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«Bach um 5»

Mit Bach in den Sonntag feiern

von Noemi Harnickell
min
28.05.2026
Ende April hat die Konzertreihe «Bach um 5» die bisherige Vesper abgelöst – mit grossem Erfolg. Was ist das Geheimnis der Bachkantaten?

«Erfreut euch, ihr Herzen! Entweichet ihr Schmerzen!» Man braucht sich in der klassischen Musik nicht gut auszukennen, um diese Zeilen sofort im inneren Ohr hallen zu hören. Es geht natürlich um Johann Sebastian Bachs Kirchenkantate «Erfreut euch, ihr Herzen» von 1724, Verzeichnisnummer 66 im Bach-Werke-Verzeichnis.

Im Münstersaal tragen die Stimmen des Vokalconsorts inFlumine und des Capriccio-Barockorchesters bis in die hintersten Bankreihen. Es ist ein sonniger Samstag, draussen auf dem Münsterplatz tummeln Touristen und flanierende Einheimische. Ein geselliger Trubel, der für eine Stunde vor der Tür bleibt. Für eine Stunde, in der man den Münsterraum auf sich wirken lassen und nur der Musik Bachs zu lauschen braucht.

Wort und Musik in konzertantem Gewand

Das Pfarrteam des Basler Münsters beauftragte Münsterkantorin Annedore Neufeld vor zwei Jahren zur Entwicklung eines neuen Gefässes, das die wöchentlich stattfindende Vesper im Basler Münster ersetzen würde. Grund dafür waren die niedrigen Besucherzahlen. «Die Verbindung von Wort und Musik sollte weiterhin bestehen, aber neu in einem konzertanten Gewand», so Neufeld. Die inhaltlichen Impulse werden passend zu den Musikstücken ausgewählt. So erzählt Pfarrer Lukas Kundert am 25. April während des Auftaktkonzerts, «Erfreut euch, ihr Herzen» sei in ihrem Ursprung eine Geburtstagskantate gewesen, die Bach einst für den Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen geschrieben hatte. «Der Geburtstag eignet sich als Sinnbild für die Auferstehung», so Kundert, «als eine neue Geburt in die Ewigkeit hinein.»

Nicht immer sind alle Stücke bei «Bach um 5» auch wirklich von Bach. Auch kontemporäre Musik soll zwischendurch zu hören sein sowie weniger bekannte Komponistinnen und Komponisten von früh bis heute. Sie spiegeln sich an Bach, geben Antwort auf seine Musik. So ist der grosse Komponist immer im Zentrum – mal als musikalischer Höhepunkt, mal als Bezugspunkt für Neues.

Vesperblasen und Konzert als Einheit

Die Vesper am Samstagabend hat im Basler Münster eine lange Tradition. Seit 68 Jahren findet auf dem Münsterturm das Vesperblasen statt, mit dem der Sonntag eingeläutet wird. Um Raum für «Bach um 5» zu schaffen, wurde das Vesperblasen um eine halbe Stunde auf halb fünf vorverschoben. Die Trompeten erklingen neu also um halb fünf. Diese Veränderung gefällt nicht allen. So lamentiert ein Artikel in der bz, das traditionsreiche Turmblasen werde durch die Verschiebung «plötzlich zweitrangig»: «Ist die Agenda des Münsters so dicht getaktet, dass man um jede halbe Stunde feilschen muss?»

Phillip Boyle, musikalischer Leiter des Stadtposaunenchors Basel, sagt, er freue sich über das grosse Engagement rund um das Vesperblasen, sei aber optimistisch: «Wir unterstützen das Konzept und sehen neue Möglichkeiten in der Verknüpfung zwischen Vesperblasen und ‹Bach um 5›.» Im Austausch mit Annedore Neufeld seien sich beide Seiten einig gewesen, Vesperblasen und Konzert als Einheit zu sehen. «Gemeinsam», sagt er, «markieren wir den Anfang des Sonn-tags.» Dem stimmt auch Annedore Neufeld zu: «Mir war es wichtig, weiterhin etwas Schönes als Auftakt zum Sonntag zu bieten, gerade im wunderbaren Klangraum des Basler Münsters.»

«Meer sollte er heissen»

Das Projekt ist vorerst auf zwei Jahre angelegt. Der Erfolg ist bereits gross. 450 Gäste haben sich zum Auftakt im April im Münster eingefunden, über tausend Menschen haben insgesamt die ersten drei Konzerte besucht. «Johann Sebastian Bach ist Anfang und Ende», erklärt Annedore Neufeld die Beliebtheit Bachs. Die «New York Times» bezeichnet ihn als GOAT, den «Greatest Of All Time», andere Komponisten schauten zu Johann Sebastian auf. Wagner nannte ihn «das erstaunlichste musikalische Wunder aller Zeiten» und Beethoven sagte gar: «Nicht Bach, sondern Meer sollte er heissen!»

Viele Musiker und Komponistinnen der letzten Jahrhunderte beziehen sich immer wieder auf Bach. «Für mich ist er Quelle und Inspiration, Halt und Trost», sagt Annedore Neufeld. «Er komponiert in so genialer Weise Musik, die nichts verschönert, sondern das anspricht, was ist. Traurigkeit, Sorgen, Angst, Schuld. Aber auch die Freude, die danach kommt.» Sie ist überzeugt, genau das macht Bach auch erlebbar für Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. «Für mich steckt die ganze Menschlichkeit in seiner Musik.»

«Bach um 5», jeden Samstag, 17 Uhr, im Basler Münster.

 

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