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Die Sehnsucht ist der Anfang unseres Suchens

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01.01.2016
Tannenreis, Kerzenschein und Manda­rinen. Die ­Adventszeit ist voller Lichter, Düfte und Eindrücke. All dies ist Ausdruck der Hoffnung, dass das Licht in die Finsternis scheint. Linard Bardill sorgt seit Jahren für ausverkaufte Säle, gerade mit seinen Kinderkonzerten. Der Bündner Sänger macht sich stark für Rituale und offene Weltbilder. Ein Advents­gespräch über Kindererziehung und die Aufgabe der Kirche.

Herr Bardill, wie geht es dem kleinen Buddha?
Wir haben für ein halbes Jahr einen Ferienhund. Anfänglich hatten die beiden ein schwieriges Verhältnis, denn der Hund konnte den Buben mit Down-Syndrom nicht einschätzen. Er ist nicht damit klargekommen, dass der Bub nicht dominant ist. Lange Zeit dachten wir, wir müssten den Hund zurückgeben. Doch irgendwann wurden sie Freunde. Das ist der aktuelle Stand.

Sie schreiben Lieder für Kinder und sind für Ihre Kinderkonzerte bekannt. Was ist wichtig im Umgang mit Kindern?
Die Beziehung und das Bewusstsein für Resonanz: Bin ich von etwas begeistert, so kann ich diese Begeisterung weitergeben. Habe ich eine innere Ruhe, kann ich Ruhe ausstrahlen. Liebe ich die Welt, die Dinge, die Menschen, den Himmel und vor allem mich selbst, dann kann ich Liebe weitergeben und wecken.

Wie wichtig ist es, dass Kinder Lieder singen?
Lieder zu singen, berührt einen zutiefst. Das zeigen auch neurologische Untersuchungen, obwohl ich den aktuellen Zwang zur Neurologie auch kritisch beurteile. Der Mensch ist nicht nur Hirn, sondern auch Herz, Leber, Niere, Sexualorgane und Füsse und noch viel mehr.

Trifft das gleiche auch für die Märchen zu?
In Märchen steckt ein uraltes Wissen über das Geheimnis des Lebens. Im Moment erlebe ich, wie mein Publikum immer jünger wird. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Kindheit und die Zeit der Märchen, in der die Kinder noch an Zwerge oder den Osterhasen glauben, kürzer werden. Das ist schade, denn die Märchen präsentieren Lösungsmuster. Je früher diese magische Zeit endet, desto stärker fehlt später dieses Fundament. Und die Pubertät dauert bis 30.

Problematisieren Sie da nicht? Die meisten Eltern kümmern sich heute stark um ihre Kinder.
Viele Eltern sind sich jedoch nicht bewusst, dass Kinder auch ein Recht auf nicht pädagogisierte Räume haben. Sie brauchen Langeweile und Bewegung. Sie brauchen Räume, um zu spielen und ihre eigenen Erfahrungen zu machen, ohne dass Eltern permanent eingreifen. Für viele Eltern sind ihre Kinder ein Projekt mit Zielsetzung «Universität». Als Eltern stehen sie unter Druck alles richtig zu machen. Sie besitzen unzählige Ratgeber zu Hause, wie man mit Kindern singen sollte. Vor lauter Angst etwas falsch zu machen, kommen sie jedoch nicht mehr zum Singen. Kinder als Projektion für das zu sehen, was man erreicht oder nicht erreicht hat, macht sie unsicher.

Sie plädieren für Rituale, die man mit Kindern begehen kann?
Unser Leben ist voller Rituale. Rituale üben etwas ein, bieten Sicherheit und Orientierungshilfe, gerade im Bezug auf die Lebensrhythmen. Selbst kleine Rituale sind wichtig, wie dass die Kinder ihren Teller abräumen und in den Geschirrspüler einräumen. Doch das geht nicht von heute auf morgen und man muss dranbleiben.
Bei Vollmond entzünden wir ein Feuer, werfen Holzscheite mit unserem Ärger in die Flammen und nehmen einen Wunsch für den nächsten Monat mit. Natürlich darf man diese Wünsche nicht verraten.

Beteiligen sich Ihre Kinder an diesen Ritualen?
Meine Kinder sind acht und zehn Jahre alt. Die Grossen sind schon ausgeflogen. Eigentlich lieben Kinder Rituale. Jeden Mittag singen wir vor dem Essen. Unsere Jüngste sang sechs Jahre lang nicht mit. Ich habe sie nie dazu gezwungen. Sie durfte jedoch nicht mit dem Essen anfangen, bevor wir anderen gesungen haben. Inzwischen singt sie mit. Kinder haben ein feines Gespür, ob etwas echt ist. Wenn man Weihnachten nur für die Kinder feiert, werden sie es bald durchschauen und es ebenso öde finden.

