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Fussball beginnt nach 90 Minuten

min
01.01.2016
Während die Weltstars an der Fussballweltmeisterschaft in den riesigen Stadien antreten, spielen auf den Strassen der Slums und Favelas Jugendliche Fussball. Bei ihrer Begeisterung für das runde Leder setzen die Hilfswerke an.

Gladis hat die erste Halbzeit verpasst. Sie musste ihrer Mutter noch im Haushalt helfen, bevor sie zu Fuss zum Turnier kommen konnte. Eine Stunde dauert der Weg über die Hügel. Zurzeit steht es null zu eins für Catalinayoc. Entschlossen legt die 15-Jährige ihren Hut auf die Tribüne, streicht den Rock glatt und stürmt auf das Feld. Ihr Team hat Anstoss und los. Regen prasselt auf den Betonboden. Pfützen spritzen, Sandalen fliegen durch die Luft aber den Spielerinnen ist das alles völlig egal. Die Zuschauer auf den Tribünen johlen. «Maura, was ist mit deiner Abwehr?», ruft einer. «Geh ran an den Ball», ein anderer.
Fussball dient im Hochland Perus nicht nur der Unterhaltung. Mit Fussball stärkt ein Projekt von mission 21 das Vertrauen innerhalb des Dorfes. In den Hochlanddörfern oberhalb der Kolonialstadt Ayacucho tobte über Jahre ein Bürgerkrieg zwischen Guerilla und Militär. Bei den Angriffen gerieten die Dorfbewohner zwischen die Fronten. Wer nicht kooperierte, wurde verdächtigt, auf der Seite der Gegner zu stehen, und ermordet. Die Dorfbewohner leiden noch heute unter den Folgen der Gewalt und dem Misstrauen in der Bevölkerung.
Wie mission 21 bauen zahlreiche NGOs auf die Kraft des Fussballs. In Kolumbien setzt das Hilfswerk der evangelischen Kirchen der
Schweiz Heks bei der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen auf den Fussball. «Dies mit guten Resultaten», versichert die Projektverantwortliche Marie-Thérèse Roggo.
Seit Jahrzehnten beherrsche ein bewaffneter Konflikt die Region Choco. Beim Fussballspiel lernen die Jugendlichen, nicht dreinzuschlagen und dass sie nur als Team erfolgreich sind. Fussballtourniere in den Dörfern tragen dazu bei, dass Nachbarn wieder miteinander sprechen. Das Spiel vernetze die Menschen und leiste einen Beitrag zum friedlichen Zusammensein. «Für viele bildet der Sport den ersten Schritt in Richtung Ausbildung», sagt Marie-Thérèse Roggo.
Selbst in den Schweiz finden sich Projekte, die auf Fussball setzen: «Surprise-Strassensport» heisst die Liga des gleichnamigen Strassenmagazins, in der 22 Teams um die Schweizer Meisterschaft kämpfen. Eine Auswahl von acht Spielern reist als Nationalmannschaft zum Homeless World Cup.
Das Besondere daran: In den Teams spielen nicht gut bezahlte Stars, sondern Obdachlose, Randständige, Asylbewerber und Drogenabhängige. «Der Fussball fördert ihr Selbstvertrauen, die Sozialkompetenz und Verlässlichkeit», sagt der Medienverantwortliche Olivier Joliat. «Auf dem Platz erlebt jeder, dass er etwas wert ist.» Der Sport war für einige die Motivation, die sie vom Alkohol und den Drogen wegbrachte.

Korruption behindert die Entwicklung des Landes
Kernland zahlreicher Fussball-Entwicklungsprojekte ist Brasilien. An der Copacabana oder an den Stränden von Salvador da Bahia kennt die Begeisterung für die Kunst des runden Leders keine Grenzen. Doch schon die Proteste und Ausschreitungen vor der WM zeigen die soziale Misere, vor der Brasilien steht. Die Korruption behindert die Entwicklung des Landes.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gross
Brasilien ist ein Land der Gegensätze. Während einzelne Regionen im Südosten und Süden Brasiliens mit der europäischen Entwicklung mithalten können, weisen grosse Gebiete im Norden und Nordosten typische Merkmale von Entwicklungsländern auf. Hier ist der Anteil der Menschen, die in absoluter Armut leben, doppelt so hoch wie im übrigen Land.
Im brasilianischen Bundesstaat Bahia lebt ein Grossteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Das Leben in den Favelas von Salvador ist geprägt von Gewalt, Drogenhandel, Arbeitslosigkeit und Gangs. Polizei und Drogenmafia liefern sich blutige Gefechte, wenn die Beamten die Elendsviertel von den Drogen säubern.
Heks unterstützt in Bahia 300 Jugendliche und Erwachsene im Alter zwischen 14 und 25 Jahren. Mit Fussball, Capoeira und Tanz versucht das Hilfswerk den Jugendlichen eine andere Perspektive zu zeigen. Auf den Strassen herrsche Hoffnungslosigkeit und Gewalt, erzählt Marie-Thérèse Roggo. «Jede Woche werden dort Jugendliche ermordet.
Manchmal ist es selbst für die Projekt-Mitarbeiter zu gefährlich, die
Favelas zu betreten.» Im Fussball erleben die Jugendlichen etwas an-
deres als die alltägliche Gewalt. Auf dem Rasen lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und Teamgeist zu bilden.
Vor allem im Bildungsbereich zeigt sich das soziale Gefälle am stärksten. 2011 besuchten rund 600 000 Kinder in Brasilien keine Schule. 32 Prozent der Schülerinnen und Schüler brachen die Grundschule vorzeitig ab.

