Die Kirche als zweite Stube
Wenn Andrea Roth von ihrer Arbeit erzählt, spricht sie schnell. Nicht hektisch, sondern begeistert. Ein Gedanke führt zum nächsten: Kinderweekends, Krippenspiele, Schöpfungsgeschichten, Tanzproben, Osterbrunch, Gottesdienste, Bauernhof, Frauenverein, Schafe, Jungleiter, Kerzenziehen. Für die 49-Jährige aus Willisau-Hüswil ist Katechese weit mehr als ein Beruf. Es ist ein Teil ihres Lebens.
Der Religionsunterricht hat es schwer: Kirchgemeinden bauen Stellen ab, an Schulen landet er immer öfter am Rand des Stundenplans. «Mein Ziel ist, dass die Kinder ein gutes Bauchgefühl gegenüber Gott und Kirche bekommen», sagt sie, «dass sie ein Gefühl haben: Das ist meine zweite Stube.»
Umweg über den Bauernhof
Genau so hat sie Kirche selbst erlebt. Andrea Roth wuchs im Zürcher Oberland auf – in einer reformierten Kirchgemeinde, die sie prägte. Theaterproben, Chor, Jugendgruppe: Ihr Leben spielte sich grösstenteils im Kirchgemeindehaus ab. «Ich war viel im Ausgang», sagt sie lachend, «aber immer in diesem geschützten Rahmen der Kirche.»
Eigentlich wollte sie Pfarrerin werden. Sie lernte sechseinhalb Jahre Latein, dachte an ein Theologiestudium. Es kam anders. Sie heiratete einen katholischen Bauern, blieb im Luzerner Hinterland, wurde Fachlehrerin für textiles und technisches Gestalten sowie Sport – und fand schliesslich ihren Weg in die kirchliche Arbeit. Seit über 20 Jahren ist sie nun Katechetin in Willisau-Hüswil.
Ein einfacher Job sei das nicht, sagt sie offen. Kleine Pensen, Unterricht am Mittwochnachmittag oder am Wochenende, lange Wege für Familien aus vielen Dörfern. Die Kinder kommen aus zwölf Dörfern, viele müssen von den Eltern gefahren werden. «Um Werbung für den Beruf zu machen, ist das schwierig», sagt sie und lacht. Trotzdem würde sie nichts anderes wollen. «Es passt einfach zu meinem Leben.»
Dieses Leben spielt sich zwischen Bauernhof und Kirche ab. Morgens Gummistiefel und Stallarbeit, später Unterricht mit Kindern, Sitzungen oder Gottesdienste. «Ich brauche beides», sagt sie, «den Dreck an den Stiefeln – und die Arbeit mit Menschen.» Auf dem Bauernhof sei man nah an Leben und Tod, an Schöpfung und Verlust. An jungen Tieren, Hagel, Ernte, an Werden und Vergehen. Auch dort erlebe sie Glauben.
Funken, die noch lange zünden
Besonders liebt sie die Weekends mit Kindern: gemeinsam basteln, Geschichten hören, tanzen, draussen unterwegs sein, übernachten im Kirchgemeindehaus. Kirche soll erlebt werden, nicht nur erklärt. «Manchmal hören sie ganz still zu, manchmal ist es einfach lebhaft», sagt sie. «Aber irgendetwas bleibt.» Davon ist Andrea Roth überzeugt.
Etwa wenn ein Junge den ganzen Nachmittag nur Grimassen schneidet und beim Hinausgehen plötzlich die eingeübte Melodie pfeift. Oder wenn Jahre später eine Mutter erzählt, ihr Sohn pflege die kleine Pflanze noch immer, die er einst im Religionsunterricht eingetopft habe. Bei der Schöpfungsgeschichte gibt Andrea Roth den Kindern jeweils kleine Ableger von Zimmerpflanzen mit nach Hause. Manchmal hört sie Jahre später, dass diese Pflanzen noch leben. «Das sind so Momente, in denen man merkt: Es hat etwas gezündet.»
Auch im Krippenspiel erlebt sie solche Momente. Dann stehen Kinder auf der Bühne, andere singen im Chor, Kostüme und Requisiten werden ins Auto gepackt, und Andrea Roth fährt zufrieden los – müde vielleicht, aber erfüllt. Musik und Theater gehören zu ihren Leidenschaften. Wenn sie diese mit Kindern verbinden kann, entsteht für sie etwas Besonderes.
Überhaupt sieht Andrea Roth eine Stärke der Kirchen im Vorleben von Beziehungen, Gemeinschaft und Geborgenheit. Familien stünden heute unter enormem Zeitdruck, sagt sie. «Die Agenda von Familien ist extrem belastet.» Umso wichtiger seien Räume, in denen Menschen einfach sein dürfen. Das gelte nicht nur für Kinder.
Kinder sind offener in Glaubensfragen als Erwachsene
Beim «Fiire mit de Chliine» werde nach dem Gottesdienst zusammen Kaffee getrunken. Eltern, Grosseltern, Kinder kommen ins Gespräch. «Manchmal ist das fast mehr Seelsorge als Programm», sagt Roth. Nicht immer müssten die Gespräche mit ihr oder dem Pfarrer stattfinden. Manchmal reiche es, dass Menschen zusammen seien und sich getragen fühlten.
Kinder seien offen für Glaubensfragen, davon ist sie überzeugt. «Sie hören unglaublich gerne Geschichten.» Auch jene, die scheinbar nicht zuhören. Erwachsene hingegen seien oft verkopfter geworden. Kinder könnten sich noch ganz auf den Moment einlassen. Das habe sie kürzlich wieder beim Tanzen erlebt. Erst übten die Kinder in Kleingruppen, später tanzten sie draussen und schliesslich in der Kirche. Die Erwachsenen waren eingeladen mitzumachen. Nur wenige trauten sich.
Glauben weitergeben als Heimatgefühl
Glauben erklärt Roth nicht abstrakt. Sie spricht von Vertrauen. Von Gott als Schöpfer, von Jesus als Bruder und Freund, vom Heiligen Geist als Kraft in uns. Manchmal hilft ihr ein Bild: Wasser, Eis und Dampf – verschieden und doch eins. Wichtig ist ihr, dass Kinder Gott nicht als etwas Fremdes erleben, sondern als etwas, was mit ihrem Leben zu tun hat. Was will sie ihnen mitgeben? «Ein Heimatgefühl», sagt sie, «dass sie wissen: Kirche ist ein Ort, an den ich kommen kann.»
Sie tut dies mit Ausdauer, Humor und grosser Liebe zu ihrer Arbeit. Und Langeweile? Die kennt sie offensichtlich nicht. «Ich habe noch eine lange Löffelliste», sagt sie lachend. Ideen für offene Weihnachten, neue Projekte oder sozialdiakonische Angebote habe sie genug. «Solange ich lebe, wird mir nicht langweilig.» Die Kirche war für Andrea Roth früh ein Zuhause. Heute versucht sie, Kindern genau diese Erfahrung weiterzugeben. Nicht immer sichtbar, manchmal erst Jahre später. Aber immer mit Herzblut.
Die Kirche als zweite Stube