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Interview mit Christian Stäblein

«Völkische Ideologie entspricht nicht dem Evangelium»

von Cornelia Krause/reformiert.info
min
03.07.2026
Im Herbst wird in drei deutschen Bundesländern gewählt, die AfD dürfte weiter zulegen. Bischof Christian Stäblein über Angriffe von rechts und die Notwendigkeit, Profil zu zeigen.

Das Pfarrteam in Spremberg ist in der Kirchgemeinde sehr aktiv und engagiert sich darüber hinaus für einen respektvollen Umgang in der Gesellschaft, im Besonderen gegen Rechtsextremismus. Ist das eher die Ausnahme oder die Regel in Ihrer Landeskirche?

Wir sind sehr froh und beeindruckt vom Engagement des Teams in Spremberg. Diese Form des Kircheseins steht in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung, der Bekennenden Kirche und der Kirchen in der DDR. Es gibt aber durchaus weitere Beispiele, etwa in Fürstenwalde. Der Pfarrer, der mit Jette Förster und Elisabeth Schulze nach Spremberg kam, engagiert sich weiterhin in Cottbus sehr stark gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Solche Teams sind entscheidend für die Arbeit vor Ort und darüber hinaus.

Gerade zu Berufsanfang zieht es Menschen oft eher in die grossen Städte, wo die politische Gesinnung liberaler ist. Wie lassen sich junge Pfarrpersonen für Stellen auf dem Land oder in Kleinstädten gewinnen?

Natürlich gibt es bei uns einen starken Zug nach Berlin. Viele, die sich in der Kirche etwas besser auskennen, wissen aber, dass die attraktivsten Bedingungen oft in Brandenburg oder der schlesischen Oberlausitz zu finden sind. 

Warum?

In kleineren, überschaubareren Strukturen hat die Kirche eine grössere kulturelle und religiöse Bedeutung. Dort kann man ganz anders wirken und gestalten als in einer Metropole. In Berlin muss die Kirche schon sehr viel dafür tun, um angesichts der grossen Konkurrenz von Angeboten überhaupt aufzufallen. Ausserdem funktioniert Begleitung von Menschen in kleineren Orten viel besser. Menschen brauchen Nähe, um miteinander gestalten zu können. In grossen Orten herrscht oft eine gewisse Anonymität. Der Schlüsselfaktor für den Erfolg junger Pfarrpersonen in Orten wie Spremberg ist aber das Team. Arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer zusammen, ist es leichter, in ländlichen Strukturen zu funktionieren. 

Bischof Christian Stäblein

Der evangelische Theologe studierte und promovierte in Göttingen. Nach Stationen im Pfarramt wurde der gebürtige Niedersachse 2007 zum theologischen Leiter des Predigerseminars Loccum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers berufen. 2014 wählte ihn die Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zum Propst, fünf Jahre später übernahm er das Amt des Bischofs. Seit November 2024 ist Stäblein zudem Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

 

Die Herausforderungen sind gross in vielen Kleinstädten im Osten, in denen rechte Gesinnung weit verbreitet ist. Das Engagement der Kirche, etwa im Bereich Migration, läuft dem Parteiprogramm der AfD zuwider. Was heisst das für Pfarrpersonen?

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die Ehrenamtlichen zeigen Profil. Profil für das Evangelium, für einen menschenfreundlichen Gott und gegen jede Form der Ideologie, Abwertung und Ausgrenzung von Menschen. Gegen die falsche Vorstellung, dass Kirche im Grunde etwas wie ein Heimatverein sein soll und für irgendetwas Völkisches stehe. Völkische Ideologie entspricht nicht dem Evangelium. Die Kirchgemeinden leisten diese Arbeit, doch es ist ein Spagat. Die Pfarrpersonen leben mit den Menschen vor Ort und müssen mit ihnen im Austausch stehen. Und sie müssen einen Raum bieten, in dem Menschen offen miteinander sprechen können, auch wenn sie unterschiedliche Positionen haben. 

Wie gelingt dieser Spagat?

