Er steht am liebsten hinter der Kamera
Ady Ryf hat fast 15 Jahre in den USA gelebt, in Santa Monica bei L.A. Er ist um die Welt geflogen, hat für grosse Marken und Formate gearbeitet, war auf Sets mit Hunderten von Leuten und hat Projekte begleitet, von denen viele nur träumen. Und trotzdem steht er am liebsten hinter der Kamera. Ruhm ist für ihn «die grösste Plage».
Ryf ist 55, aufgewachsen in Selzach im Kanton Solothurn. Als jungen Mann zog es ihn ins Berner Oberland. Dort kamen auch seine drei Töchter zur Welt. Seit Januar letzten Jahres ist er wieder zurück in der Schweiz. Heute arbeitet er bei CH Media, bei GRIPS, und ist damit auch für Tele 1 tätig. Unter anderem hat er im vergangenen Jahr den ökumenischen Weihnachts-Fernsehgottesdienst für die drei Landeskirchen realisiert.
Lieber Comics als Lesen
Dass er einmal Geschichten mit Bildern erzählen würde, wusste Ryf früh. «Ich hatte immer Mühe in der Schule», sagt er. Lesen sei nicht seine Welt gewesen; dafür habe er Comicbücher verschlungen und Zeichentrickfilme geliebt. «Da ist mir relativ schnell klar geworden, dass ich etwas mit Bildern machen will, wo ich nicht tausend Seiten lesen muss.» Es ist eine dieser selbstironischen Bemerkungen, die bei ihm immer wieder auftauchen.
Der Weg in die Branche führte über den Sport. Ryf machte die Prüfung zum Ski- und Snowboardlehrer und war lange professionell als Snowboarder unterwegs. «Wenn man älter wird, kann man nicht mehr so weit springen», sagt er trocken. «Dann nimmt man halt die Kamera, filmt die Jüngeren.» Aus dem Hobby wurde ein Beruf: Werbung, Bergproduktionen, Schnee, Outdoor. Er drehte viele Filme in den Alpen – Ricola, Heidi-Migros und «das ganze Zeug». Und er baute eine Firma auf, die Serviceproduktionen übernahm, wenn internationale Teams in die Schweiz kamen. «Wenn ein James Bond kam, musste eine Schweizer Firma das Administrative übernehmen.» Ryf arbeitete bei grossen Projekten, unter anderem bei den Schneeaufnahmen von James Bond. Dass es dafür damals kaum formale Ausbildungen gab, sieht er heute als Glücksfall: «Ich musste mir alles selbst beibringen, alles selbst machen.»
Authentische Schweiz
Der Sprung in die US-Fernsehwelt kam über einen Auftrag: Eine Episode der Reality-Competition-Show «The Amazing Race» wurde in der Schweiz produziert – Ryf war dabei. Weil er dank seiner Frau eine Greencard hatte, fragte man ihn nach der Produktion direkt an. Aus «ein, zwei Staffeln» wurden 28 und dreizehn Jahre. Sechsmal pro Jahr ging es auf Reisen, rund um den Globus. Er war in Indonesien und Afrika, in Patagonien und Alaska, in Wüsten und in Bergen. Für «National Geographic» leitete er Expeditionen, anderswo war er Teamleiter oder Produzent. Mit den Titeln nimmt er es nicht so genau: «Am Schluss habe ich immer eine Kamera in der Hand und bin am Filmen.» Nah am Menschen.
Nach 15 Jahren Hollywood schätzt er heute zurück in der Schweiz umso mehr das Unaufgeregte. Hier, sagt er, seien Geschichten «mega authentisch». Wenn man in Amerika eine Kamera aufstelle, hätten viele sofort «das perfekte Lächeln». Bei uns müsse man beim Bergbauern manchmal «die Wörter rauschnübbeln» – aber wenn das Eis breche, entstünden starke, echte Erzählungen. «Es ist niemand überschminkt. Sie sind einfach so, wie sie sind.» Der Wechsel zu CH Media und den regionalen Sendern gefällt ihm: «Wir machen alles selbst. Ich schreibe das Drehbuch, ich gehe filmen, und dann schneide ich es.»
Und der Glaube? Ryf ist reformiert – «ich habe gerade die Steuern bezahlt», sagt er lachend. Seine Frau, Amerikanerin aus dem Süden, sei deutlich traditioneller: Vor dem Essen werde gebetet. Er selbst geht «gleich wenig» in die Kirche wie früher. Seine Spiritualität findet er eher draussen: «Berge und Wälder, das ist dort, wo ich auftanke.» Er glaubt an Gott, aber er ringt mit dem, was Menschen aus Religion machen: Prachtbauten neben Armut, Kriege im Namen des Glaubens. «Wir Reformierten sind die Einfachsten», sagt er – und man spürt, dass er diese Schlichtheit schätzt: weniger Prunk, mehr Haltung.
Umzingelt von Grizzlies
Auf seinen Reisen hat er eine Art Grundvertrauen gelernt. «Es gibt viel mehr gute Menschen, als man denkt.» Unterschiede in Religion oder Herkunft würden im Alltag oft kleiner, als es die Schlagzeilen suggerierten. Diese Erfahrung hat ihn geprägt: Er war dort, wo es brannte, wo Erdbeben waren, wo Tränengas und Schüsse eine Stadt eskalieren liessen. Man müsse sich abgrenzen, sagt er. Aber am Ende bleibe bei ihm das Lustige, das Leichte.
Eine Geschichte aus Alaska: Ryf wird mit Motorsäge auf einer Insel abgesetzt, um eine Landebahn freizuschneiden. Plötzlich steht er inmitten von Grizzlies. Er macht weiter, macht Lärm – und hofft. Später sagt ihm der Pilot, zum Glück habe er ein Gewehr dabei gehabt. Ryf: «Welches Gewehr?» – Das Gewehr lag im Flieger.
Ady Ryf könnte über diese Jahre ein Buch schreiben. Aber die Bühne ist nicht sein Ort. Fünfmal war er für die Emmies nominiert. Mit dem Wunsch, möglichst schnell wieder zu verschwinden. Das Entscheidende findet für ihn nicht im Rampenlicht statt, sondern im Moment, in dem jemand seine Geschichte erzählt und er sie mit der Kamera einfängt.
Er steht am liebsten hinter der Kamera