, Lachen. «Mich bringt fast alles zum Lachen, vor allem lustige Alltagssituationen», sagt er.

Im Atelier ist es still. Die Bilder bleiben. Emanuel Ammon auch. In der Hand die Kamera. Eine Rolleiflex. Sie gehört zu den legendärsten Kameras der Fotogeschichte – ein Klassiker der analogen Mittelformatfotografie und über Jahrzehnte Werkzeug vieler grosser Fotografinnen und Fotografen. Emanuel Ammon braucht sie heute noch. Als Lieblingskamera.

 

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