«Er hat mich ganz nah zu sich gezogen»
Die onkologische Praxis liegt direkt am Rhein. Irma Schneider kennt den Blick aus der grossen Fensterfront im zweiten Stock auf den Fluss sehr gut. Dort auf der zweiten Etage stehen die Behandlungsstühle für Patienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen. Schneider hat oft auf einem davon gesessen und dem Fliessen des Wassers zugeschaut. Diesmal wird es dreieinhalb Stunden dauern, bis die Medikamente in ihre Vene getropft sind. Medikamente, die den Tumor in ihrer Lunge bekämpfen sollen. Es ist die sechste Chemotherapie in den vergangenen 18 Jahren zwischen Hoffen und Bangen.
Alles begann im Jahr 1984, als ihr Mann, Hansjörg Schneider, an Kehlkopfkrebs erkrankte. «Vor uns tat sich eine Grube auf,» erzählt Irma Schneider, «wir wussten nicht, wie alles weitergehen soll.» Das Ehepaar unterhielt ein Lebensmittelgeschäft in Schaffhausen. Bei ihnen arbeitete eine Verkäuferin, die einen starken Glauben hatte. «Durch die Gespräche mit ihr habe ich den Weg zu Gott gefunden», sagt Irma Schneider. Sie schöpfte Kraft aus dem Glauben, dass Gott ihre Wege lenkt. Hansjörg Schneider büsste bei der notwendigen Kehlkopfoperation die Stimme ein. Trotzdem gelang es dem Ehepaar, das Geschäft am Laufen zu halten.
«Wenn wir zwei Jahre erreichen, ist das ein grosses Geschenk»
Dreizehn Jahre später tat sich die Grube erneut vor ihnen auf. Die Ärzte diagnostizierten bei Irma Schneider einen aggressiven Brustkrebs. Die Krebszellen hatten sich über die Lymphknoten bereits in den Körper eingeschleust. Die Lebenserwartung schien gering. «Mein Arzt sagte mir damals: Wenn wir zwei Jahre erreichen, ist das ein grosses Geschenk», erzählt Irma Schneider. Zu diesem Zeitpunkt war sie 61 Jahre alt. Es folgten eine Brustamputation, Bestrahlungen, Langzeit-Chemotherapie. Die Frage nach dem «Warum» war brennend. «Ich fragte Gott immer wieder, warum uns das passiert», erinnert sich Irma Schneider. «Manchmal sah ich den Krebs sogar als Strafe für Fehler in meinem Leben. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Doch damals belasteten mich solche Fragen sehr.» Auf das grosse «Warum» fand sie zunächst keine Antwort.
Das änderte sich erst, als sie in ihrem Onkologen Hannes Michel einen Menschen erkannte, der ihren Glauben an Gott teilt. Für Irma Schneider war das die Antwort auf ihre Fragen. Sie ist überzeugt: «Gott hat mir einen Arzt an die Seite gestellt, der mich auch im Glauben begleitet. Das ist für mich ein deutliches Zeichen von Gottes Nähe in meinem Leben.»
«Ich fühlte mich trotz Rückschlägen behütet»
Für Irma Schneider ist der Onkologe zu einem vertrauten Begleiter geworden. Die Praxis am Rhein sei für sie ein Ort der inneren Ruhe «Ich fühle mich aufgehoben, wenn ich diese Räume betrete.» Dabei hat sie hier viele schmerzliche Momente erlebt. Momente der Todesangst, wenn sie erfuhr, dass der Krebs weiter fortgeschritten war. Zuerst zeigten sich die Metastasen in den Knochen, in den Oberarmen, an den Leisten, im Becken.
Vor vier Jahren gelangte der Krebs über das Brustfell in die Lungen. Mehrere Male dachte sie, das Ende sei nah. Dann wieder gab es gute Nachrichten, die Therapie habe angeschlagen. Das war immer ein grosses Geschenk. «Ich fühlte mich trotz aller Rückschläge behütet», sagt Irma Schneider. Sie war nicht bereit, kampflos aufzugeben. «Ich stelle mir den Krebs als Kraken vor mit vielen Tentakeln», erzählt Irma Schneider. «Und die Chemotherapie als Armee von Drachentötern, die den Kraken vernichtet.» Die fünf Langzeit-Chemotherapien haben sie oft an den Rand des Erträglichen gebracht. «Immer wieder das Haar zu verlieren wurde mit der Zeit die leichteste Übung», erzählt die Patientin. Als besonders schlimm empfand sie die Kraftlosigkeit, kein Gefühl mehr zu haben in Händen und Füssen und die entzündeten Schleimhäute in der Mundhöhle, die essen fast unmöglich machen.
