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Ecopop-Initiative: «Kondome abwerfen reicht nicht»

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01.01.2016
Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud über die Forderungen der Ecopop-Initiative, warum Dichtestress eine journalistische Erfindung ist und was Entwicklungsarbeit leisten sollte.

Herr Niggli, Sie warnen davor, dass die Ecopop-Initiative einer nachhaltigen Entwicklung im Süden schadet. Warum reden Sie nicht über die Schweiz, wo die Abstimmung doch hier stattfindet?
Die Initiative will unter anderem zehn Prozent des Schweizer Entwicklungsbudgets in so genannte freiwillige Familienplanung stecken, um das globale Bevölkerungswachstum zu dämpfen. Das ist eine aussenpolitische Zielsetzung und betrifft direkt die Hilfswerke und Entwicklungsorganisationen. Deshalb äussern wir uns zur Abstimmung. Wir empfehlen, die Initiative abzulehnen.

Warum stellt sich Alliance Sud im Wesentlichen gegen die Ecopop-Initiative?
Die Initiative schiesst am Ziel vorbei und würde, falls umgesetzt, nicht erreichen, was sie verspricht.

Was meinen Sie damit?
Die Initianten behaupten, aus Sorge um die Umwelt zu handeln. Mit der Begrenzung der Einwanderung in die Schweiz soll unsere Umwelt geschont werden. Die Verteilung von Kondomen und Familienberatungsdienste in Entwicklungsländern sollen das weltweite Bevölkerungswachstum dämpfen, um auch die globale Umwelt zu schützen. Beide Massnahmen würden nicht erreichen, was sie versprechen: Die weltweite, schleichende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen läuft weiter, auch wenn die Schweiz keine Einwanderung mehr hat. Unsere Umwelt wird zur Hauptsache durch globale Phänomene wie den Klimawandel beeinträchtigt.

Verbrauchen mehr Menschen nicht auch mehr Ressourcen?
Die acht Millionen der Schweizer Bevölkerung erwirtschaften ein grösseres Bruttoinlandprodukt als die Gruppe der ärmsten Länder, in denen 850 Millionen Menschen leben. Wir belasten die Umwelt gleich viel oder mehr als die Bevölkerung der ärmsten Länder, obwohl wir hundert Mal weniger Menschen zählen. Wenn die Umwelt global geschont werden soll, ist unser Verbrauch an natürlichen Ressourcen zu verringern und nicht die Bevölkerungszahl. Die Initiative sagt dazu nichts.

Worin sehen Sie die Ursachen für den hohen Bevölkerungszuwachs?
Global ist das Bevölkerungswachstum am Schrumpfen. Es werden immer weniger Menschen neu geboren, auch in Entwicklungsländern. Dass die Weltbevölkerung bis Mitte des Jahrhunderts weiter wächst, ist darauf zurückzuführen, dass die Lebenserwartung auch in armen Ländern stark steigt. Wollte man heute die Weltbevölkerung sofort reduzieren, müsste man schon geborene Menschen vernichten. Das wollen natürlich auch die Ecopop-Initianten nicht. Aber was wollen sie dann? In der Schweiz wächst die Bevölkerung, weil unsere Wirtschaft wächst und weil die offizielle Wirtschaftspolitik seit 25 Jahren die Ansiedlung von ausländischen Unternehmenshauptsitzen betreibt. Wäre die Schweiz wirtschaftlich gleich schlimm dran wie Griechenland, würde die Schweizer Bevölkerung schrumpfen.

Wie stehen Sie zur zunehmenden Bevölkerungsdichte in der Schweiz?
Vor mehr als hundert Jahren war die so genannte Bevölkerungsdichte nur halb so gross. Damals wanderten Menschen aus der Schweiz aus, weil sie bitterarm waren. Unser Wohlbefinden hängt nicht von der «Dichte», sondern von Freundschaften, befriedigender Arbeit und einem gesicherten Einkommen ab.

Faktisch wird es aber doch dichter.
Das Wort Dichtestress, eine journalistische Erfindung, trifft auf Batteriehühnerhaltung und gewisse Schweinefarmen zu. Nicht auf die Menschen in der Schweiz. Wenn die Schweiz etwas gegen die Zubetonierung des Mittellandes tun will, muss sie die Landesplanung vereinheitlichen, die Umzonungsgewinne abschöpfen, sowie den Bodenverschleiss, die Bauspekulation und die Verschandelung der schönsten Landschaften durch Steuerfluchtvillen für in- und ausländische Reiche eindämmen. Das alles bringt Ecopop nicht zur Abstimmung.

Alliance Sud hält fest, man müsse bei der Armut der Leute ansetzen, da die armen Leute viele Kinder bekommen, aus einer wirtschaftlichen Zwangslage heraus.
In armen Ländern mangelt es nicht an Familienberatung und Kondomen, wie die Initianten behaupten. Gross angelegte Befragungen der Weltbank zeigen, dass die vorwiegende Mehrheit der Frauen, die ungewollt schwanger werden, dazu Zugang haben. Aber sie können nicht selber darüber bestimmen, wie viele Kinder sie wollen. Das bestimmen ihre Männer, ihre Familien, ihre gesellschaftliche Umgebung. Gute Entwicklungszusammenarbeit investiert deshalb in die Gesundheit und Bildung der Frauen, verstärkt ihre Erwerbsmöglichkeiten und unterstützt Frauenbewegungen im Kampf um Gleichberechtigung. Schon kleine Fortschritte in diese Richtung bringen die Geburtenraten drastisch zum Sinken. Das tut die Schweiz, das tun wir.

Welche Hoffnungen hegen Sie in Bezug auf die Abstimmung über Ecopop?
Wir hoffen, dass die Initiative abgelehnt wird und unsere gute Entwicklungszusammenarbeit keinen Schaden erleidet. Wir hoffen, dass nicht allzu viele Menschen, die sich um die Umwelt Sorgen machen, auf die Mogelpackung der Initiative hereinfallen.





Alliance Sud ist die Dachorganisation der sechs grossen Hilfswerke in der Schweiz, darunter Heks und Brot für alle.



Zum Bild: Peter Niggli: «In armen Ländern mangelt es nicht an Familienberatung und Kondomen, wie die Initianten behaupten.» | keystone

Von Anna Miller / Kipa

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