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Gefängnisseelsorge

Hinter neun Türen

von Carole Bolliger
min
28.05.2026
Die letzte Tür öffnet Michel Müller nie selbst. Jemand drückt von innen einen Knopf. Erst dann kann der reformierte Pfarrer hinaus ins Freie treten. Müller ist seit zwei Jahren Gefängnisseelsorger in Luzern.

Bis Michel Müller bei einer Zelle im Luzerner Gefängnis ankommt, hat er neun Türen passiert. Manche mit Schlüssel, andere mit Badge. Metalltüren. Sicherheitsschleusen. Verriegelungen. Hinter jeder wird es ein wenig enger.

Seit zwei Jahren arbeitet der reformierte Pfarrer als Gefängnisseelsorger in Luzern. Zweimal pro Woche geht er ins Gefängnis. Er spricht mit Untersuchungshäftlingen, mit Menschen im Vollzug, mit jungen Männern Anfang zwanzig und mit alten Männern über achtzig. Mit Menschen, denen schwere Gewalt vorgeworfen wird. Mit Betrügern. Mit Drogendealern. Mit Menschen, die nicht wissen, wie es weitergeht.

«Das Erste ist oft die Stille», sagt Müller. Er spricht von dem Moment, wenn sich die Zellentür zum ersten Mal hinter einem Häftling schliesst. Manche haben sich vorbereitet. Sie melden sich selbst zum Strafantritt. Andere werden verhaftet und landen völlig unvorbereitet in der Zelle.

Die Zellen seien klein. Ein Bett. Ein Lavabo. Ein vergittertes Fenster. Alles auf wenigen Quadratmetern. Manche packen ihre Sachen gar nicht erst aus oder haben gar nichts dabei. «Die sagen: Ich bleibe ja nur kurz.» Andere richten sich erstaunlich schnell ein. Toilettenartikel hier. Kleidung dort. Gewohnheiten würden selbst hinter Gittern wichtig. Aber das Schwerste sei oft nicht die kleine Zelle. Sondern das Alleinsein. «Die Stille ist laut», sagt Müller. «Sie dröhnt.»

«Die Leute sind nicht nur ihre Tat»

Als er zum ersten Mal den Grosshof betrat, war er selbst verunsichert. Er erinnert sich an die Orientierungslosigkeit. An das Gefühl, sich kaum bewegen zu wollen, weil alles fremd war. Heute kennt er die Abläufe. Die Sicherheitsleute grüssen ihn beim Eingang. «Das ist schön», sagt er. Dann tauscht er den Schlüssel, nimmt das spezielle Telefon mit Notfallknopf entgegen und schaut am Computer nach, wer noch da ist. Manche Gefangene werden kurzfristig verlegt. Andere melden Gesprächswünsche an. Oft beginne der Tag damit, sich erst einmal zu orientieren. Vieles in dieser Arbeit sei unplanbar.

Eigentlich kam Michel Müller eher zufällig zur Gefängnisseelsorge. Sein Pfarramt in Rigi Südseite umfasst kein volles Pensum. Er suchte eine zusätzliche Aufgabe im Bereich Spezialseelsorge. Spital oder Gefängnis. Während der Ausbildung absolvierte er zwei Einsätze in einer Haftanstalt. «Dort habe ich die Angst etwas verloren», sagt er. Heute begleitet er regelmässig rund zehn Gefangene. Viele andere sieht er nur einmal oder zweimal. Manche wollen reden. Andere testen ihn zuerst aus. Denn viele wissen gar nicht genau, was ein Seelsorger eigentlich macht. Gerade Menschen aus anderen Kulturen oder Religionen begegneten ihm oft zuerst mit Skepsis. «Sie wollen herausfinden: Was ist das für einer? Was will der?» Dann erkläre er meistens schlicht: zuhören. Mehr nicht. Und gerade das scheinen viele zu brauchen. Auch, dass alles «unter uns» bleibt.

