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Kultur 

Geschichten, die unter die Haut gehen

von Sandra Hohendahl-Tesch / reformiert.info
min
14.03.2024
Nach den Strapazen der Flucht stehen sie vor neuen Hürden. Ein Film des Iraners Mehdi Sahebi zeigt, wie Geflohene ihre Schicksale meistern. Der Dokumentarfilm ist für den Schweizer Filmpreis 2024 nominiert und startet heute in den Schweizer Kinos.

┬źGefangene des Schicksals┬╗ ist ein bewegendes Portr├Ąt von Gefl├╝chteten aus Afghanistan und dem Iran, die im Zuge der Fl├╝chtlingswelle von 2015 in die Schweiz kamen und versuchen, hier Fuss zu fassen. Filmemacher Mehdi Sahebi begleitete sie ├╝ber mehrere Jahre in ihrem Alltag ÔÇô sei es beim Essen, beim Sport oder beim Gang zu einem Amt.

Da ist Mahmad, ein Deserteur, Sanam, die Mutter, die auf der Flucht ihren kleinen Sohn verlor, weil dieser an der t├╝rkischen Grenze verhaftet wurde. Und Ezat, der sich um seine zur├╝ckgelassene Mutter sorgt. Dazu kommt Teenager Omid, der in der Fremde mit Heimweh k├Ąmpft, obwohl er in einem Pfadilager zum ersten Mal von einem M├Ądchen, das nicht zur Familie geh├Ârt, die Schultern massiert bekam. ┬źEtwas, das im Iran unm├Âglich w├Ąre┬╗, sagt er grinsend. Doch dann verzieht sich sein Gesicht, er weine sich jeden Abend in den Schlaf, weil er seine Eltern vermisse, sagt der 16-J├Ąhrige.

Vereint sind die Protagonisten im Empfinden von Machtlosigkeit gegen├╝ber ihrem Schicksal. Sie m├╝ssen die Traumata der Vergangenheit verarbeiten und sich zugleich in einer ungewissen Zukunft in einem fremden Land zurechtzufinden. Angst und Hoffnung wechseln sich in diesem Prozess st├Ąndig ab. Werden sie, die Gefangenen des Schicksals, ihren Platz in dieser Gesellschaft finden?

Mitten ins Herz

Der Dokumentarfilm ber├╝hrt durch seine Schlichtheit und Authentizit├Ąt. Die Unmittelbarkeit wird durch die persische Sprache unterstrichen, die eine Distanz und N├Ąhe schafft. Manchmal ist es schier unertr├Ąglich: Da ist zum Beispiel der Geburtstag von Sanams Tochter. Die Mutter telefoniert mit ihrem Sohn, der mittlerweile bei den Grosseltern in der T├╝rkei wohnt. Sein Gesichtsausdruck via Facetime trifft einen mitten ins Herz. Verlassen und entt├Ąuscht nimmt er wenigstens so an der Party seiner Schwester teil.

Neben den traurigen gibt es aber auch am├╝sante Szenen, etwa als die jungen Asylsuchenden ├╝ber die neue, durchaus ausgefallene Frisur einer ihren Kumpeln lachen. Solche Momente offenbaren, wie stark der Zusammenhalt in der Fremde ist. Dass selbst Armut und die Abh├Ąngigkeit von den b├╝rokratischen Entscheidungen nichts daran ├Ąndern kann. Die begleiteten Menschen sind von tiefen Verletzungen gezeichnet, dennoch verk├Ârpert ihre Geschichte die immense Kraft von Freundschaft, Liebe und Solidarit├Ąt.

 

 

Happy-End auf dem Spielplatz

Regisseur Sahebi floh einst selbst aus dem Iran. Er weiss, von was er spricht. Nicht alle Schicksale, so viel sei vorweggenommen, nehmen ein gutes Ende, das sich prim├Ąr ├╝ber einen positiven Asylentscheid definiert. Der bei der Flucht verhaftete Junge aber findet schliesslich den Weg zu seiner Familie. Unbeschwert ist er am Ende des Films mit seiner Schwester auf einem Spielplatz, wie es f├╝r alle Kinder eigentlich ganz normal sein sollte.

Nach dem Erfolg von ┬źZeit des Abschieds┬╗ kehrt Sahebi mit ┬źGefangene des Schicksals┬╗ meisterhaft auf die Leinwand zur├╝ck. Der Film wird von der Z├╝rcher Landeskirche unterst├╝tzt und ist ab dem 14. M├Ąrz im Kino. Ein Zeugnis von menschlicher Resilienz und dem Willen, die Hoffnung trotz allem nicht zu verlieren.

 

Mehdi Sahebi: Gefangene des Schicksals. Schweiz 2023. Nominiert f├╝r den Schweizer Filmpreis 2024. Der Dokumentarfilm l├Ąuft ab sofort in den Schweizer Kinos.

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