Wenn aus Begegnungen Beziehungen werden
Wie begeistert man Kinder für die Kirche, bevor der eigentliche Religionsunterricht beginnt? Die reformierte Kirche der Stadt Schaffhausen hat dafür ein neues Angebot geschaffen. Mit der «FamilienZeit» lernen Erst- und Zweitklässler mit ihren Eltern die Kirche, biblische Geschichten und andere Familien kennen – lange bevor sie ab der dritten Klasse den Religionsunterricht besuchen.
Die Idee entstand aus einer einfachen Beobachtung. «Vor der dritten Klasse gibt es nur wenige Angebote, die Kinder regelmässig mit der Kirche in Kontakt bringen», sagt Katechetin Gabriela Fahrni. Für manche Kinder sei es später eine grosse Überwindung, allein in einen Raum voller unbekannter Menschen zu kommen. «Einige waren noch nie in einer Kirche.»
Spielerisch Glauben entdecken
Gemeinsam mit Katechetin Anja Jacquat entwickelte sie deshalb das Projekt «FamilienZeit». Die Familien sollen die Kirche früh kennenlernen und positive Erfahrungen sammeln. «Wir hatten das Gefühl, wir müssten etwas für die Kleineren machen», sagt Fahrni. «Wenn die Eltern dabei sind, fällt der Einstieg leichter. Die Kinder erleben die Kirche als einen Ort, an dem sie willkommen sind.»
Das Angebot wurde vor einem Jahr erstmals durchgeführt. Die Bilanz fällt positiv aus. «Wir freuen uns sehr, dass das Projekt funktioniert hat», sagt Fahrni. Besonders erfreulich sei, dass die teilnehmenden Familien inzwischen auch andere kirchliche Angebote besuchen. «Es ist einfacher geworden, sie für den Religionsunterricht zu gewinnen. Gleichzeitig machen sie auch bei anderen Aktivitäten mit.»
Verschiedene Themen im Fokus
Die «FamilienZeit» umfasst fünf Treffen pro Jahr. Jedes Mal steht ein anderes Thema im Mittelpunkt. Ein Höhepunkt war eine Wanderung mit Alpakas. Dabei begleiteten Abraham und Sara die Kinder symbolisch durch den Tag. Immer wieder wurde angehalten, um Teile der biblischen Geschichte zu erzählen.
Ein weiteres Treffen widmete sich dem Gleichnis vom Sämann. Die Kinder bemalten Töpfe, pflanzten Samen ein und erkundeten die Natur. Ein anderes Mal waren die Familien als Sternsinger unterwegs. Sie wanderten vom St. Johann bis zum Münster, sangen gemeinsam Lieder und bastelten eine Schatztruhe mit Symbolen zur Geschichte der Weisen aus dem Morgenland.
Auch die Geschichte vom brennenden Dornbusch wurde auf kreative Weise erlebbar gemacht. Passend zum Thema Feuer wurde gemeinsam grilliert und gegessen. Das gemeinsame Essen gehört bei jedem Treffen dazu. «Essen schafft Verbindung», sagt Fahrni. «Und für die Familien ist es praktisch, wenn sie am Samstagmittag nicht mehr kochen müssen.» Die Veranstaltungen dauern jeweils von 9 bis 13 Uhr. Nach einer Geschichte oder einer thematischen Einführung wird gebastelt, gespielt oder gekocht. Anschliessend essen alle gemeinsam.
Beziehungen statt Berührungsängste
Besonders beeindruckt hat Fahrni die Entwicklung innerhalb der Gruppe. «Am Anfang haben sich die Kinder noch vorsichtig beschnuppert», erzählt sie. «Mit der Zeit entstand eine echte Öffnung. Da kann etwas sehr Schönes wachsen.»
Diese Entwicklung zeigt sich auch bei anderen kirchlichen Anlässen. «Die Kinder kommen inzwischen teilweise ohne ihre Eltern», sagt Fahrni. «Sie getrauen sich mehr, öffnen sich und man merkt, dass eine Beziehung entstanden ist.»
Die fünf Treffen finden jeweils in unterschiedlichen Kirchgemeinden statt. So lernen die Familien verschiedene Kirchen und Räume kennen. «Es ist ein gesamtstädtisches Angebot», erklärt Fahrni. «Die Kinder verlieren die Scheu vor anderen Kirchen, wenn sie schon einmal dort waren.»
Für die Katechetin ist klar, dass die Kirche Kinder möglichst früh erreichen muss. «Wenn man erst in der dritten Klasse beginnt, verpasst man wertvolle Jahre», sagt sie. Heute konkurriere die Kirche mit zahlreichen Freizeitangeboten und habe längst nicht mehr denselben Stellenwert wie früher. «Wenn Eltern ihre Kinder nicht schicken, können sie die Kirche gar nicht kennenlernen.»
Umso wichtiger seien niederschwellige Angebote für die ganze Familie. Nach dem erfolgreichen ersten Jahr soll die «FamilienZeit» deshalb weitergeführt werden. Die Hoffnung der Verantwortlichen: dass noch mehr Familien entdecken, dass Kirche mehr sein kann als Religionsunterricht – nämlich ein Ort der Begegnung, des gemeinsamen Erlebens und des Miteinanders.
Nächste Veranstaltungen «FamilienZeit»:
Jeweils Samstag, 9–13 Uhr. 12. September, unterwegs; 21. November, Zwinglikirche; 9. Januar, St. Johann-Münster; 6. März, Buchthalen; 22. Mai, Steigkirche. Anmeldungen an: anja.jacquat@ref-sh.ch
Wenn aus Begegnungen Beziehungen werden