Indem man sehr glaubwürdig Mensch ist und zugleich glaubwürdig den christlichen Glauben bezeugt. Es gibt keine Auflösung dieses Spagats. Man kann nicht mit allen reden und die eigene christliche Überzeugung verstecken. Auch kann man nicht nur mit denen reden, die die christlichen Überzeugungen teilen. Das ist eine Herausforderung, die einem aber auch sehr viel Kraft geben kann. Meine Aufgabe besteht darin, ein klares Profil zu zeigen, damit ich die Pfarrpersonen vor Ort unterstütze. Denn auch nach aussen muss die Kirche eine klare Haltung zeigen.   

Unter Pfarrpersonen dürfte es auch einige geben, die mit der AfD sympathisieren oder konservativer sind als Ihnen lieb wäre. Wie gehen Sie damit um?

In unserer Kirche gibt es vielfältige politische Überzeugungen. Überhaupt geht es ja nicht um die Frage, das Personal auf einem Spektrum zwischen konservativ und linksliberal einzusortieren. Pfarrpersonen sollen geistliche Personen sein. Ich bin aber überzeugt, dass sie sich aufgrund ihrer Funktion klar von Extremismus und Populismus abgrenzen müssen.

Die evangelische Kirche hat sich schon 2024 deutlich positioniert und klargestellt, dass sich eine AfD-Mitgliedschaft nicht mit einem Kirchenamt verträgt. Wie lange lässt sich diese «Brandmauer» aufrechterhalten, wenn die AfD immer mehr Rückhalt in der Gesellschaft erhält?

Ich benutze den Begriff «Brandmauer» nicht gerne, er entstammt dem politischen Raum. Wir führen keine politische Diskussion, sondern eine kirchliche. Unsere Position ist eindeutig: Zur Kirche gehören alle Menschen, die getauft sind. Wir sind eine Kirche für alle, nach Parteizugehörigkeit oder Gesinnung wird auch nicht gefragt. Doch die Kirche leiten, Pfarrperson oder Gemeindekirchenrat sein, können nur Menschen, die nicht extremistische oder populistische Positionen unterstützen oder vertreten. Das Ausschlusskriterium, dass sich die Unterstützung menschenfeindlicher Organisationen oder Gruppen nicht mit der Leitung der Kirche verträgt, stand bei uns schon in der Grundordnung, bevor es die AfD gab. Und diese Position speist sich aus der inhaltlichen Bestimmung des Evangeliums. 

Das dürfte zu einigen Diskussionen führen.

Das ist so. Viele Diskussionen finden vor Ort statt, dort gibt es dann auch ein gewisses Abwägen. Manchmal landen Beschwerden bei mir. Ich bin froh über diese Diskussionen, denn ich stehe nicht für eine Kirche, in der diskutieren verboten ist, sondern für eine, in der man über solche Fragen redet.  

Schliessen Kirchgemeinden vor Ort manchmal Kompromisse, über die Sie nicht glücklich sind?

Nein. Aber es wird manchmal anders diskutiert, weil man dort die betroffenen Menschen kennt.

Wird es durch das Erstarken der AfD insbesondere in Ostdeutschland schwieriger, Kirche zu leben?

Alles wird schwieriger durch das Erstarken der AfD. Schon statistisch gesehen hegen auch in der Kirche mehr Menschen Sympathien für die AfD. Diese Partei entsteht ja nicht im luftleeren Raum, es gibt bestimmte Fragen und Probleme, die offenkundig viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht als gut gelöst empfinden. Es ist unsere Aufgabe, darüber zu sprechen und die Menschen daran zu erinnern, dass die Wege, die gefunden werden, keine menschenfeindlichen sein dürfen.

Im vergangenen Jahr hetzte der damalige Bürgermeister von Jüterbog (AfD) gegen Pfarrpersonen wüst in einem Youtube-Video. Die Kirche erstattete Anzeige. War das ein Einzelfall?

In dieser Schärfe war das eine Ausnahme. Vorfälle gab es in Jüterbog aber schon früher. Wir sind dort sehr aktiv in der Migrationsarbeit. Vor etwa zehn Jahren gab es einen Anschlag auf das Café für Geflüchtete, das in den Räumen der Kirche beheimatet ist. Was mich bei den jüngsten Anfeindungen am meisten beschäftigt:  Wie kann ein Bürgermeister so etwas tun, ohne dass die Menschen vor Ort ihn stoppen?  Warum braucht es mich und viele andere Menschen aus der Kirche, um Grenzen zu setzen? So ein Fall wächst in einem Milieu. Das ist das eigentliche Problem. 

 

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