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Die Lust als Lebenskraft

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01.01.2016
Was als Widerspruch gilt, will der Theologe Christoph Walser zusammenbringen. Der ehemalige Männerbeauftragte der Zürcher Landeskirche fordert, dass sich die Kirchen dieser Thematik annehmen. In der Kirchgemeinde Höfe hält er dazu einen Vortrag.

Herr Walser, Sie bringen Spiritualität und Sexualität zusammen. Hat die Kirche jetzt die Sexualität entdeckt?
Nein. Es gibt sicher einzelne, wie etwa Pater Anselm Grün, die sich dazu äus­sern. Doch ansonsten stecken wir noch in den Anfängen. In den Kirchen ist die Sexualität nach wie vor ein Randthema. Spricht man über Liebesbeziehungen, so redet man von der Liebe, nicht aber vom Sex.

Seit Kirchenvater Augustin gehört die Sexualität nicht mehr oder dann nur negativ besetzt zum Christentum. Warum sollen sich Kirchen jetzt damit beschäftigen?
Die Kirche hat die Sexualität abgespalten. Während Jahrhunderten führte die christliche Erziehung mehrheitlich dazu, dass sich die Menschen für ihre Sexualität schämten und ihre Lust nicht geniessen konnten. Mein Anliegen ist es, die Sexualität nicht von der Spiritualität abzuspalten, sondern das Verbindende zu suchen.

Das kennt man aus dem indischen Kulturkreis, bei Yoga oder Tantra. Doch nicht im Christentum.
Das ist nicht richtig. Blickt man in der Kirchengeschichte zurück, so sieht man, dass die Abspaltung des Körperlichen mit dem Hellenismus und dem Neu­platonismus einsetzte. Ab dann verbanden die Kirchen das Geistige mit der Spiritualität, während sie den Körper als sündig verteufelten. Daran ändert die Aufklärung und Neuzeit wenig, welche die Vernunft überbetont. Auch das wirkt bis heute nach: Viele glauben, die Sexualität mit dem Verstand kontrollieren zu müssen. Im 20. Jahrhundert kommt hinzu, dass Sexualität als Leistung und Produkt gesehen wird. All diese Prägungen, an denen die Kirche mitgewirkt hat, sorgen dafür, dass es für viele schwierig ist, die Sexualität als etwas Schönes und als eine Gabe der Schöpfung zu erfahren. Das Judentum kannte die Trennung von Körper und Seele nicht.

Sexualität als ein Geschenk Gottes?
Ja, so wie es das Hohelied der Liebe im Alten Testament beschreibt.

Wie verbinden Sie Sexualität und Spiritualität?
Der Schlüssel ist, dass man Sexualität als Geschenk der Schöpfung erkennt und aus dieser Dankbarkeit ein gutes Verhältnis zum Körper und zur Sexualität entwickelt. Das Christentum hat Spiritualität einseitig mit Askese verbunden und Ekstase unterdrückt. Das war bei Jesus noch nicht so. In einer vitalen Spiritualität flies­sen Askese und Ekstase ineinander oder halten sich die Balance. 

Ist dieser Aspekt neu?
Ja. Die Kirchen definieren die Spiritualität bis heute im Widerspruch zur Sexualität. Priester haben verinnerlicht, dass sie umso spiritueller sind, wenn sie ihre Sexualität nicht ausleben. Und in den reformierten Kirchen diente die Sexualität vor allem zur Fortpflanzung. Diesen Trend müssen wir umkehren: Wir sind Geschöpfe, geschaffen mit unserer Sexualität. Das entfernt uns in keiner Weise von Himmel und Gott. Sexualität zu leben, ist irdisch und himmlisch zugleich.

Haben die Kirchen solch negative Wertung der Sexualität nicht überwunden?
Keineswegs. Kirchenleute wie Anselm Grün sprechen von Agape, Nächstenliebe, und Eros, Erotik. Unter Erotik verstehen sie vor allem Zärtlichkeit und Hingabe. Damit sprechen sie vor allem die Frauen an. Männer hingegen interessieren sich für Sex. Doch über das Genitale schweigt die Kirche schamhaft.

Sie sprechen vom Unterschied zwischen Frauen und Männern: Frauen suchen in der Erotik das Kuscheln, Männer das Deftigere. Ist dies nicht ein Klischee?
Es kann zum Klischee verkommen. Grundsätzlich sage ich: Beide Seiten haben ein Interesse an genitaler Lust. Das gehört dazu. Es ist jedoch kein Klischee, dass Frauen den Einstieg in die Sexualität eher über Gefühle und Atmosphäre finden, Männer eher über das Genitale und Visuelle.

Heute kritisieren viele, dass unsere Gesellschaft übersexualisiert sei. Braucht es da noch den Beitrag der Kirchen?
Sie haben Recht: Heute wird die Sexualität vielerorts über Konsum und Leistung definiert. Die Pornografie setzt uns unter Druck, leistungsfähig und potent zu sein und über einen perfekten Körper zu verfügen. Im Sinne des Apostels Paulus kann da die Kirche entgegnen: Die Sexualität ist keine Leistung, sondern eine Gabe und ein Geschenk des Lebens.
Es geht nicht um theoretisches Lernen, sondern um das Erleben. Es gibt zahlreiche Gründe, warum Paare ihre Sexualität zurückstellen: Stress, Ärger am Arbeitsplatz oder zu wenig Zeit. Die nicht gelebte Sexualität sucht sich dann ihre eigenen Wege: Männer konsumieren eher Pornografie im Internet, Frauen greifen eher nach Ersatz in den Liebes­romanen und Heftchen. Sexuelle Energie lässt sich nicht unterdrücken, sie sucht sich ihren Weg.

Was könnte da weiterhelfen?
Mein Ansatz lautet: Guter Sex beginnt bei dir selbst: Man muss sich zuerst selbst als sinnliches Wesen fühlen und erleben. Das kann heissen, tanzen gehen, sich zu pflegen oder sich selbst mit Wellness zu verwöhnen. Nur wenn ich mich sexuell wahrnehme, kann ich einen Schritt auf den anderen zugehen. Und es braucht Zeit und Raum, damit die Sexualität und die Spiri­tualität ihre Form entwickeln können. Wenn man sich nicht um sie kümmert, verkümmern sowohl der Glaube wie der Sex.



Vortrag in Pfäffikon
Der Männerexperte Chris­toph Walser hält einen Vortrag in Pfäffikon:
Unter dem Titel «Wenn Spiritualität, Eros und Sexualität sich gegenseitig bereichern» spricht er am Mittwoch, 18. April, 19.30 Uhr, im reformierten Kirchgemeindehaus. Der Eintritt ist frei.

Interview Tilmann Zuber

Links:
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