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Flucht übers Mittelmeer

Die unsichtbaren Migranten von Lampedusa

von Almut Siefert/epd
min
01.07.2026
Jahrelang war Lampedusa Sinnbild für die migrationspolitischen Herausforderungen in Europa. Nun ist es medial ruhiger geworden um die italienische Mittelmeerinsel. Mit dem Besuch von Papst Leo ändert sich das.

Das kleine Mietauto wird langsamer. «Ist das der Weg zur Cala Pisana?», fragen die Ortsunkundigen aus dem heruntergelassenen Fenster. Der erfragte Strand ist tatsächlich nur noch wenige Meter entfernt. Direkt gegenüber diesem bei Touristen beliebten Ziel im Osten von Lampedusa liegt der Friedhof.

Das stört an sich niemanden, der dort am Meer liegt und die Sonnenstrahlen geniesst. Nur aktuell dringt etwas Lärm über die Strasse. Der Ausbau des Friedhofs, auf dem auch ertrunkene Flüchtlinge bestattet sind, geht nach Jahren des Stillstands voran. Viele Menschen hier sind sich sicher, dass die Arbeiten wegen des Besuchs von Papst Leo XIV., der am 4. Juli auf der italienischen Mittelmeerinsel erwartet wird, wieder aufgenommen wurden.

40‘000 Migranten pro Jahr

Mit dem Papstbesuch rückt Lampedusa erneut in den medialen Fokus. Lange galt die Insel als Sinnbild für die migrationspolitischen Herausforderungen in Europa. Etwa 130 Kilometer entfernt von der nordafrikanischen Küste erreichen viele Schutzsuchende hier Europa – wenn sie bei der tagelangen Fahrt nicht sterben. Rund 35‘000 Tote und Vermisste zählt die Internationale Organisation für Migration (IOM) seit 2014 für den gesamten Mittelmeerraum.

 

Denkmal Porta d'Europa (Tor nach Europa) des italienischen Künstlers Mimmo Paladino auf der Insel Lampedusa. | Foto: epd/Siefert

Denkmal Porta d'Europa (Tor nach Europa) des italienischen Künstlers Mimmo Paladino auf der Insel Lampedusa. | Foto: epd/Siefert

 

Auch vor Lampedusa trieben immer wieder Leichen im Meer, so etwa am 3. Oktober 2013, als bei einem Bootsunglück vor der Insel mehr als 360 Menschen ums Leben kamen. Immer noch kommen jährlich im Schnitt rund 40‘000 Migrantinnen und Migranten an. Eine Ausnahme: 2023 waren es mehr als doppelt so viele, wie aus dem Jahresbericht der Organisation Mediterranean Hope hervorgeht, dem Migrationsprogramm des Verbandes evangelischer Kirchen in Italien.

Trotzdem ist es in den vergangenen Jahren stiller geworden. Lampedusa sei eine «Touristeninsel wie viele andere auch», sagt Francesca Saccomandi, Leiterin der ständigen Beobachtungsstelle für Migration von Mediterranean Hope auf Lampedusa.

Die Ankommenden werden abgeschirmt

Saccomandi spricht von einem «Tunnel», der heute die ankommenden Migranten vom Rest des Inselgeschehens trenne. Die Verwaltung wurde mit den Jahren effizienter. «Die Menschen verbringen nur noch etwa 24 bis 48 Stunden auf der Insel», sagt sie.

Kommen Migranten an der Molo Favaloro an, wird aus dem unauffälligen Hafenabschnitt ein abgesperrter militärischer Bereich. Dort sind auch Mitarbeitende von Mediterranean Hope und anderen Hilfsorganisationen präsent. Sie fragen, wie es den Menschen geht oder bieten ihnen ein Glas heissen Tee an. Früher hatte ein Teil der rund 6000 Inselbewohner solche Aufgaben spontan übernommen. Sie seien aber verdrängt worden, weil der Bereich des Kais zu einem militärischen Raum geworden sei, sagt Saccomandi.

Von dem Pier aus werden die Migranten in Kleinbussen des Roten Kreuzes in die Erstaufnahme-Einrichtung weiter im Inneren der Insel gebracht. Dort verbringen sie bis zu zwei Tage, bis sie erneut die Kleinbusse besteigen, deren Sitze mit Klarsichtfolie umwickelt sind. Die Busse bringen sie wieder zum Hafen, auf Schiffe, auf denen sie nach Sizilien gebracht werden, von wo aus man sie nach ganz Italien verteilt. Von Lampedusa bleiben ihnen graue Schlappen, in denen sie die Busse besteigen, und eine weisse Stofftüte, in der sie ihre wenigen Habseligkeiten transportieren.

Anonymes Gedenken

Für Giusi Nicolini ist das eine traurige Entwicklung. Als ehemalige Bürgermeisterin von Lampedusa hat sie unter anderem das Bootsunglück von 2013 miterlebt. «Seit meiner Amtszeit wurden keine Fortschritte gemacht, im Gegenteil», sagt die einstige Sozialdemokratin.

Früher hätten die Migranten das Zentrum verlassen können. «Wir trafen sie überall, es gab einen echten Kontakt zwischen ihnen und der Bevölkerung», erzählt sie. Nun, da sie nicht mehr sichtbar seien, interessiere sich auch kaum noch jemand für sie.

Einer der wenigen Orte, an denen sich das Schicksal der Migrantinnen und Migranten heute noch mit jenem der Inselbewohner kreuzt, ist der Friedhof. In einer hinteren Ecke haben ein paar wenige anonyme Opfer der zahlreichen Bootsunglücke hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Einfache, in die Erde gesteckte Holzkreuze erinnern an sie. Auch Papst Leo wird bei seinem Besuch auf Lampedusa den Friedhof besuchen, nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Flughafen, der im Sommer Tausende Touristen auf die Insel bringt.

 

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