Wie feiert die Familie Bardill Weihnachten?
Es kommt die ganze Familie zusammen. Wir erzählen uns, was in diesem Jahr passiert ist. Das eine Mal mit einem grossen Baum und Ritualen. Das andere Mal gibt es nichts. Und wir singen natürlich. Danach geht es durch den Schnee hinauf ins Maiensäss, wo wir unter dem Sternenhimmel den längsten dunklen Tag erleben.

Gibt es am Heiligabend keine Geschenke?
Die Beschenkung findet am folgenden Morgen statt.

Sie sind bekannt als Liedermacher und Texter. Die wenigsten wissen, dass Sie Pfarrer sind.
Eigentlich «Verbi minister Divini». Das ist nicht ganz Pfarrer.

Welche Bedeutung haben die biblischen Geschichten für Sie?
Wenn man aus dem Geist neu geboren wird, dann wird der Mensch umgebaut. Alle Kulturen kennen diese Erfahrung. Die Transformation vom Dasein zum Sein ist auch im Christentum angelegt. Die Bibel bezeichnet Jesus deshalb als Licht. Doch gerade der heilige Geist ist dem Christentum als geistige Grösse abhandengekommen. Das bedaure ich sehr. Wenn es keinen Gott mehr in der Welt gibt, können alle Bücher der Welt diese Leere nicht füllen und stillen. Unsere Sehnsucht ist der Anfang unseres Suchens. Am Schluss werden wir gefunden.

Andere, wie Ihr Musikerkollege Konstantin Wecker, sehen Jesus weniger als Licht, sondern als Revolutionär.
Jesus als netten Menschen, der zum Revolutionär wurde. Doch was unterscheidet Jesus von anderen Revolutionären, die auch am Kreuz hingerichtet wurden? Es gab in der Antike unzählige, die so gestorben sind. Was Jesus ausmacht, ist seine geistige, nicht seine politische Dimension. Natürlich ist die Bergpredigt in ihrer Radikalität des Zuspruchs auch politisch, aber nicht nur. Ich glaube, jede Gesellschaft und jede Kultur haben ihren Zuspruch. Dieser Seinszuspruch, wie Heidegger ihn nennt, verheisst, dass Leben möglich ist. Im Christentum ist es der Zuspruch des Reiches Gottes, das im Gegensatz zum Judentum nicht erst kommt, sondern da ist. Er besagt auch, dass man nicht verzweifeln muss, sondern dass es einen Sinn gibt, dass Leben gelingen kann.

Was wäre die Aufgabe der Kirchen?
Diesem Reich Raum geben. Sie sollte mit ihren Ritualen und Stellungnahmen Türen öffnen. So, wie es etwa Papst Franziskus in Lampedusa getan hat.

Und protestieren?
Ja, aber nicht nur. Was nützt es, wenn ich die Erkenntnis habe und der andere verhungert? Wir sind aufgerufen zu helfen.

Und vom Dasein ins Sein zu kommen ...
Das Sein fragt danach, was man ohne all jenes ist, das man scheint und für das einen die anderen halten. Wie das Ego, ist auch die Zeit eine Illusion. Hölderlin sagte, mir ist nichts lieber, als was alt ist wie die Welt. Ich denke, die Grundthemen des Lebens wie Liebe, Hass und Krieg, Erleuchtung und Erlösung sind immer die gleichen. Und auch die Muster, mit denen man sich befreit. Die Wüstenväter haben nichts anderes gemacht als heutige Aussteiger, die auf der Suche sind. Es gibt für mich nur etwas ­Lohnenswertes: Sein Leben an die Frage nach dem Sinn des Lebens zu verschwenden.

Sie wollen den Leuten die Augen öffnen.
Ich plädiere für die Offenheit und dafür, dass man sich auf die fremde, unbekannte Welt der anderen einlässt. Ob das nun die Welt eines behinderten Kindes ist oder eine metaphysische. Es gibt unendlich viele Daseinsformen. Und doch gibt es nur eine Gegenwart. Diese zu erfahren und zu leben, darum geht es.




Linard Bardill ist einer der bekanntesten Liedermacher der Schweiz. 
Der 57-jährige Bündner ist Vater von fünf Kindern. Der «Liederer», wie sich Bardill selbst bezeichnet, hat Theologie studiert und rasch nach dem Studium die Kanzel mit der Bühne getauscht. Seine Kolumne in der «Coopzeitung» über seinen Sohn, den «kleinen Buddha», spricht Unzählige an.

Tilmann Zuber


Linard Bardill

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