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Fasten: Ein Start ins bewusstere Leben

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01.01.2016
Weniger scheint in der Gesellschaft des Überflusses mehr zu sein: Längst ist Fasten nicht nur ein Thema für stramme Katholiken. Selbst Reformierte und nichtreligiöse Menschen legen Zeiten ein, in denen sie Verzicht üben.

«Fastenkur nach Hildegard von Bingen» oder «Heilfasten im Frühling». Wer glaubt, hinter solchen Angeboten stehe ein Kloster, der irrt. Längst hat die Wellnessindustrie die Fastenzeit entdeckt und bietet Hungertage zu saftigen Preisen. Freudig berichten gestresste Grossstädter vom Glückserlebnis, wenn der leere Magen nach zwei Safttagen nicht mehr knurrt. Fasten ist Trend: Gemäss einer repräsentativen Umfrage halten 56 Prozent der Deutschen den Verzicht schon aus gesundheitlichen Gründen sinnvoll.

Fasten, um Gott näherzukommen
Doch Fasten ist ein spiritueller Weg, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Gott näherzukommen. Für Buddhisten erleichtert weniger Essen das Meditieren. Buddhistische Mönche verzichten ab Mittag auf Speisen. Im Judentum darf am Jom Kippur, dem Versöhnungs- und Fastentag, weder gegessen noch getrunken werden. Man arbeitet nicht, wäscht sich nicht und bleibt sexuell enthaltsam.
Im Islam ist das Fasten eine der fünf Säulen der Religion. Gefastet wird am Ramadan. Dreissig Tage lang dürfen Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nicht essen, trinken und rauchen. Am Abend treffen sich Familie und Freunde zum Fastenbrechen.
Bei den Christen dauert die Fastenzeit vierzig Tage. In dieser Zeit sollen die Gläubigen Busse tun, sich besinnen und auf Gott ausrichten. Schon Jesus zog sich vierzig Tage in die Wüste zurück. In der Abgeschiedenheit entschloss er sich, seinen Weg zu gehen. (Mt 4,1)
Im Mittelalter baut die Kirche die Fastenregeln immer stärker aus. Das Konstanzer Konzil erklärt Biber, Dachs und Otter zum Fisch, sodass sie an den fleischlosen Tagen auf die Speisekarte kommen. Und in den Klöstern brauen die Mönche starkes Bier gegen die leeren Mägen. «Ich will jetzt davon schweigen, dass manche so fasten, dass sie sich dennoch vollsaufen», wettert Martin Luther in seinem «Sermon von den guten Werken». Ihm ist das Fasten ein Ärgernis, das es für das Heil nicht braucht.
Eine Wurst wird in Zürich zum Fanal der Reformation. Als der Drucker Christoph Froschauer während der Fastenzeit im Jahr 1522 Würste in Anwesenheit von Huldrych Zwingli auftischt, kommt es zum Skandal. Der Leutpriester muss sich erklären. In der Schrift «von Erkiesen und Freiheit der Speisen» macht Zwingli aus dem Fasten keinen Zwang: «Wiltu gern vasten, thu es; wiltu gern das fleisch nit essen, iss es nit, lass aber mir daby den Christenmenschen fry.» Erste Priorität hat für den Reformator die aus dem Glauben gewonnene Freiheit. Sie soll man sich selber und den anderen zugestehen.
Mit dem Aschermittwoch beginnt in der katholischen Kirche traditionell die Fastenzeit, die an Ostern endet. Feste Fastenregeln gibt es ausser in den Ordensgemeinschaften keine mehr.
Für die Reformierten hat der Verzicht einen gesellschaftlichen Aspekt. Die Evangelische Kirche Deutschland appelliert mit der Kampagne «Sieben Wochen ohne» dafür, die Gewohnheiten zu überdenken. Rund drei Millionen Menschen folgen jeweils dem Aufruf. 2015 verpflichtet man sich, «andere nicht runterzumachen».

Rezepte zum Leben und Überleben
In der Schweiz thematisieren die Hilfswerke sozialpolitische Themen. In der diesjährigen Fastenzeit zeigen «Brot für alle» und «Fastenopfer», welche Auswirkungen der Fleischkonsum im Westen auf die Klimaerwärmung und den Hunger in den Entwicklungsländern hat.
Die Fleischproduktion beanspruche siebzig Prozent der weltweiten Agrarfläche. Daher werde in grossem Umfang Regenwald und Savanne zerstört, meint Urs Walter, Medienbeauftragter der BFA-Kampagne. Gerade Christen dürfte das Schicksal der Menschen, die unter dem Klimawandel leiden, nicht egal sein. Mit dem Fastenkalender «Rezepte fürs Leben und Überleben» rufen die Hilfswerke zur Verhaltensänderung auf.
Für den Erfolgsautor und Benediktinerpater Anselm Grün ist der Trend zu Fasten, eine Reaktion der Gesellschaft, um aus der Tretmühle des Alltags und dem Konsumzwang herauszukommen. Viele begriffen Fasten als Start in ein bewussteres selbstbestimmteres Leben. Für Anselm Grün ist diese Spiritualität ohne Gott nicht möglich.

Tilmann Zuber

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