Eine Bank geht auf Reisen
«Setz dich doch! Vor rund 150 Jahren hat man mich liebevoll gezimmert, geschnitzt und geschliffen. Ich durfte einen Platz in der wunderschönen Dorfkirche St. Arbogast einnehmen … Bevor ich dort wieder einen Platz einnehme, darf ich in Muttenz auf Reisen gehen und allen meine Geschichte erzählen.» Mit diesen Worten stellt sich eine alte Kirchenbank den Menschen vor. Es handelt sich dabei nicht um irgendeine Bank. Nein, diese Bank stand fast hundert Jahre in der Kirche St. Arbogast. Sie war dabei, wenn Menschen beteten, wenn sie sangen, Geschichten erzählten, trauerten und Feste feierten. Im Zuge von Renovationsarbeiten wurde sie vor 50 Jahren verkauft. Nun wurde sie an die Kirchgemeinde zurückgegeben. Ab Oktober soll die Bank an verschiedenen öffentlich zugänglichen Orten in Muttenz Station machen, die Menschen zum Innehalten anregen und ihre Geschichte erzählen. Was hat eine Kirchenbank aus dem Jahr 1880 uns heute zu sagen?
Eine Bank mit langer Geschichte
Als Gemeindepfarrerin Sara Stöcklin letztes Jahr von einer Familie erfuhr, die seit Generationen eine alte, verstaubte Kirchenbank bei sich im Schopf stehen hatte und sie nun zurückgeben wolle, wurde sie hellhörig. «Ich brachte die Idee ein, die Bank auf Reisen zu schicken», erinnert sich Stöcklin. Ähnliche Konzepte, darunter das «Plauderbänkli», werden bereits in anderen Gemeinden umgesetzt.
Die alte Kirchenbank von Muttenz ist mehr als nur eine Einladung, sich zu setzen. Sie trägt die Geschichte eines ganzen Ortes in sich. Nur: Diese Geschichte in Erfahrung zu bringen, war gar nicht so einfach. Sara Stöcklin recherchierte gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Synodalen Dieter Hofer, der sich bereits zuvor intensiv mit der Baugeschichte der Kirche St. Arbogast auseinandergesetzt hatte. Mit der Renovationen 1975 wurden sämtliche Kirchenbänke ausgetauscht. Die ausrangierten Bänke wurden für 80 Franken an die Bevölkerung verkauft.
Diese Bank musste also älter sein. Das bestätigte auch ein Kunsthistoriker: Die neugotische Seitenwange sei typisch für das Ende des 19. Jahrhunderts. Sie war also im Zuge einer früheren Renovation, 1880, in die Kirche eingezogen.
Eine Bank verbindet Menschen über Generationen
«Viele Urgrosseltern sind vielleicht schon auf dieser Bank gesessen», mutmasst Sara Stöcklin. «Die Kirche verbindet Menschen nicht nur über Kontinente und Gesellschaftsschichten miteinander, sondern auch über viele Generationen.» Der Schauspieler Danny Wehrmüller hat die Geschichte der Bank eingesprochen. Über einen QR-Code kann man sich die dreiminütige Erzählung anhören und sich so mit der Geschichte der Bank – und womöglich der eigenen Vorfahren – verbinden.
Die erste Station der Bank ist das Einwohneramt Muttenz. Danach wird sie über die kommenden Monate ihren Standort regelmässig wechseln. So wird sie ab Januar in der Viva-Kirche und ab Mai in der Bibliothek Muttenz stehen. Weitere Orte könnten folgen. Nach ihrer Reise durch Muttenz wird die Bank, um viele neue Begegnungen und Geschichten reicher, an ihren neuen, dauerhaften Platz in der Dorfkirche St. Arbogast oder den angrenzenden Gebäuden zurückkehren.
Einladung zum Innehalten
Ganz werde die alte Kirchenbank in der Kirche St. Arbogast jedoch nicht wieder einziehen. «Es ist eine sehr schöne Bank», sagt Sara Stöcklin, «aber wegen ihrer steilen Lehne auch eine eher unbequeme.» Die Bänke von St. Arbogast haben jüngst sogar Kissen erhalten. So bequem hatten es unsere Urgrosseltern im 19. Jahrhundert nicht!
Trotz der steilen Lehne der alten Bank hofft Sara Stöcklin, dass Menschen auf ihr verweilen werden: zum Meditieren, Beten, Singen, gemeinsamen Plaudern und vor allem, um Momente der Ruhe zu finden. All das finden Menschen seit jeher in der Kirche selbst. Mit der Kirchenbank zieht die Kirche aus, um mitten unter den Menschen zu sein.
«Ich hoffe, dass noch viele Menschen auf mir sitzen werden», sagt die Bank in ihrer kleinen Erzählung, «denn dafür wurde ich gemacht: Menschen die Gelegenheit zu geben, den Alltag zu unterbrechen, inspirierende Worte und Musik zu hören – in der Kirche und genauso ausserhalb der Kirche!»
Eine Bank geht auf Reisen