Nicht wissen, wie es weitergeht

Was Michel Müller auffällt: Über die eigentliche Tat sprechen viele erstaunlich wenig. Stattdessen geht es um Beziehungen. Um Kinder. Um Scham. Um Einsamkeit. Oder schlicht darum, wie man diese Tage übersteht. «Die Leute sind ja nicht nur ihre Tat», sagt er. Deshalb schaut er meist bewusst nicht nach, weshalb jemand inhaftiert ist. Er dürfte es. Aber er will, dass die Menschen selbst erzählen, was sie erzählen wollen. «Mich interessiert zuerst der Mensch. Ich begegne nicht der Tat. Sondern dem Menschen.»

Das heisst nicht, dass ihn alles kaltlässt. Besonders belastend seien Menschen, die monatelang in Untersuchungshaft sitzen und nicht wissen, wie es weitergeht. Menschen, die noch gar nicht verurteilt sind und trotzdem bereits ihre Freiheit verloren haben. «Das beschäftigt mich am meisten», sagt er. Die Ungewissheit. Das Warten. Die Frage, wie man psychisch gesund bleibt in einem System, das langsam arbeitet. «Wir sprechen immer von der Unschuldsvermutung», sagt Müller. «Aber diese Menschen sitzen trotzdem monatelang drin.» Er merke, dass ihn diese Realität skeptischer gemacht habe. Nicht gegenüber der Justiz grundsätzlich. Aber gegenüber der Vorstellung, dass Haft einfach eine klare, saubere Lösung sei. Denn die eigentliche Strafe sei oft nicht nur der Freiheitsentzug. Sondern der sogenannte Haftschaden. Die Isolation. Die Orientierungslosigkeit. Die psychischen Folgen.

Was ihn überrascht hat: wie wichtig der Glaube hinter Gittern plötzlich wird. «Not lehrt beten», sagt er ruhig. Wer 23 Stunden am Tag allein in einer Zelle sitze, habe irgendwann kaum noch jemanden ausser Gott. Und zwar den Gott, den man kenne. Das gelte für Muslime ebenso wie für distanzierte Protestanten. «Viele sagen einfach: Gott weiss es.» Es sei oft weniger eine fromme Überzeugung als ein letzter Halt. Eine Vorstellung von Gerechtigkeit vielleicht. Oder jemand, dem man noch etwas sagen könne. Plötzlich würden Menschen um Gebete bitten. Um Bibeln. Um Gespräche. Dinge, die draussen in Kirchgemeinden kaum mehr gefragt seien.

Glaube wird hinter Gittern wichtig

Besonders eindrücklich findet Müller das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Menschen zeigen ihm Briefe. Lesen ihm Texte vor. Erzählen Dinge, die sonst kaum jemand weiss. «Das berührt mich immer wieder.» Die Kirche habe in diesem Bereich eine wichtige Rolle, glaubt er. Nicht missionarisch. Sondern als Dienst an Menschen, die sonst leicht vergessen gehen. Denn genau das sei ein Problem unserer Gesellschaft: Man lagere vieles einfach aus. Krankheit. Beeinträchtigung. Alter. Und eben auch Gefängnisse. «Aus den Augen, aus dem Sinn», sagt Müller. Dabei sei der Schritt kleiner, als viele glaubten. Menschen gerieten schneller in diese Mühlen, als man meine. Für Michel Müller hat die Arbeit den Blick verändert. Auf Menschen. Auf Schuld. Auf Gesellschaft. «Ich habe gelernt: Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt.» Und manchmal, sagt er, sitze er einem Menschen gegenüber, dessen Tat ihn abstosse, und merke trotzdem, dass auch hinter dieser Geschichte ein Mensch steckt. Einer mit Brüchen. Mit Verletzungen. Mit einer Geschichte. Nicht um Taten zu entschuldigen. Aber um den Menschen dahinter nicht zu vergessen.

 

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