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Gastbeitrag

Dummsein muss man üben

von Anna Näf
min
21.09.2026
Dummsein und dabei beobachtet werden – ein Gefühl, an das man sich nie gewöhnt, findet Pfarrerin Anna Näf in ihrem Gastbeitrag. Warum Gebet dabei hilft, sich selbst mit Nachsicht zu begegnen.

Mein Fahrrad brauchte neue Reifen und ich brauchte etwas Mut, um den Veloladen zu betreten. Schliesslich war es das erste Mal, dass selbst Hand an meinen Göppel anlegen wollte und dafür Zubehör brauchte. Auf die Frage, wie breit die Reifen sein müssten, erwiderte ich:

«Halt einfach für ein normales Velo.»

Während ich kurz darauf nach Hause ging, um die Reifenbreite nachzuschauen, kam ich mir ziemlich dumm vor.

An viele unangenehme Gefühle habe ich mich gewöhnt: Der Schreck, wenn ich mal wieder ein Glas über den Restauranttisch kippe. Oder wenn ich einen Witz mache, aber niemand lacht. Doch an dieses Gefühl werde ich mich nie gewöhnen: Dumm sein und dabei beobachtet werden.

Wenn man den Statistiken glaubt, haben Frauen dieses Gefühl öfter als Männer. Nicht zwingend, weil wir dümmer wären. Uns fehlt wohl eher der Knopf, der Dummheit in Grössenwahn verwandelt.

Niemand fühlt sich gerne dumm. Deshalb gibt es YouTube-Tutorials. Die Wirtschaftsfrau, die – viel zu langsam, aber inhaltlich korrekt – erklärt, wie man ein Haushaltsbudget erstellt, verurteilt mich nicht. Der quasslige Hausmann erklärt mir die Waschsymbole auf den Kleidern auch noch ein drittes Mal, ohne mich schief anzusehen.

Bei ihnen komme ich mir nicht dumm vor. Unangenehm ist es erst dann, wenn mich eine andere Person beim Dummsein erwischt. Und wenn es sich um Dinge handelt, die man eigentlich wissen sollte – in meine Alter, mit einem Universitätsabschluss oder einfach als Wesen mit Gehirn.

Dank meiner Tutorial-Freundinnen habe ich verlernt, dieses Gefühl auszuhalten. Dabei ist es eine wichtige Erfahrung: Ich werde angeschaut, während die eigene Ahnungslosigkeit unübersehbar an mir klebt. Wie Ketchup-Flecken auf einem weissen T-Shirt.

Je weniger ich das aushalten kann, desto stärker versuche ich mich davor zu schützen: Ich fülle Wissenslücken mit Behauptungen und streue Ausreden über meine Unfähigkeit. Und wenn dann doch irgendwann allen im Raum klar wird, dass ich keine Ahnung hab, wie man Bratpfannen korrekt pflegt, kann ich immernoch einen Hirnschlag vortäuschen.

Was ich dank Tutorials verlernt habe, kann ich durch Gebet üben. Wenn ich mich bewusst der göttlichen Gegenwart zuwende, dringt diese in jeden Spalt vor. Sie sieht jede Fehlüberlegung und jedes Versagen. Sie hält ihren liebevollen Blick auf den Fleck gerichtet und lenkt meinen selbstkritischen Blick ebenfalls dorthin, bis wir gemeinsam darüber lachen können.

 

Anna Näf, Pfarrerin und Texterin, arbeitet als Jugendarbeiterin bei der reformierten Kirche und setzt sich aktiv für die Klimabewegung ein. Seit 2021 co-moderiert sie zudem den Podcast «Aufwärts stolpern».

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