Kirche im Wandel: neue Berufe
Yvonne Vogelsanger ist 41 Jahre alt, Co-Präsidentin der Kirchgemeinde Beggingen-Siblingen – und Teil eines kirchlichen Experiments. Als Gemeindekoordinatorin übernimmt sie Aufgaben in einer Funktion, die es so in der Reformierten Kirche Schaffhausen bisher nicht gab. Ihre Stelle ist ein Pilotprojekt: Ausbildung, Aufgabenprofil und langfristige Verankerung werden an der Sommersynode genauer definiert werden. «Eigentlich bin ich da so hineingerutscht», sagt Vogelsanger ganz ohne Pathos. Was heute wie ein neues Berufsbild wirkt, entstand aus einer ganz konkreten Notlage: einer Pfarrvakanz und schrumpfenden Ressourcen.
Der Auslöser war ein Wechsel im Pfarramt – und die Erkenntnis, dass die vorhandene Zeit nicht mehr für alles reicht. «Wenn das Pfarrpensum in einer Gemeinde klein ist, sollte diese Zeit möglichst viel bei Menschen verbracht werden – und möglichst wenig im Büro», sagt Vogelsanger. Die Frage war: Wer übernimmt den Rest? Sitzungen organisieren, Termine koordinieren, Informationen bündeln, Ab-läufe strukturieren – Aufgaben, die notwendig sind, aber nicht zwingend von einer Pfarrperson erledigt werden müssen. Heute ist genau das Vogelsangers Rolle. Sie führt Adresslisten, koordiniert Sitzungen, organisiert Abläufe und ist Ansprechperson für Mitarbeitende. «Die Seelsorge bleibt beim Pfarrer», sagt sie. «Aber viel anderes kann man delegieren.»
Pilotprojekt aus der Praxis
Beggingen und Siblingen gehören zu den ersten Gemeinden, die dieses Modell testen. Die beiden Kirchgemeinden arbeiten enger zusammen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Sitzungen finden gemeinsam statt, viele Prozesse laufen zentral. «Wenn zwei Gemeinden zusammenarbeiten und niemand koordiniert, funktioniert das nicht», sagt Vogelsanger. Ihre Aufgabe sei es, «alles unter einen Hut zu bringen» – von der Terminplanung bis zur Kommunikation. Die Stelle ist mit 20 Prozent dotiert. Für Vogelsanger ist klar: Ohne diese Entlastung wäre vieles nicht mehr möglich. «Ich mache sehr viel freiwillig, aber alles kann man nicht einfach nebenbei stemmen.»
Die neue Funktion verändert auch den Blick auf die Kirche. Obwohl Vogelsanger seit rund zehn Jahren im Kirchenstand aktiv ist, habe sie erst jetzt richtig verstanden, wie viel hinter dem Pfarramt steckt. «Man denkt schnell an Gottesdienste, Taufen oder Beerdigungen», sagt sie. «Aber es gibt ganz viele Aufgaben, die man gar nicht sieht.» Musiker organisieren, Lager planen, Unterricht koordinieren – vieles davon passiert im Hintergrund. Diese Erfahrung habe auch das Verständnis im Kirchenstand verändert. «Wir sehen heute viel klarer, was es alles braucht.»
Zusammenarbeit als Zukunftsmodell
Der Druck bleibt hoch. Aktuell verfügt die Kirchgemeinde noch über ein Pfarrpensum von 50 Prozent, künftig wären offiziell nur noch 25 Prozent vorgesehen. Eine Zwischenlösung wurde bereits gefunden: Ab August übernimmt ein pensioniertes Pfarrehepaar ein gemeinsames Pensum für beide Gemeinden. Gleichzeitig bleibt die Koordinationsstelle bestehen. «Wir wollen nicht wieder bei null anfangen, wenn diese Lösung endet.» Für Vogelsanger ist klar: Die Zukunft der Kirche liegt in der Zusammenarbeit. «Ohne Zusammenarbeit wird es nicht mehr gehen.»
Trotzdem warnt sie vor falschen Erwartungen. Die Gemeindekoordinatorin sei kein Patentrezept. «Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass jede Gemeinde das so machen muss.» Vielmehr gehe es darum, flexibel auf die eigene Situation zu reagieren. «Jede Kirchgemeinde muss ihren eigenen Weg finden», sagt Vogelsanger. Das System lasse diese Freiheit zu – und genau darin liege seine Stärke. Auch ihre eigene Rolle ist nicht in Stein gemeisselt. «Das kann in zwei oder drei Jahren wieder ganz anders aussehen», sagt sie. Entscheidend sei, dass man bereit ist, sich anzupassen. Neben ihrer Arbeit als Gemeindekoordinatorin hilft Vogelsanger auf dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Familie, ist Mutter von zwei Kindern und engagiert sich weiterhin im Kirchenstand. Die Koordinationsstelle ist nur ein Teil ihres Alltags – aber ein wachsender.
Die Grenzen zwischen Ehrenamt und professioneller Arbeit verschwimmen dabei zunehmend. «Früher hat man vieles einfach gemacht», sagt sie. «Heute geht das so nicht mehr.» Die Anforderungen seien gestiegen, die Ressourcen gesunken. Umso wichtiger sei es, Aufgaben neu zu verteilen.
Am Ende geht es Vogelsanger nicht um Strukturen, sondern um Wirkung. Kirche soll präsent bleiben – auch mit weniger Personal. «Wenn wir mit wenig Pfarrpensum arbeiten, müssen die Menschen trotzdem merken: Da ist noch Kirche.» Die Gemeindekoordinatorin ist ein möglicher Weg dorthin.
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