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Gefängnisseelsorge

Der Pfarrer für die schweren Jungs

von Carmen Schirm-Gasser
min
22.04.2026
Matthias Koch begleitet Menschen im Gefängnis – und begegnet dort nicht nur Schuld, sondern auch Verletzlichkeit, Sehnsucht und Glauben. 

Wer Matthias Koch an einem Donnerstagmorgen zur Arbeit begleitet, landet nicht in einem Pfarrhaus und auch nicht in einer Kirche. Sein Arbeitstag beginnt mit einer Schleuse. Handy, Portemonnaie, Hausschlüssel – alles bleibt draussen. «Ich gehe dann wirklich nur als Mensch hinein», sagt der 44‑Jährige. Dann öffnen sich die Türen zum Gefängnis Schaffhausen, mitten in der Altstadt gelegen – und zu einer Welt, die für die meisten Menschen verborgen bleibt.

Dort, hinter dicken Mauern, Stahltüren und Überwachungskameras, ist Koch nicht Richter, nicht Polizist, nicht Vollzugsbeamter. Er ist Seelsorger. Einer, der zuhört. Einer, der aushält. Einer, dem Dinge anvertraut werden, die sonst kaum ausgesprochen werden. Matthias Koch ist seit 13 Jahren Gemeindepfarrer in Neuhausen und seit fünf Jahren Gefängnispfarrer. Er hat sich diese Aufgabe ganz bewusst ausgesucht. Nach Jahren im Gemeindepfarramt habe er eine Veränderung gewollt, erzählt er. Als die Stelle in der Gefängnisseelsorge ausgeschrieben wurde, war für ihn schnell klar: Das ist mehr als nur ein beruflicher Seitenwechsel. Das ist eine Berufung an einen Ort, den viele lieber meiden.

Sein Arbeitstag beginnt in der Zentrale des Gefängnisses, dort, wo «die Fäden zusammenlaufen», wie er sagt. Hier erfährt er im Gespräch mit den Mitarbeitenden, wer auffällig war, wer belastet wirkt, wer ein Gespräch wünscht. Danach bekommt er den sogenannten Zellenspiegel, die Übersicht über die Belegung der Zellen. Wer ist da, wer wurde verlegt, wer ist bereits entlassen? Dann geht er los. Er klopft an die Stahltüren, wartet auf ein kurzes «Ja» oder «Hallo» – und tritt, wenn es gewünscht ist, in die Zellen ein. Was ihn dort erwartet, weiss er oft nicht. «Ich weiss vielleicht, in welcher Verfassung das Gegenüber ist. Aber was dann genau kommt, das weiss ich erst, wenn es mir das Gegenüber sagt», erzählt er.

Und manchmal dauert es

Manchmal beginnt alles mit Small Talk. Mit belanglosen Sätzen über den Gefängnisalltag, das Essen oder den Schlaf. Erst nach einer halben Stunde fällt der Satz, um den es eigentlich geht: die Angst vor der Familie, die sich abwendet. Die Scham. Die Schuld. Die Angst vor dem, was draussen wartet. Denn manche Inhaftierte fürchten sich nicht nur vor dem Urteil – sondern auch vor der Freiheit. «Im Gefängnis ist der ganze Tagesablauf geregelt, strukturiert, für alles ist gesorgt», sagt Koch. Draussen dagegen warten oft Schulden, eine gekündigte Wohnung, problematische Freundeskreise oder die Rückkehr in eine Suchterkrankung. Freiheit ist für manche nicht nur Erlösung, sondern auch Überforderung.

Gerade bei suchtkranken Menschen, erzählt Koch, werde der Glaube oft überraschend offen angesprochen. Wenn es passt, spricht er mit ihnen über Spiritualität, über Gebet, über innere Haltelinien. «Oft merke ich, dass die Menschen da sehr offen sind», sagt er. Es gehe dann darum, Orte zu finden, die schützen: Menschen, Räume, Routinen – und manchmal eben auch den Glauben. Dabei ist ihm wichtig, dass die Inhaftierten ihn nicht als Teil des Systems erleben.

«Der Seelsorger ist nicht Teil des Justizsystems, er kommt von aussen», sagt er. Genau das schaffe Vertrauen. Die Männer – und gelegentlich auch Frauen – wüssten, dass das, was sie ihm sagen, vertraulich bleibt. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb er sich in all den Jahren nie ernsthaft bedroht gefühlt hat. «Ich hatte wirklich noch nie das Gefühl, dass ich jetzt aufpassen muss», sagt er.

Was ihn an dieser Arbeit besonders fasziniert, ist nicht das Harte, sondern das Verborgene. Nicht die Delikte, nicht die Akten, nicht die Schwere der Biografien allein – sondern das, was darunter liegt. «Was mich reizt, ist der weiche Kern, der manchmal in diesen schweren Jungs steckt», sagt Koch.

Es ist ein Satz, der hängen bleibt

Genau darum scheint es in seiner Arbeit zu gehen: um das, was unter der Oberfläche sichtbar wird, wenn ein Mensch aufhört, sich zu verteidigen. Um jene Momente, in denen einer, der draussen vielleicht nur als Täter gesehen wird, plötzlich von seiner Angst spricht, von seiner Mutter, von seiner Sucht, von seiner Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Was bleibt nach einem Tag im Gefängnis? Vielleicht vor allem dies: die Erfahrung, dass Menschen mehr in sich tragen, als Akten, Schlagzeilen oder Urteile je erzählen können. Und vielleicht beginnt Menschlichkeit genau dort, wo man hinter die Rolle schaut, die jemand im Leben bekommen hat.

 

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