Zehn Millionen Strassenkinder
«Bosca Arena Fussball für Bildung» heisst eine Kampagne der Don Bosco Jugendhilfe Weltweit anlässlich der Fussballweltmeisterschaft Die Jugendhilfe, die die Ausbildungszentren des katholischen Ordens der Salesianer unterstützt, hat ihren Sitz in Beromünster.
In Brasilien leben zehn Millionen Strassenkinder. Die wirtschaftliche Not treibt immer mehr Familien vom Land in die Stadt, wo sie in den Elendsvierteln landen. Gerade Kinder werden hier Opfer der allgegenwärtigen Gewalt in den Familien und Favelas. Viele der Kinder und Jugendlichen landen auf der Strasse. In den Ausbildungszentren Don Boscos finden sie einen Zufluchtsort, eine warme Mahlzeit und die Chance zur Berufsausbildung. Sport ist in der Pädagogik von Don Bosco zentral. Dem Fussball kommt eine entscheidende Bedeutung in der Erziehung der Strassenkinder und -jugendlichen zu.
Botschafter der «Bosco Arena» ist Everson Rodrigues Ratinho. Der ehemalige Spieler des FC St. Gallen und FC Kaiserslautern erlebte selbst, wie ihm der Fussball ein komplett «neues Leben ermöglichte». Dafür sei er dem «lieben Gott und allen, die ihn auf dem Weg begleiteten», dankbar, erzählt er.
In Brasilien sei es schwierig, aus dem sozialen Milieu herauszukommen. Wer arm sei, der bleibe arm, meint Ratinho lakonisch. Er selbst hatte das Glück, die Fussballschule SC Matsubara zu besuchen, an der er früh gelernt habe, was es bedeutet, klare Strukturen und Disziplin im Leben zu haben. Später folgte der Wechsel ins Ausland.

Eintritt zu teuer
Marinko Jurendic, Trainer beim Schweizerischen Fussballverband des FC Kriens, ist einer der Mitinitianten der Kampagne «Bosco Arena», die während der WM für zwei Projekte in Rio de Janeiro und in Sao Paolo wirbt. Vor kurzem war er in den Favelas der beiden Metropolen. Die Zustände, die er dort antraf, waren desolat. Durch die Strassen verliefen offene Kloaken. Die kleinen, baufälligen Häuser, in denen oft sieben oder acht Personen hausten, waren mit Wellblech bedeckt. Auf den Strassen lungerten Jugendliche herum und dealten. «Die waren im gleichen Alter, wie die Jungs, die ich zurzeit trainiere», erklärt Marinko Jurendic.
Der ehemalige Stürmer des FC Luzern und des FC Thun engagiert sich, weil die Kinder ohne Bildung keine Chance haben, je aus den Favelas herauszukommen. «Bildung ist ihre einzige Zukunftsperspektive.» In Sao Paulo besuchte Marinko Jurendic eine Favela, in dem Don Bosco eine Schule für 5000 Kinder unterhält. Auch hier gibt es eine Fussballschule, in der die Jugendlichen begeistert trainieren.
Das Zentrum liegt unmittelbar neben der Arena Sao Paulo, in der das WM-Eröffnungsspiel stattfindet. Die Distanz zu den Favelas beträgt nur wenige hundert Meter. Doch für die Bewohner sind die WM-Spiele Lichtjahre entfernt. «Der Eintritt ist für sie schlicht zu teuer», meint Marinko Jurendic. Das stimme ihn schon nachdenklich.




Versanstaltungen:

Internationales Fussballtennis-Turnier
Benefiz-Anlass zugunsten der Bosco Arena, Freitag, 20., bis Sonntag, 22. Juni, Sarnen. Rahmenprogramm: Public Viewing der Fussball-WM-Spiele Frankreich Schweiz und Ghana Deutschland; Promi-Match mit Autogramm-stunde. Anmeldung/Tickets unter: info@mssports.ch. Einnahmen vollumfänglich zugunsten Bosco-Arena.

Jugendgottesdienst connected
:
«Volltreffer» 
mit Benjamin Huggel

Die Fussball-WM ist Thema im Connected-Gottesdienst «Volltreffer auf und neben dem Platz» von Jugendlichen für Jugendliche. Prominenter Gast wird Benjamin Huggel sein, der den passenden Input liefert. Im Anschluss schauen alle gemeinsam den Match Schweiz Ecuador. Sonntag, 15. Juni, 17 Uhr, ref. Kirche Arlesheim.

Tilmann Zuber

Links:
www.boscoarena.ch


Augenblicke des Glücks: Jugendliche spielen auf einem Fussballplatz in den Favelas. | zvg

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