Ein Liverpooler Gentleman, der sein Heimatdorf nie vergass
Bevor man die aussergewöhnliche Kirche im Herzen von Kilchberg betritt, geht man über eine Grabplatte. Es ist die letzte Ruhestätte von Johann Jacob Zwilchenbart. Er war Pfarrer im Dorf, bevor er 1799 verstarb. Die heutige Kirche hat er nie betreten. Sie wurde erst im Jahre 1868 fertiggestellt. Der Name seiner Familie allerdings ist untrennbar mit dem Bau dieser Kirche verknüpft.
Die Martinskirche in Kilchberg wurde gestiftet von Pfarrer Zwilchenbarts Sohn Rudolf. Er hatte sich als Kaufmann im englischen Liverpool niedergelassen und dort ein Vermögen verdient. Sein Heimatdorf im Oberbaselbiet hat er nie vergessen. Der Rünenberger Theologe Martin Birmann leitete das Bauprojekt im Auftrag von Zwilchenbart. Als Ständerat und Armeninspektor des Kantons Basel-Landschaft war er eine bekannte Persönlichkeit. Als Architekt engagierte er Paul Reber. Er zählt zu den bedeutendsten Schweizer Kirchenbauern. Die Kilchberger Kirche im neugotischen Stil war seine zweite.
Neue Erkenntnisse
Die Geschichte ist soweit bekannt. Doch nun hat sich die Basler Kunsthistorikerin Doris Huggel in einem Buch intensiv mit den Hintergründen des Kirchenbaus beschäftigt. Ihre Nachforschungen liefern ein lebendiges Bild der Familie Zwilchenbart, insbesondere des Stifters Rudolf. Zudem kommt die Autorin zum Schluss, dass die Kirche in Kilchberg nach dem Vorbild der neugotischen Kirche St. George im englischen Everton erbaut wurde. Sie gilt als «Ikone der englischen Architekturgeschichte». In der Nähe wohnte Rudolf Zwilchenbart mit seiner Familie. Dort habe der Kirchenstifter eine glückliche Zeit verbracht, weiss Doris Huggel.
Die Kirche von Kilchberg hebt sich mit ihrer Entstehung und ihrem ganzen Aussehen von ihren Schwestern im Baselbiet ab und gilt bis heute als etwas Besonderes. Mit dem Entscheid, die Kirche nicht abzubrechen, sondern zu restaurieren, habe die Kirchgemeinde «nicht nur das letzte bedeutende Baudenkmal des neugotischen Kirchenbaus des Kantons gerettet, sondern darüber hinaus ein beispielhaftes Bekenntnis zu einem bislang noch verkannten Architekturstil abgelegt», schreibt die Denkmalpflege Baselland.
Während ihrer Recherchen unternahm Doris Huggel mehrere Reisen nach Liverpool und verfolgte die Spuren der Zwilchenbarts. Auch in Basel ging sie dem Geschlecht, dessen Name heute erloschen ist, nach. «In der überlieferten Geschichte um den Kirchenbau in Kilchberg stiess ich auf Ungereimtheiten und viele offene Fragen», erzählt sie. Das machte sie neugierig. An den Zwilchenbarts faszinierte sie die «typische Aufsteigergeschichte».
Gespür für den Erfolg
Im Mittelpunkt stehen Rudolf und sein Bruder Emanuel Zwilchenbart. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sie in Liverpool eine erfolgreiche internationale Handelsfirma und wurden zu angesehenen Mitgliedern der englischen Gesellschaft. «Sie spürten, dass Liverpool ihnen eine viel versprechende Zukunft bot», sagt Doris Huggel.
Die Suche nach Erklärungen für Rudolf Zwilchenbarts Entschluss, in Kilchberg nicht irgendeine, sondern genau diese Kirche zu stiften, habe sich als zwar schwieriges, aber lohnendes Puzzle gestaltet, meint Doris Huggel. Ihr Buch ist, wie es der Untertitel verspricht, ein vielschichtiger Beitrag zur lokalen Wirtschafts-, Familien- und Architekturgeschichte.
Doris Huggel: «Die Zwilchenbarts in Basel und Liverpool und Der Bau der neugotischen Kirche von Kilchberg, Baselland (18661868)», 256 Seiten, illustriert, 45 Franken, Michael Imhof Verlag
Leserführung
Die Leserinnen und Leser des Kirchenboten sind eingeladen zu einer Führung durch die Kilchberger Kirche mit Doris Huggel: Samstag, 10. März, 10 Uhr, Eingang Kirche. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, Anmeldung bis 8. März: Tel. 061 205 00 20 oder sekretariat@kirchenbote.ch. Anreise: Zug ab Basel 9.17 Uhr oder 9.01 bis Gelterkinden; Bus ab Gelterkinden 9.40 bis Kilchberg Gemeindehaus. Rückfahrt: Bus ab Kilchberg 12.01, Zug ab Gelterkinden bis Basel 12.22 oder 12.27. Doris Huggel bietet ausserdem eine Reise «auf Basler Spuren» nach Liverpool an:
www.dorishuggel.ch
Karin Müller
Links:
www.dorishuggel.ch
Rudolf Zwilchenbart
Ein Liverpooler Gentleman, der sein Heimatdorf nie vergass