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«Es steht ausser Frage, dass nur die Einheit eine Zukunft hat»

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01.01.2016
Ökumenisches Gipfeltreffen: Für Felix Gmür, Bischof des Bistums Basel, und Gottfried Locher, Ratspräsident des Kirchenbundes, ist die Ökumene überholt. Sie fragen lieber nach der Einheit.

Michael Bangert: Bischof Felix und Ratspräsident Locher, was waren Ihre ersten ökumenischen Erfahrungen?
Gottfried Locher: Bis zu meinem ersten Pfarramt an der Schweizer Kirche in London hatte ich kaum ökumenische Erfahrungen. In England kam ich mit der anglikanischen Kirche in Kontakt. Diese Kirche steht zwischen der protestantischen und der katholischen. Sie hat Bischöfe und eine wunderbare Liturgie. Doch die Bischöfe sind verheiratet. Und ihre Liturgie beinhaltet einen grossen Predigtteil. England wurde für mich zum Schlüssel der Ökumene.
Felix Gmür: In meiner Schule gab es keine reformierten Kinder. Später war ein Mädchen in der Parallelklasse des Gymnasiums in Luzern protestantisch. Die wichtigste ökumenische Erfahrung machte ich im Militär. Im Dienst ist es gleichgültig, ob man protestantisch oder katholisch ist. Man ist Soldat. In der Feldpredigerschule waren die Reformierten mit den Katholiken zusammen und feierten gemeinsam Gottesdienst. Das Zusammenleben zwischen Protestanten und Katholiken erlebte ich unglaublich unkompliziert.

Was empfinden Sie beim Stichwort Ökumene?
Gmür: Wenn ich an «Ökumene» denke, dann sehe ich einen Haufen Papiere und Kommissionen an Kongressen.

Das klingt unangenehm?
Gmür: Vielleicht bin ich verbildet. Wenn ich jedoch eine reformierte Kirche besuche und dort bete, so habe ich das Gefühl, in einer Kirche Gottes zu sein. Nur verbinde ich das nicht mit Ökumene.
Locher: Mir geht es gleich. Wenn ich «Ökumene» höre, denke ich an Vorlesungen und Kommissionen. Ich habe mir das Wort «Ökumene» abgewöhnt, denn damit schwingt die Bedeutung einer Aussenbeziehung mit. So sollte man den Begriff nicht brauchen. Bei Ökumene geht es um die Einheit der Kirchen. Ein Begriff, der mir inzwischen näher liegt als «Ökumene». Die Theologen-Ökumene macht das Verhältnis zur Schwesterkirche zur Aussenbeziehung, die man nebenbei pflegt. Doch Kirche sein muss man gemeinsam angehen.

Sind Sie hoffnungsvoll im Bezug auf die Ökumene in der Schweiz?
Gmür: Die Ökumene findet ja nicht nur in der Schweiz statt. Sie ist etwas grösser.

Weichen Sie jetzt bitte nicht auf Afrika aus! Wenn es um die Frage der Ökumene geht, führen die Katholiken stets die weltweite Kirche ins Feld. Ich frage nach der Schweiz.
Gmür: Auch in der Schweiz gibt es verschiedene Partner in der Ökumene. Das Bewusstsein, dass wir alle eine Einheit sind, sollte nicht nur die Reformierten und Katholiken betreffen, sondern auch die Orthodoxen und Freikirchen.

Herr Locher, stimmt Sie die Entwicklung der Ökumene in der Schweiz hoffnungsvoll?
Locher: Die klassische Ökumene der gemeinsamen Papiere und Kommissionen hat alleine keine Zukunft. Wir sind in den Kernfragen nicht weitergekommen. Bis heute gibt es keine Annäherung bei der Eucharistie und den Priestern. Das ist für viele, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren daran gearbeitet haben, enorm frustrierend. Wenn wir hoffnungsvoll in die Zukunft gehen wollen, müssen wir zuerst die Realität akzeptieren.

