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Clara Ragaz

Friedensaktivistin, Feministin, Kämpferin

von Tilmann Zuber
min
10.05.2024
Mit ihrem Kampf für Frauen und Frieden leistete Clara Ragaz im letzten Jahrhundert Pionierarbeit. Lange stand die Pazifistin im Schatten ihres Mannes, des Theologen Leonhard Ragaz. Anlässlich ihres 150. Geburtstags finden zahlreiche Veranstaltungen statt.

┬ź├ťber das Leben von Clara Ragaz k├Ânnte man Heldinnengeschichten schreiben┬╗, sagt Geneva Moser, Redaktionsleiterin der Zeitschrift ┬źNeue Wege┬╗. Trotz zweier Weltkriege k├Ąmpfte Ragaz unerm├╝dlich f├╝r eine friedlichere Welt und f├╝r die Gleichberechtigung der Frauen. Und dies in einer Zeit, in der das Frauenstimmrecht in der Schweiz noch Jahrzehnte entfernt war.

Anl├Ąsslich des 150. Geburtstags von Clara Ragaz finden zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen statt, an denen Geneva Moser und Lea Burger beteiligt sind. Wann immer sie auf den Namen Ragaz gestossen sei, sei nur von Claras Mann die Rede gewesen, erz├Ąhlt SRF-Redaktorin Lea Burger. Leonhard Ragaz war neben Karl Barth einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Burger wollte mehr wissen ├╝ber die Frau an der Seite des Theologieprofessors. Und entdeckte eine Pers├Ânlichkeit, die im sozialen und politischen Bereich viel bewegt hat.

Bauernsohn und B├╝rgertochter

Clara und Leonhard Ragaz h├Ątten unterschiedlicher nicht sein k├Ânnen, sagt Moser. Er stammt aus einer Bauernfamilie in Tamins, sie aus einer gut situierten B├╝rgerfamilie in Chur. Ihr Vater ist Gerichtsschreiber. Sie ist eine rationale Frau, er ein Gef├╝hlsmensch. Nach Abschluss des Lehrerseminars in Aarau arbeitet Clara Nadig als Hauslehrerin in England und Frankreich, bevor sie nach Chur zur├╝ckkehrt. Als Sonntagsschullehrerin lernt sie den Churer Pfarrer Leonhard Ragaz kennen. Er verliebt sich Hals ├╝ber Kopf in sie.

Doch es dauert sieben Jahre, bis Clara Nadig seinem Werben nachgibt. Clara z├Âgert lange, weil sie f├╝rchtet, nicht gen├╝gend Energie f├╝r Leonards ungest├╝men Kampf aufbringen zu k├Ânnen. 1901 heiraten die beiden. Im Ehering steht der Spruch ┬źNach dem Dunkel das helle Licht┬╗, der auf Claras Namen anspielt.

Clara und Leonhard Ragaz verbindet die Kritik an der Gesellschaft und an der b├╝rgerlichen Kirche. In ihrem religi├Âsen Sozialismus soll das Reich Gottes im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Und dazu brauche es die Mitarbeit von kritischen Geistern wie den Ragazs, sagt Geneva Moser. Das waren keine idealistischen Fantastereien, sondern beide waren gepr├Ągt von einem tiefen Glauben an das Reich Gottes. Die Botschaft des Evangeliums sollte sich in den politischen Verh├Ąltnissen konkretisieren.

Kirche muss das Elend der Arbeiterschaft sehen

Das Elend des Proletariats, das Clara Ragaz in England sah, ber├╝hrte sie zutiefst. Als sie ihrem Mann, der Pfarrer am Basler M├╝nster wurde, in die Rheinstadt folgt, gr├╝ndet Clara Ragaz 1902 mit anderen Frauen den Schweizerischen Bund abstinenter Frauen und nimmt Einsitz im Vorstand des ┬źSozialen Einkaufsbundes┬╗, der sich f├╝r sozialere Arbeitsbedingungen einsetzt.

1909 organisiert sie eine Ausstellung ├╝ber Heimarbeit, welche die prek├Ąren Verh├Ąltnisse von Frauen im Baselbiet aufzeigt. 1913 tritt Clara Ragaz der Sozialdemokratischen Partei bei, ihr Mann folgt zwei Jahre sp├Ąter. 1908 zieht das Paar von Basel nach Z├╝rich, wo Leonhard Ragaz eine Professur an der Theologischen Fakult├Ąt antritt. Sp├Ąter gibt er die Stelle wieder auf und die Ragaz z├╝geln an die Gartenhofstrasse 7, mitten im Z├╝rcher Arbeiterviertel. Sie wollen nicht mehr f├╝r eine verb├╝rgerlichte Kirche arbeiten, sondern sich in den Dienst der Menschen stellen.

Friedensbewegung der Frauen

Der Gartenhof wird zur Volkshochschule und zum Zentrum der Friedensbewegung. W├Ąhrend des Zweiten Weltkriegs finden hier Emigranten aus Deutschland Zuflucht. Clara Ragaz bleibt w├Ąhrend des Ersten Weltkriegs ├╝berzeugte Pazifistin. 1915 gr├╝ndet sie mit anderen Frauen aus aller Welt den Vorl├Ąufer der ┬źInternationalen Frauenliga f├╝r Frieden und Freiheit┬╗ IFF. Die Brutalit├Ąt des Nationalsozialismus l├Ąsst Ragaz Jahre sp├Ąter ┬źschweren Herzens┬╗, so Moser, ihre pazifistische Haltung aufgeben.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt Leonhard Ragaz. Clara Ragaz bleibt k├Ąmpferisch und engagiert sich weiterhin in der IFF und gegen die atomare Aufr├╝stung im Kalten Krieg. 1957 stirbt Clara Ragaz und erlebt leider nicht mehr, wie vieles, wof├╝r sie gek├Ąmpft hat, Realit├Ąt wird: die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1968 oder die Einf├╝hrung des Frauenstimmrechts 1971.

 

150 Jahre Clara Ragaz

Clara-Ragaz-Festival mit Podiumsgespr├Ąch, Workshops, Ausstellung, Konzert und Party. 4.ÔÇô6. Oktober, Offene Kirche St. Jakob, Z├╝rich, neuewege.ch

Friedenskonferenz 2024 zu Ehren des 150. Geburtstags von Clara -Ragaz-Nadig. Samstag, 25. Mai, 14ÔÇô18.30 Uhr, Glockenhof Z├╝rich, wilpfschweiz.ch

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