Wenn Begegnung durch den Magen geht
Zum 20-jährigen Bestehen der Menschenrechtstage in Schaffhausen wird nicht nur diskutiert, sondern geschnippelt, gewürzt und gemeinsam gegessen. Für Präsidentin Verena Marty ist der geplante Kochworkshop weit mehr als ein geselliges Event: «Man hat etwas Gemeinsames – das Essen. Darüber lässt sich Kultur direkt erfahren.» Menschen aus Eritrea, Syrien, Zentralamerika oder der Ukraine bringen ihre traditionellen Gerichte ein. Ergänzt durch typische regionale Spezialitäten wie eine Rüblitorte oder Schaffhauser Böllen. «Menschen, die aus anderen Kulturen zu uns kommen, können uns etwas weitergeben, was wir noch nicht kennen», sagt Marty. «Und gleichzeitig erleben wir neue Geschmäcker, Gerüche und Arten der Zubereitung – das erweitert unseren Horizont.»
Gemeinsam kochen schafft Nähe
Die Idee hinter dem Workshop ist so einfach wie wirkungsvoll: Gemeinsam kochen schafft Nähe. «Das Ausgrenzende soll nicht passieren, das Fremde nicht bedrohlich sein», betont Marty. Gerade im direkten Austausch entstehe Verständnis. Der Anlass findet am 20. Juni in der «Nachbar» in der Stahlgiesserei statt, die sie als «Stadt in der Stadt» beschreibt – ein Ort mit grosser kultureller Vielfalt. Erste Erfahrungen mit solchen Formaten gibt es bereits. Während der Anti-Rassismus-Woche im März wurde gemeinsam mit dem Schweizer Arbeiterhilfswerk gekocht. Rund 30 bis 50 Personen nahmen teil, etwa ein Drittel Schweizerinnen und Schweizer, zwei Drittel Menschen anderer Nationalitäten. «Viele kommen über Sprachkurse oder einfach aus Interesse. Manche googeln uns und erzählen dann ihre Geschichte.»
Unsichtbare HĂĽrden sichtbar machen
Neben Begegnungen setzen die Menschenrechtstage auch auf Aufklärung. Ein Beispiel: der «HĂĽrdenlauf» durch die Stadt im vergangenen Sommer. Dabei wurden konkrete Schwierigkeiten im Alltag von GeflĂĽchteten aufgezeigt. «Viele wussten nicht, wie viele administrative HĂĽrden es gibt», erzählt Marty. Ohne AufenthaltsÂstatus B sei es kaum möglich, einen Handyvertrag oder eine Versicherung abzuschliessen – selbst nach Jahren im Land. Die Reaktionen seien eindrĂĽcklich gewesen: «Die Erzählungen haben Betroffenheit ausgelöst.» In kleinen Gruppen fĂĽhrten Betroffene selbst durch die Stationen und berichteten aus ihrem Alltag. «Wir sind sehr kreativ, wenn es darum geht, solche Themen greifbar zu machen.»
Die Menschenrechtstage wurden einst aus privater Initiative gegründet, unter anderem vom heutigen Sozialamtsleiter Andi Kunz und von seinem Bruder. Über die Jahre entstand ein vielfältiges Programm: Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und Feste. Ein Höhepunkt war etwa ein Auftritt der ehemaligen Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im Pavillon im Park. Auch kulturelle Grossanlässe prägten die Geschichte: Auf dem Fronwagplatz oder dem Herrenacker wurde gekocht, getanzt und musiziert – mit mehreren hundert Besucherinnen und Besuchern. «Der Kochworkshop ist auch eine Erinnerung an diese grossen Feste von früher», sagt Marty.
Integration braucht Offenheit
Für Marty ist klar: Integration ist keine Einbahnstrasse. «Geflüchtete versuchen, sich zu integrieren. Aber sie finden nur Zugang, wenn die Gesellschaft offen genug ist.» Oft gelinge Integration erst in der zweiten Generation. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Menschen ein Stück ihrer Herkunft bewahren können – etwa in Kulturvereinen oder religiösen Gemeinschaften. «Das Fremde wird schnell als bedrohlich wahrgenommen. An diesem Denken muss man rütteln», sagt sie. Genau hier setzen die Menschenrechtstage an: Sie wollen sensibilisieren, Begegnungen schaffen und Vorurteile abbauen. Verena Marty steht seit drei Jahren an der Spitze des Vereins. Neben ihrem Engagement ist sie auch kirchlich aktiv, unter anderem als Prädikantin (ehem. Laienpredigerin). Ihr Glaube habe sich im Laufe der Jahre geöffnet: «Ich habe grosse Achtung vor anderen Religionen und deren Ausübung.» Diese Haltung spiegelt sich auch in ihrer Arbeit wider. Ob Unterschriftensammlungen gegen Folter am 10. Dezember oder interkulturelle Begegnungen im Alltag – für Marty ist klar: «Das ist etwas, an dem man immer dranbleiben muss.»
Blick nach vorn
Das Jubiläumsjahr bietet zahlreiche Anlässe, darunter auch ein grosses Fest am 22. August. Musik, Tanz und Essens-stände verschiedener Kulturvereine sollen erneut zeigen, wie vielfältig die Gesellschaft ist. Der Kochworkshop im Juni anlässlich des Weltflüchtlingstages setzt dabei ein bewusst niederschwelliges Zeichen. Oder, wie Marty es formuliert: «Was eignet sich besser als gemeinsames Essen, um sich näherzukommen?»
Kochworkshop, Samstag, 20. Juni, von 10 bis 13 Uhr, «Nachbar», Stahlgiesserei 15B, Schaffhausen
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Wenn Begegnung durch den Magen geht