Über lange Zeiträume war Irma Schneider an ihre Wohnung gefesselt. Das Geschäft musste das Ehepaar bereits in der ersten Krankheitsphase aufgeben. Später folgte der Umzug aus dem eigenen Haus in eine kleine Mietwohnung. Im neuen Quartier fand Irma Schneider in der reformierten Kirchgemeinde Anschluss. «In dieser Gemeinde habe ich eine innere Heimat gefunden», erzählt sie.
Hansjörg Schneider hat seine Frau über all die Jahre liebevoll begleitet. Er bewundert ihre Stärke: «Meine Frau ist eine Kämpfernatur.» Das gebe auch ihm Kraft, die Freude am Leben zu bewahren. Auch Irma Schneider nennt Momente, in denen das Leben besonders spürbar ist. «Wenn mir auf unserem Balkon die Sonne auf die Nase scheint und ich den Lauf der Natur beobachte, fühle ich mich sehr lebendig.» Sie betont ihre besondere Liebe zu Tieren. «Unsere Katze und die Hündin unserer Tochter stecken mich immer wieder mit ihrer Lebensfreude an. Dann vergesse ich, dass ich krank bin.»
Wann immer möglich, besucht die heute 78-Jährige die Gottesdienste. In besonders guten Phasen konnte sie früher sogar in Freiwilligenteams mitarbeiten und in die Seniorenferien fahren. Das war dann möglich, wenn sich die Drachentöter erfolgreich schlugen. Sie brachten die Krankheit nicht zum Verschwinden. Aber es gelang ihnen mehrmals, sie für eine Zeit ruhigzustellen. «Mir braucht niemand zu sagen, dass ich geheilt werde, denn das passiert nicht», sagt Irma Schneider. Aber das Wort «stabil» sei für sie sehr wichtig geworden. «Ich bin dankbar, wenn ich höre, dass mein Zustand stabil ist.»
Es gab Momente, in denen sie aufgeben wollte. Einer davon war vor ein paar Wochen, als sie den Bericht erhielt, dass der Lungentumor gewachsen sei. Wenig später kam eine Lungenentzündung dazu. Da habe sie über Exit nachgedacht. Wie es wäre, den Kampf aufzugeben, sich fallen zu lassen. Doch das habe sich nicht stimmig angefühlt. «Ich habe erkannt, dass das nicht mein Weg ist. Ich habe mein Leben in den vergangenen 18 Jahren immer wieder neu geschenkt bekommen. Ich will es tragen bis am Schluss, so wie Jesus unsere Lasten getragen hat.»
In Schneiders Gedanken ist die Krankheit immer präsent. «Besonders in Phasen, in denen ich viel liegen muss, denke ich intensiv an den Krebs und an das Sterben», sagt sie. Manchmal würde sie weinen. Auch das gehöre zum Leben. Genau wie das Sterben. Angst vor dem Tod habe sie nicht. Nur vor der Art des Sterbens. «Ich hoffe, dass ich einmal ruhig einschlafen darf ohne Qualen.» Sie glaubt an ein Leben nach dem Tod. An ein Geborgensein in Gott. «Ich glaube, dass wir liebevoll erwartet werden. Es wird ein Heimkehren sein.»
Trotz allem Leid sieht Irma Schneider noch viel Schönes in ihrem Leben. «Meine Familie, unsere Tiere, Menschen, die mir wichtig sind, das alles gibt mir sehr viel Kraft und Freude.» Sie habe für vieles zu danken. «Am Morgen danke ich für die Nacht, die hinter mir liegt. Am Abend für den vergangenen Tag.» Sie rede mit Gott wie mit einem Freund, der immer da ist. Auch ihren Humor hat sie nie verloren. «Es wird ja nichts besser durch Trübsalblasen.» Sie könne noch über sich selber lachen und scherze gerne mit anderen.
Auf die Frage, was ihr am meisten geholfen hat zu überleben, sagt sie, dass sie das Gottvertrauen nie verloren habe. «Da ist einer, der für uns schaut. Er hat mich immer näher zu sich gezogen.» Wichtig sei, die Offenheit gegenüber dem Leben zu bewahren und zu vertrauen, dass das, was kommt, richtig sei. Eine sechste Chemotherapie habe sie sich zwar nicht gewünscht. Aber nun gelte es, diese Chance zu nutzen und einmal mehr das Beste aus der Situation zu machen. Sie wünscht sich noch ein wenig Zeit. Um Beziehungen zu pflegen. Innerhalb der Familie. Zu Freunden. Zu Gott. «Nichts ist wichtiger als das, was von Herzen kommt.»
Zum Bild: Irma Schneider und Hannes Michel, ihr Arzt: «Ich stelle mir den Krebs als Kraken vor mit vielen Tentakeln.» | Schlatter
Adriana Schneider
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