Er sitzt in seinem Studio in Luzern und spricht über Licht, als wäre es etwas Lebendiges. Über Schatten. Stimmungen. Über dieses kurze Fenster am frühen Morgen, wenn die Sonne den Pilatus streift und plötzlich alles stimmt. Zwei Minuten vielleicht. Dann ist es weg. Dann müsse man bereit sein.
Sven Epting ist Kameramann, Filmemacher, Regisseur, Produzent. Er denkt in Bildern. Immer. Wo andere eine Kirche sehen, sieht er eine Kamerafahrt durchs Kirchenschiff. Wo andere eine Landschaft sehen, sieht er eine Szene. «Das hört nie ganz auf», sagt er und lacht. Architektur, Licht, Bewegungen, Gesichter. Irgendetwas in ihm beginnt ständig, daraus kleine Filme zu bauen. Schon als Jugendlicher drehte er mit seinen Geschwistern kleine Abenteuerfilme im Wald. Irgendwo zwischen Fantasie, Action und Indiana Jones. Sie bauten Szenen nach, erfanden Geschichten, probierten aus. Stundenlang. Nicht perfekt, aber voller Begeisterung. Später moderierte er ein Jazz-Internetradio, das weltweit gehört wurde. Hauptsache kreativ. Hauptsache etwas erschaffen und hinausschicken in die Welt.
Er beobachtet Menschen genau
Heute führt der 41‑Jährige seine Produktionsfirma «Filmzimmer» in Luzern. Werbe- und Imagefilme, Konzepte, Drehs. Regie, Kamera, Produktion. Mal steht er frühmorgens auf einem Berg, mal filmt er in einer Werkhalle oder in einer Kirche. Jeder Auftrag sei anders, sagt er. Genau das liebe er daran.
Wenn er von seiner Arbeit erzählt, spürt man schnell: Für ihn beginnt ein Film nicht erst mit der Kamera. Sondern viel früher. Mit einer Stimmung. Einer Bewegung. Einem Geräusch. Er beobachtet Menschen genau. Wie jemand spricht. Wie jemand einen Raum betritt. Wo Licht auf ein Gesicht fällt. Viele dieser Dinge nehme er automatisch wahr, sagt er.
Dass er einmal selbstständig sein würde, sei nie der grosse Plan gewesen. Neben seiner Arbeit bei Tele1 kamen erste Aufträge dazu. Dann immer mehr. Irgendwann musste er sich entscheiden. Ganz oder gar nicht. Er ging all-in. Ein Schritt, der Mut brauchte. Gerade in einer Branche, die oft in Unsicherheit lebt. Aufträge kommen. Aufträge brechen weg. Manchmal läuft alles gleichzeitig, manchmal wird es plötzlich ruhig. Früher hätten ihn Absagen viel stärker getroffen, sagt er. Heute sehe er das anders. «Dann kommt wieder etwas Neues.» Dieser Satz fällt beiläufig, aber man glaubt ihm sofort.
Intuition
Zwölf Jahre Selbstständigkeit haben ihn ruhiger gemacht. Vielleicht auch gelassener. Er wirkt nicht wie jemand, der ständig kontrollieren muss. Eher wie jemand, der gelernt hat, dass nicht alles planbar ist. Und trotzdem kennt er Druck. Die Verantwortung für die Firma. Für Mitarbeitende, für Projekte, für Kunden, die Erwartungen haben. Gerade kreative Arbeit sei oft schwierig zu erklären, sagt er. Man spüre intuitiv, ob etwas funktioniere oder eben nicht. Aber dieses Gefühl in Worte zu fassen, sei manchmal gar nicht so einfach.
Dazu komme die permanente Unsicherheit kleiner Unternehmen. Es gebe Phasen, in denen alles fliesse. Und andere, in denen plötzlich Zweifel auftauchten. Reicht es? Kommt genug nach? Gerade als Selbstständiger müsse man lernen, mit diesen Wellen umzugehen.
In Corona-Zeiten brachen plötzlich Projekte weg. Veranstaltungen wurden abgesagt, Produktionen gestoppt. Statt zu warten, entwickelte er neue Formate, etwa Livestreams. Nicht aus blindem Optimismus heraus, sondern weil Stillstand für ihn keine wirkliche Option ist.
Gott erlebe ich weniger über Dogmen als draussen. Auf einem Berg. Im Wasser. In einem stillen Moment. Dort spüre ich etwas, das trägt.
Spiritualität in der Natur
Überhaupt ist der gebürtige Winterthurer keiner, der lange im Problem verharrt. Wenn etwas nicht funktioniert, sucht er eher nach einer neuen Idee. Nach einer anderen Perspektive. Wenn es eng wird, sucht er Bewegung. Natur. Gespräche. Freunde. «Ich muss dann raus», sagt er. Wandern, Ski fahren, ans Wasser. Dort werde der Kopf ruhiger.
Die Natur scheint für ihn mehr zu sein als einfach Ausgleich. Fast etwas Spirituelles. Gott, sagt er, erlebe er weniger über Dogmen als draussen. Auf einem Berg. Im Wasser. In einem stillen Moment. «Dort spüre ich etwas, das trägt.» Vielleicht faszinieren ihn auch deshalb Kirchenräume so sehr. Wegen ihrer Stimmung. Ihrer Ruhe. Wegen des Lichts, das durch hohe Fenster fällt. Epting schaut genau hin. Auf Menschen, Räume, Atmosphären. Die Reformierte Kirche schätzt er nach wie vor als wichtige Institution. Wegen der Kirchenräume, die ihn bis heute faszinieren und «die ja auch irgendwie erhalten bleiben müssen». Aber auch, weil die Kirche für ihn viel Gutes bewirkt – Menschen auffängt, Gemeinschaft schafft und Räume öffnet, die in einer hektischen Welt wichtiger geworden seien denn je.
16 Tassen Kaffee pro Tag
Freundschaften sind ihm wichtig. Menschen, die bleiben. Austausch, Resonanz. Nach einem langen Arbeitstag zieht es ihn selten allein nach Hause. Lieber noch ein Bier mit Freunden. Reden. Lachen. Energie tanken. Allein funktioniere er auf Dauer nicht besonders gut, sagt er und grinst. Und dann ist da noch Svenja. Seine Partnerin. «Svensationell», sagt er lachend. Sie bringe Ruhe rein, wenn bei ihm wieder alles gleichzeitig laufe. Überhaupt lacht er viel an diesem Nachmittag. Schnell. Herzlich. Man merkt ihm an, dass er gern mit Menschen ist.
Auf die Frage, was andere oft falsch an ihm einschätzen, überlegt er kurz. Dass er vermutlich mehr Kaffee als Wasser trinke, sei zum Beispiel so ein Detail, das viele überrasche. Bis zu 16 Tassen am Tag, sagt er und lacht wieder. Hollywood habe ihn übrigens nie gereizt. Die Schweiz reiche völlig. Berge, Seen, Wetterwechsel. Gute Geschichten gebe es überall. Vielleicht, überlegt er kurz, würde er irgendwann gerne einmal einen völlig freien Film machen. Ohne Vorgaben. Ohne Kunden. Einfach kreativ sein. Etwas Wildes. Freches. Eines dieser Projekte, bei denen niemand reinredet.
Bis dahin hält Sven Epting weiter fest, was schnell wieder verschwindet: Licht. Stimmungen. Augenblicke. Und genau darin liegt seine Stärke. Dass er hinschaut, wenn andere längst weitergegangen sind.
Filmemacher Sven Epting: im richtigen Moment