Zeit schenken am Krankenbett
Wer zum Kantonsspital Schaffhausen hinauffährt, entdeckt einen Wald, der mehr ist als Kulisse. Für Bruno Schmid ist er Erinnerung und Gegenwart zugleich. Rund 25 Jahre lang war er als Kantonsforstmeister verantwortlich für genau diesen Ort. «Wir haben uns immer Mühe gegeben, dass eine schöne Atmosphäre herrscht», sagt er. Der Geissbergwald ist ein Mischwald, sorgfältig gepflegt, ein Raum der Erholung. Heute sitzt Bruno Schmid abends in Patientenzimmern und schaut wieder hinaus – auf «eine grüne Lunge», die ihm vertraut ist.
Das Leben weiter mit Sinn fĂĽllen
Dass er heute als freiwillige Sitzwache tätig ist, hat mit einem neuen Lebensabschnitt zu tun. Nach der Pensionierung wurden die Tage plötzlich freier. «Ich wollte mein Leben mit Sinn füllen», sagt Schmid. Zunächst engagierte er sich als «Senior im Klassenzimmer» und unterstützt seither regelmässig Kinder im Unterricht.
Der Impuls für die Sitzwache kam eher beiläufig: In den kirchlichen Anzeigen stiess er auf einen Aufruf der Spitalseelsorge. Gesucht wurden Freiwillige für Sitzwachen. «Das hat mich angesprochen», sagt er. Er meldete sich – und fand eine Aufgabe, die ihm entspricht. Vor seinem ersten Einsatz absolvierte er eine Ausbildung. Dort ging es um den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Menschen, um Kommunikation und um die eigene Rolle. Auch Einblicke in Bereiche wie das Bestattungswesen gehörten dazu. «Das hat mir gezeigt, worauf ich mich einlasse», sagt Schmid. Gleichzeitig habe ihm die Vorbereitung Sicherheit gegeben.
Seine Motivation hat zwei Seiten. Da ist einerseits der Wunsch, für andere da zu sein. Und da ist andererseits die Auseinandersetzung mit einem Thema, das oft ausgeblendet wird: Sterben und Tod. «Das gehört zum Leben», sagt Schmid ruhig. «Ich habe gemerkt, dass ich mich darauf einlassen möchte.» Es sei eine bewusste Bewegung gegen das Verdrängen – und hin zu einer Realität, die alle betrifft.
Zuhören, wahrnehmen, reagieren
Die Einsätze als Sitzwache erlebt er als «eindrücklich, berührend und würdevoll». Jede Situation sei anders. Manchmal sind Angehörige da, manchmal nicht. Manchmal entsteht ein Gespräch, manchmal bleibt es still. «Ich bin vor allem einfach da», beschreibt er seine Rolle. Nicht handeln müssen, nicht eingreifen – sondern präsent sein.
Was es dafür braucht? «Dass man sich auf die Situation einlässt und nichts erzwingen will», sagt Schmid. Es gehe nicht darum, etwas zu tun, sondern darum, da zu sein und auszuhalten. Zuhören, wahrnehmen, reagieren, wenn ein Bedürfnis entsteht – und sonst bewusst im Hintergrund bleiben. Diese Haltung zeigt sich auch ganz praktisch. Er setzt sich nicht gleich ans Bett, sondern lässt Raum. Stellt sich vor, beobachtet, wartet. «Wenn Sie mit mir sprechen möchten, bin ich da. Sonst auch.» Ein Buch hat er oft dabei – gelesen hat er noch nie darin. «Es hat bisher nie gepasst», sagt er und lächelt.
Was in diesen Stunden geschieht, lässt sich schwer beschreiben – und doch erzählt Schmid von Momenten, die bleiben. Von einer jungen Patientin, die nicht mehr sprechen konnte. Eine Harfe stand im Zimmer. Er suchte im Radio nach leiser Musik mit Harfe, spielte sie ab. «Und plötzlich hat sie die Hände bewegt wie ein feines Klatschen.» Ein Moment der Verbindung – ganz ohne Worte. «Da habe ich gedacht: Jetzt haben wir etwas gemacht, das Freude schenkt.»
Oder von einer Frau, die nicht mehr leben wollte. Verlust hatte ihr Leben geprägt. Schmid hörte zu, rang um Worte – und sprach schliesslich von der Hoffnung, dass die Verstorbenen nicht verloren sind. «Dann hat sie die Augen zugemacht und wurde ruhig.» Solche Begegnungen gehen ihm nahe. «Sie beschäftigen mich noch Tage über den Einsatz hinaus.»
Spiritualität überall gegenwärtig
Um damit umzugehen, greift er auf das zurück, was ihn trägt: seine Spiritualität, die Natur, die Musik. Er singt in Chören, bewegt sich beim Radfahren und Rudern in der Natur und sucht den sozialen Austausch. Spiritualität versteht er dabei nicht eng religiös, sondern weiter gefasst: «Spiritualität ist in meinem Verständnis überkonfessionell und überall gegenwärtig.»
Auch der Kontakt mit Pflege und Seelsorge sei wichtig. «Das Sitzwachenteam ist gut eingebunden», sagt er. Es gebe Austauschmöglichkeiten im Team, Nachgespräche mit der Seelsorge, gegenseitige Unterstützung. Die Sitzwache sei Teil eines grösseren Ganzen – und zugleich etwas sehr Eigenes. Herausfordernd sei weniger das, was geschieht, als das, was es innerlich auslöst. «Man taucht ein in ein Leben – und muss wieder daraus auftauchen.» Eine klare Grenze gebe es dabei nicht. Aber mit der Zeit wachse die Erfahrung. Und die Gewissheit, nicht allein zu sein: «Am Krankenbett kann ich jederzeit nach Hilfe läuten.»
Wenn Bruno Schmid heute durch das Spital geht, verbindet sich vieles: seine frühere Arbeit, der Wald draussen, die Menschen drinnen. «Jedes Mal, wenn ich zum Fenster hinausschaue, erinnere ich mich», sagt er. Der Blick ins Grüne gehört für ihn dazu – früher wie heute. Und drinnen gilt, was auch draussen zählte: aufmerksam sein, Raum geben und präsent sein.
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Freiwillige Sitzwachen gesucht
Die freiwilligen Sitzwachen leisten im Kantonsspital Schaffhausen Einsätze, damit Patientinnen und Patienten nicht allein sind (in der Regel von 19 bis 23 Uhr oder von 24 bis 6 Uhr). Sie sind als Mitmenschen präsent und leisten diesen Dienst stellvertretend für die Angehörigen und zur Unterstützung des Pflegepersonals. Interessierte werden sorgfältig auf ihre Aufgabe vorbereitet und von der Spitalseelsorge begleitet.
Kontakt und weitere Informationen: Spitalseelsorge Kantonsspital Schaffhausen: 052 634 89 37, adriana.dicesare@spitaeler-sh.ch
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