Sie haben resigniert?
Locher: Keineswegs. Es steht ausser Frage, dass nur die Einheit eine Zukunft hat. Den Leib Christi kann man nur als Eins denken. Die Frage lautet jedoch: Braucht es nicht neue Wege? Man kann nicht ständig gegen etwas Unveränderliches anrennen, sondern muss ausweichen und sich auf das Gemeinsame beziehen. Auf das Stundengebet etwa, das man in den Klöstern pflegt.
Gmür: Zugegeben. Die traditionelle Vorgehensweise in der Ökumene ist mühsam. Dass sie zum Erfolg führen kann, zeigt das Dokument der gemeinsamen Anerkennung der Taufe. Die Übereinkunft bildet für alle Konfessionen einen Meilenstein. Darum kann man nicht behaupten, in den Grundfragen des Glaubens sei man sich nicht immer einig.

Manche Soziologen gehen davon aus, dass die kirchlichen Systeme konsensunfähig sind. Ist die römisch-katholische Kirche ökumenisch impotent?
Gmür: Ökumene ist eigentlich ein Schuldeingeständnis. Wir alle, Christinnen und Christen, sind schuldig, dass wir nicht eins sind. Deshalb brauchen wir ja die Ökumene. Die von Ihnen angesprochene Unfähigkeit beruht auf einer soziologischen Sicht. Für das Gespräch zwischen den Kirchen brauchen wir eine Sichtweise des Glaubens. Wir müssen den Konsens bei der Auslegung der Evangelien suchen. Wir können diesen Konsens nicht herstellen und erzwingen. Den macht letztendlich Gott. Doch wir sollten auf die Spuren achten, die uns Gott legt.

Was meinen Sie konkret?
Gmür: Wir sollen das, was wir in der anderen Kirche gut finden, aufnehmen. Wenn ich beispielsweise predige, dann gehe ich von der Bibel aus und nicht von anderen Schriften. Das Alte und Neue Testament sind für mich grundlegend. Das habe ich von der Reformation gelernt.

Herr Locher, Reformierte erwecken den Eindruck, sie seien tolerant. Doch das sind sie nicht. Gerade wenn man auf die Verfolgung der Täufer blickt.
Locher: Es macht wenig Sinn zu schauen, welche Kirche konsensfähiger sei. Kirche entsteht, wenn sich zwei oder drei im Namen Christi versammeln. Das tut jeder Hauskreis, jede Kirchgemeinde und auch wir, wenn sich der Bischof und der SEK-Präsident treffen. Der Wille nach Einheit ist in allen Konfessionen ausgewiesen. Und die Anstrengungen der Schweizer Kirchen, zusammen Wege zu suchen, sind weltweit einmalig.

Zum Konkreten: Wie sieht der Konsens bei der Eucharistiefeier aus? Kann ein Reformierter an einer katholischen Eucharistiefeier teilnehmen?
Gmür: Alle können zur Eucharistiefeier kommen, dabei sein und beten.

Können Reformierte das eucharistische Brot empfangen?
Gmür: Sie können nach vorne kommen.

Also tricksen?
Gmür: Die Frage lautet doch, welches Zeichen setzt die Teilnahme an der Eucharistie? Wenn jemand kommuniziert, dann geschieht dies als Ausdruck seines Glaubens und seiner Hoffnung. Nach katholischem Verständnis bedeutet dies, dass ich nicht nur Jesus nachfolge und den lebendigen Leib erhalte, sondern dass ich zu dieser Kirche gehöre und ich mich mit ihr identifiziere. Deshalb ist es nicht sinnvoll, dass alle kommunizieren.

Herr Locher, würden Sie an der Eucharistiefeier teilnehmen?
Locher: Es wäre ein unfreundlicher Akt von mir als Ratspräsident. Ich habe kein Interesse, hier ein Exempel zu statuieren, wenn mir die katholische Kirche doch erklärt hat, wo für sie die Unterschiede liegen. Solange sich die Auffassung über das Abendmahl und die Eucharistie so unterscheiden, dürfen wir nicht tricksen.

Bischof Gmür, würden Sie zum Abendmahl gehen?
Gmür: Nein, das würde ich nicht machen.

