«Es wird wieder heller und wärmer»
Martina Helfenstein, Sozialberaterin beider Kirchen Sursee, erlebt jedes Jahr, dass sich Anfang Jahr verschiedene Belastungen bündeln. «Zum emotionalen Tief kommt häufig das sogenannte Januarloch», sagt sie. Rechnungen, die zu Jahresbeginn fällig werden, etwa Versicherungsprämien, treffen auf Budgets, die im Dezember bereits stark beansprucht wurden. Für Familien und Einzelpersonen mit knappen finanziellen Ressourcen könne das schnell zur Überforderung werden. Gleichzeitig zeige sich der Winter auch ganz konkret im Alltag: «Seit es kalt ist und Schnee bis ins Flachland gefallen ist, melden sich vermehrt Menschen, die dringend Winterkleider oder warme Schuhe benötigen.»
Hier setzt unter anderem das Projekt «Offener Kleiderschrank» an. Rund hundert Familien und Einzelpersonen profitieren jährlich davon. Gesammelt werden gut erhaltene Kleider, die kostenlos weitergegeben werden – unkompliziert und ohne grosse Hürden. «Es geht nicht nur um Kleidung», betont Helfenstein. «Es geht auch darum, gesehen zu werden.»
Realistische Schritte
Neben finanziellen Sorgen spielt im Winter oft auch Einsamkeit eine Rolle. Menschen verbringen weniger Zeit draussen, zufällige Begegnungen nehmen ab, Kontakte müssen aktiv organisiert werden. «Das fällt nicht allen gleich leicht», sagt Helfenstein. Rückzug sei dabei nicht grundsätzlich negativ. Alleinsein könne auch eine Pause oder Ressource sein. Problematisch werde es dann, wenn Einsamkeit zur Belastung werde und das Gefühl entstehe, nicht mehr aus dem Tief herauszufinden.
Was hilft in solchen Phasen? Helfenstein plädiert für kleine, realistische Schritte. Sich selbst etwas Gutes zu tun, müsse weder teuer noch aufwendig sein: abends in Ruhe einen Tee trinken, eine Kerze anzünden, ein gutes Buch lesen, Musik oder einen Podcast hören. «Auch kleine Belohnungen können helfen, einen schweren Tag abzuschliessen.»
Gleichzeitig empfiehlt sie, den Kontakt zu anderen nicht ganz abbrechen zu lassen. Besonders hilfreich seien niederschwellige Angebote, bei denen man sich nicht anmelden müsse und spontan entscheiden könne. Kirchliche Kafi-Treffs, offene Begegnungsräume, Gottesdienste, Chöre oder freiwilliges Engagement böten viele Möglichkeiten, ohne Verpflichtungsdruck unter Menschen zu sein.
Mit jemandem sprechen
Wichtig sei vor allem, rechtzeitig zu reagieren, wenn Rückzug und Einsamkeit zur Last werden. «Lieber zu früh als zu spät mit jemandem sprechen», sagt Helfenstein. Das könne eine Freundin, ein Familienmitglied oder auch eine Fachperson sein. Neben der Sozialberatung und der Seelsorge der Kirchen steht rund um die Uhr auch Die Dargebotene Hand (143) zur Verfügung.
Einen universellen Ratschlag für den Winter möchte sie bewusst nicht geben. Zu unterschiedlich seien die Lebenssituationen. Ihr persönlicher Gedanke für diese Zeit ist dennoch hoffnungsvoll: Sosehr sie den Winter mit Schnee, Kerzenlicht und ruhigen Abenden schätze, freue sie sich jedes Jahr auch auf das, was kommt. «Auf die Schneeglöckchen», sagt sie, «die zuverlässig zeigen: Es wird wieder heller und wärmer.»
«Es wird wieder heller und wärmer»