«Zu viel für die Sozialhilfe und zu wenig zum Überleben»
Dreieinhalbtausend Bewerbungen hat Heinz in den letzten elf Jahren verschickt. Eine Arbeitsstelle hat er nicht gefunden. Für ihn und seine Frau Manuela, die wie er krankheitsbedingt von der IV abhängig ist, bedeutet das ein Leben in Armut. «Das Sozialamt unterstützt uns zwar», sagt Heinz, «aber zum Überleben reicht es nicht.» Letzten Monat war nicht genügend Geld für das U-Abo übrig. Statt das Tram zu nehmen, ist er darum zu Fuss nach Weil am Rhein gegangen, um dort günstiger einzukaufen.
So wie Heinz und Manuela geht es rund 16‘00 Armutsbetroffenen (6,1 Prozent der Bevölkerung) im Baselbiet (Stand 2019). «Armut ist in Allschwil nicht sichtbar», sagt Elke Hofheinz, Pfarrerin der Kirchgemeinde Allschwil-Schönenbuch. «Niemand läuft hier in Sack und Asche herum.»
Vor 35 Jahren wurde die ökumenische Arbeitsgruppe «Versteckte Armut Allschwil und Schönenbuch» (VAAS) gegründet, um Menschen in Not direkt und unbürokratisch zu unterstützen. Die Arbeitsgruppe arbeitet eng mit staatlichen und kantonalen Institutionen zusammen und bietet eine wichtige Ergänzung zu deren Leistungen. «Die Pfarrämter waren immer schon ein gutes Tor, um zu den Menschen zu kommen», sagt Hofheinz. «Da erfahren wir, wenn jemand eine neue Brille braucht oder ein Kind nicht mit ins Schullager fahren kann.»
Wenig Zeit für Begleitung
Bei ihrer Gründung 1991 hatte die VAAS vor allem zum Ziel, die Bevölkerung zu sensibilisieren und auf die Armut aufmerksam zu machen. Viele Armutsbetroffene gehören zu den Working Poor, die trotz Arbeitsstelle nicht genug verdienen. Zudem sollten sowohl Kontakte zu wie auch zwischen den Armutsbetroffenen geknüpft werden.
Uns begegnen sehr viele Menschen, die irgendwie zwischen dem System stehen.
Insgesamt acht Freiwillige zwischen 31 und 77 Jahren bearbeiten heute die Gesuche, die eintreffen. Dabei geht es, anders als etwa bei der Sozialhilfe, nicht um eine langfristige Unterstützung, sondern um punktuelle Hilfeleistungen. Die Freiwilligen überprüfen auch, ob die Betroffenen alle Angebote erhalten, die ihnen zustehen. «Manche von ihnen wissen gar nicht, dass sie Anspruch auf Ergänzungsleistungen oder eine Mietzinsreduktion hätten», sagt Eveline Beroud, Sozialarbeiterin bei der römisch-katholischen Kirche Allschwil-Schönenbuch. Das kantonale Armutsmonitoring geht davon aus, dass über 37 Prozent der Menschen trotz Anspruch keine Sozialhilfe beziehen.
Zahl der Bedürftigen hat zugenommen
Die VAAS wird von den drei Landeskirchen getragen. Elke Hofheinz ist über die reformierte, Eveline Beroud über die römisch-katholische Kirche angestellt. Die Co-Leitung der Arbeitsgruppe ist Teil ihres Pensums. Geld generiert die VAAS über Spenden.
«Uns begegnen sehr viele Menschen, die irgendwie zwischen dem System stehen», stellt Beroud fest. «Sie verdienen zu viel für die Sozialhilfe und zu wenig zum Überleben.» Die Zahl der bedürftigen Menschen habe in den letzten Jahren zugenommen. Das liege einerseits am Bevölkerungswachstum, andererseits aber auch am Anstieg der Lebenshaltungskosten. «Vor 30 Jahren betrug die Miete für eine Familienwohnung vielleicht 700 Franken», sagt Beroud. «Heute ist sie mindestens doppelt so hoch.»
Als Kirche müssen wir Haltung zeigen und deutlich machen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.
Mehr Gesuche bedeutet, dass die Zeit für den persönlichen Kontakt oft fehlt. «Früher konnte man einfach mal etwas Gutes tun und sich spontan bei einer alleinerziehenden Mutter melden, um zu fragen, was sie gerade braucht», sagt Elke Hofheinz. «Heute kommt mir die Arbeitsgruppe oft mehr wie eine Verwaltung vor.» Ihr sei wichtig, die Menschen nicht nur mit Geldbeträgen zu unterstützen, sondern ihnen begleitend beizustehen. «Dass das heute kaum mehr möglich ist, ist für mich eine Fehlentwicklung.»
Armut bedeutet Vereinsamung
Mit Einsamkeit kennen sich Heinz und Manuela nur zu gut aus. «Früher sind wir ab und zu auswärts essen gegangen», erinnert sich Manuela. Aber es ist nicht das einzige, das ihnen fehlt: «Seit wir in die Armut gerutscht sind, haben sich alle Freunde von uns entfernt», sagt Heinz. «Wir können am Leben nicht mehr teilnehmen.»
Für Elke Hofheinz ist Armut eine Verletzung der Menschenwürde. «Das Evangelium gilt für alle», sagt sie. «Als Kirche müssen wir Haltung zeigen und deutlich machen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.»
«Zu viel für die Sozialhilfe und zu wenig zum Überleben»