In den Altersheimen gibt es eine besondere Form der Ökumene, die tagtäglich geschieht: Katholiken nehmen am Abendmahl und Reformierte an der Eucharistie teil? Warum nimmt daran niemand Anstoss?
Gmür: Das Beispiel von Roger Schütz zeigt, dass es letztendlich der Entscheid von jedem Einzelnen ist, ob er kommunizieren will. Das geschieht in den Altersheimen, ohne dass dies jemand an die grosse Glocke hängt. Papst Franziskus erklärte, wir können manchmal in der Ökumene nicht darauf warten, was die Theologen entscheiden, denn dann sind die Betagten inzwischen verstorben.

Bei alten Menschen ist möglich, was anderen verwehrt bleibt?
Gmür: Letztlich ist jeder selber dafür verantwortlich, ob er daran teilnimmt.

Wie könnte eine Frömmigkeit aussehen, welche die Einheit der Kirchen im Blick hat?
Locher: Beispielsweise wie das Stundengebet. Das Stundengebet ist eine Lebenshaltung, das den Tag, die Woche und schliesslich das ganze Leben gliedert und einen anderen Zugang zum Leben erschliesst. Ich habe diese Spiritualität verdankensweise bei den Benediktinern kennengelernt. Das Stundengebet würde uns in einer neuen Form verbinden.
Gmür: Das unterstütze ich. Beten ist ökumenisch, weil das Ziel die Einheit zwischen Gott und den Menschen ist. Wenn wir beten, dann gehen wir in die gleiche Richtung. Neben dem Gebet gibt es in unseren Kirchen einen riesigen gemeinsamen spirituellen Schatz. Auch in der Nachfolge Christi kommen wir uns sehr nahe. Werden Christen heute verfolgt, vertrieben und ermordet, fragt niemand danach, ob diese katholisch, reformiert oder orthodox sind.

Der Heidelberger Theologe Klaus Berger behauptet, es braucht für die Ökumene eine gegenseitige Unterwerfung. Wären Sie zu einem Akt der Demut bereit?
Gmür: Ich finde Unterwerfung nie gut. Das ist ein Bild aus dem Tierreich, in dem ein Hund sich vor dem anderen auf den Rücken legt. Meine Demut zeigt sich, wenn ich mich bemühe, das, was ich in meiner reformierten Schwesterkirche gut finde, in mein christliches Leben zu integrieren.
Locher: Das Bild von der Unterwerfung ist völlig falsch. Wir sollten uns als Kirche nicht gegenseitig unterwerfen.

Zwingen die Kirchenaustritte und die fehlenden Gelder die Volkskirchen in der Zukunft nicht zur Fusion?
Gmür: Einheit ist keine Fusion. Eine Fusion bringt nicht die Lösung.
Locher: Ein Blick auf die letzten 2000 Jahre zeigt, dass Katholiken und Reformierte drei Viertel ihrer Geschichte zusammen waren. Wir gehen erst seit dem 16. Jahrhundert eigene Wege, die inzwischen gar nicht mehr so getrennt sind. Es ist auch eine Frage der Zeit, bis die Einheit kommt. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Der Heilige Geist wird uns zusammenführen. Wir können die Einheit jedoch nicht zusammenbasteln. Wir können keine Kirche erschaffen. Auch wenn unsere Kirchen auf verschiedenen Gleisen unterwegs sind, können wir davon ausgehen, dass ein Segen drinsteckt. Es ist unsere Aufgabe, diesen Segen zu suchen. Wenn wir so vorgehen, stellt sich die Frage nach der Fusion nicht, sondern nur, ob die kommende Einheit stärker strahlen wird, als die jetzige. Heute haben wir nicht keine Einheit, wir haben nur keine vollständige.



Zum Bild: In diesem Jahr feiert die Heiliggeistkirche in Flüh SO ihr 40-Jahr-Jubiläum. Sie ist die erste ökumenische Kirche der Schweiz. Anlässlich dieses Anlasses lud die Kirchgemeinde Leimental Bischof Felix Gmür (Mitte) und Ratspräsident Gottfried Locher (rechts) aufs Podium. Der christkatholische Pfarrer Michael Bangert moderierte das Gespräch. | Plüss

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