Staunen – über die Schöpfung
Wenn Urs Capaul über die Natur spricht, schwingt ein Staunen mit. Über einen Vogelruf am Wegrand. Über die filigrane Form einer Flockenblume. Oder über eine kleine Schnecke, die er beim Spaziergang entdeckt hat. «Das Staunen habe ich nie verlernt», sagt der frühere Schaffhauser Stadtökologe. Es ist ein Satz, der viel über ihn erzählt.
Erste Engergiestadt der Schweiz
Fast drei Jahrzehnte lang prägte er die Umweltpolitik der Stadt Schaffhausen mit. Er war beteiligt an der ersten Energiestadt der Schweiz, an Klimaschutzprojekten und innovativen Energieplanungen. Doch der Ursprung seines Engagements liegt viel früher: auf dem Bauernhof seiner Kindheit.
Dort wuchs er zwischen Enten, Schafen, Obstbäumen und Beerensträuchern auf. Kühlschränke gab es damals noch nicht. Äpfel wurden eingelagert oder mit traditionellen Methoden haltbar gemacht. Alte Sorten wie Grafensteiner oder Glockenäpfel gehörten selbstverständlich zum Alltag. «Der Grafensteiner hat einen Duft wie kein anderer Apfel», erzählt der Naturfreund noch heute begeistert. Die Natur war für ihn nie einfach Kulisse – sie war Lebensraum, Abenteuer und Schule zugleich.
Als Kind wollte er Zoodirektor werden. Der Weg in den Kindergarten dauerte bei ihm regelmässig viel länger als geplant, weil unterwegs ständig etwas entdeckt werden musste. «Wir haben schlicht die Zeit vergessen», erinnert er sich lachend. Diese frühe Neugier hat ihn nie verlassen.
Sicher ist nur das Risiko
Später beschäftigte er sich intensiv mit Umweltfragen und ökologischen Zusammenhängen. Berichte über Quecksilbervergiftungen, Pestizide oder Atomunfälle erschütterten ihn schon in jungen Jahren. Die Risiken der Atomkraft beschäftigen ihn bis heute. Für den Wissenschafter ist klar: «Wir werden solche Technologien nie hundertprozentig im Griff haben.» Stattdessen setzt er auf erneuerbare Energien und natürliche Kreisläufe.
Nach seinem Studium in Biologie, Anthropologie und Bodenkunde und einigen Jahren bei der damaligen Swissair wurde er Stadtökologe in Schaffhausen – eine Aufgabe, die ihn 28 Jahre lang prägte. Unter seiner Mitwirkung entstanden wegweisende Projekte: Schaffhausen wurde erste Energiestadt der Schweiz, entwickelte frühe Klimastrategien und plante innovative Wärmenutzungen aus Abwasser oder dem Rhein. Vieles davon sei in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden, sagt Capaul. «Aber es wurden Grundlagen gelegt für kommende Generationen.»
Heute engagiert er sich weiterhin für Umwelt- und Schöpfungsthemen – unter anderem im Umweltteam der Kirchgemeinde Buchthalen. Dort geht es darum, ökologische Verantwortung konkret im kirchlichen Alltag zu verankern: bei Energiefragen, beim Konsum, im Umgang mit Ressourcen oder bei der Gestaltung von naturnahen Lebensräumen. Für Capaul gehört dieses Engagement unmittelbar zum christlichen Auftrag. «Es geht letztlich um den Erhalt der Schöpfung», sagt er.
Wissenschaft und Ehrfurcht vor der Schöpfung
Trotz seines enormen Wissens klingt der Biologe nie belehrend. Vielmehr verbindet er wissenschaftliche Erkenntnisse mit einer tiefen Ehrfurcht vor dem Leben. Böden bezeichnet er als «Haut der Erde». Zwei Drittel aller Arten leben darin. Bäume wiederum seien weit mehr als Holzlieferanten: Sie spenden Schatten, Feuchtigkeit, Nahrung und Lebensraum. Ohne Vegetation, erklärt er, würden ganze Landschaften austrocknen.
Auch deshalb liegt ihm ein bewusster Umgang mit Konsum und Ernährung am Herzen. Foodwaste, Wegwerfmode oder Plastikberge machen ihm Sorgen. «Wir müssen vor allem viel bescheidener werden», sagt er. «Wir brauchen nicht alle drei Tage ein neues T-Shirt.»
Stattdessen plädiert er für saisonale Ernährung, bewusstes Einkaufen und natürliche Materialien. Dinge sollten möglichst wiederverwendbar oder recycelbar sein – so wie früher alte Holzbalken über Jahrhunderte hinweg weitergenutzt wurden. Plastik dagegen zerfalle lediglich zu Mikroplastik und werde letztlich durch die Lebewesen aufgenommen.
Sein Engagement versteht der Ökologe auch spirituell. Für ihn gehört der Schutz der Umwelt unmittelbar zum christlichen Gedanken der Schöpfung. «Es geht darum, vernünftig miteinander und mit der Natur umzugehen», sagt er. Die Kirche habe hier eine wichtige Aufgabe: Menschen für Zusammenhänge zu sensibilisieren und Sorge für das gemeinsame Lebenshaus zu tragen.
Der Igel ist ein Botschafter
Wie das praktisch aussehen kann, zeigt eine kommende Exkursion von Pro Natura und der Kirchgemeinde Buchthalen. Dabei geht es um bewusste Ernährung, naturnahe Gärten, Heilkräuter und ökologische Zusammenhänge. Auch der Igel wird Thema sein – das Tier des Jahres 2026. «Der Igel ist unser Botschafter», sagt er. «Er ist ein Botschafter für einen Garten, der noch einigermassen in Ordnung ist.» Wo Igel leben, finden sie meist noch Hecken, Insekten und Rückzugsorte. Der Igel brauche naturnahe Gärten ohne Giftstoffe, erklärt der Umweltschützer. Für ihn ist das kleine Tier ein sichtbares Zeichen dafür, ob ein Lebensraum noch im Gleichgewicht ist.
Und vielleicht geht es an diesem Morgen letztlich um genau das, was Urs Capaul seit seiner Kindheit begleitet: die Fähigkeit, die Welt nicht einfach zu nutzen, sondern über sie zu staunen.
Staunen – über die Schöpfung